Autofahren in Hamburg: Fünf Fragen an Jens Schade

Der Genuss, im Stau zu stehen

Dr. Jens Schade, 41, ist Verkehrspsychologe an der Technischen Universität (TU) Dresden

Hamburg. 1. Hamburger Abendblatt: Trotz Staus - wie derzeit zur Stoßzeit in Hamburg durch Besucher der Messe Internorga und neue City-Baustellen - nehmen viele ihr Auto statt Bus oder Bahn. Was treibt sie bewusst in den Stau?
Jens Schade : Das hat viele Gründe. Wer ein Auto besitzt, weiß, dass es Geld kostet, ob es steht oder fährt. Dazu kommt die Bequemlichkeit. Für viele ist die Zeit ganz allein im Auto, vielleicht untermalt mit der Lieblingsmusik, ein Genuss. Die Welt endet hinter der Autoscheibe. In Bussen oder Bahnen fühlt man sich dagegen oft schnell durch andere belästigt.

2. Bewegen Strafmaßnahmen wie eine Citymaut Autofahrer zum Umsteigen?
Schade :Strafmaßnahmen sind der falsche Begriff. Aber eine Citymaut könnte ein deutliches Zeichen sein. Unser Leben wird von Angebot und Nachfrage bestimmt. So sollten wir auch Geld dafür ausgeben, wenn wir das knappe Gut Straßenraum gebrauchen, die Luft verschmutzen oder zu einer Zeit fahren, in der auch alle anderen unterwegs sind.

3. Oder sind Anreize wie Billigtickets für den ÖPNV das bessere Mittel gegen Staus?
Schade : Das ist prinzipiell ein beliebtes Modell, das aus der Psychologie kommt. 2001 hat der Psychologe Daniel Kahnemann den Wirtschafts-Nobelpreis für seine Prospekttheorie bekommen. In ihr geht es darum, wie unterschiedlich Menschen Gewinne und Verluste wahrnehmen. Menschen reagieren stärker auf zu erwartende Verluste als auf Gewinne. Anders ausgedrückt: Autofahrer würden eher umsteigen, wenn eine Citymaut kommt, als wenn man ihnen Anreize mit günstigen Bahntickets bietet. Die nutzen vielleicht eher Radfahrer. Dann wären die Bahnen zwar voll, aber die Autofahrer hätten ihr Verhalten nicht geändert.

4. Immer wieder fahren Autofahrer auf verstopfte Kreuzungen und sorgen so für neue Staus. Was treibt sie zu dieser Unvernunft?
Schade : Das ist einfach: Wir haben unsere Augen vorn. Unser Erwartungshorizont und Handeln sind ausgerichtet auf das, was vor uns liegt. Auch beim Stau. Wer hineinfährt, verlängert die Wartezeit der hinter ihm Stehenden. Das schert aber niemanden. Die Reisezeitverlängerung, die wir anderen zufügen, ist ja für mich nicht wahrnehmbar. Hinzu kommen Egoismus und der Kaskadeneffekt: Wenn es einer macht, folgen ihm andere mit der inneren Rechtfertigung, der andere hat angefangen.

5. Sind deutsche Städte mit ihrer Verkehrstechnik zu schlecht auf Staus vorbereitet?
Schade : Das ist eine typisch deutsche Erwartungshaltung. Dahinter steckt Ingenieursdenken, vielleicht fehle nur die richtige Technik. Ich bin überzeugt: Stauprobleme werden nie allein technisch gelöst werden.