Offen gesagt

Aufständische brauchen Lieder

Ein Kommentar von Matthias Gretzschel

Singen macht Mut, vor allem wenn man gemeinsam singt. So wie die jungen Ägypter auf dem Kairoer Tahrir-Platz in diesen Tagen die Hymne "Habibti Ya Masr" singen, hatten die Pariser bei der Juli-Revolution 1830 die verbotene Marseillaise auf den Lippen. Und in Baden intonierte man 1848 das nach dem Revolutionär Friedrich Hecker benannte Heckerlied, in dem es heißt: "Fürstenblut muss fließen, knüppelhageldick. Und daraus ersprießen, die freie Republik".

Im ostdeutschen Herbst ging es 1989 sehr viel friedlicher zu. Wenn die Leipziger Demonstranten die Nikolaikirche verließen, sangen sie den Friedenskanon "Dona nobis pacem" und - in breitestem Sächsisch-Englisch - den amerikanischen Protestsong "We Shall Overcome". Doch dann erscholl zum Entsetzen der Genossen von Partei und Staatssicherheit die "Internationale". Eugène Pottier hatte den Text 1871 nach der Niederschlagung der Pariser Kommune in der Gewissheit gedichtet, dass das Volk letzten Endes immer siegen würde. Die Leipziger nahmen ihn ein Jahrhundert später beim Wort, auch wenn sie nicht besonders textsicher waren. Aber es kam ohnehin nur auf eine Zeile aus dem Refrain an. Dort heißt es: "Die Internationale erkämpft das Menschenrecht!"

Aus der zur Propagandahymne verkommenen "Internationale" wurde damals wieder das, was sie ursprünglich gewesen ist: ein Revolutionslied, das Mut macht.