Ägypten will die Büste zurück: Fünf Fragen an Christian Loeben

Die Nofretete gehört nach Berlin

Der Ägyptologe Dr. Christian E. Loeben, 49, ist Leiter der ägyptischen Sammlung des Museums August Kestner in Hannover.

1. Hamburger Abendblatt: Haben Sie unabhängig von der Rechtslage Verständnis dafür, dass Ägypten die Rückgabe der berühmten Büste der Nofretete fordert, die sich seit 1913 in Deutschland befindet?

Christian Loeben: Nein, denn eine bessere Botschafterin Ägyptens in der deutschen Hauptstadt und somit in der Mitte Europas könnte sich Ägypten nicht wünschen. Hunderte Museumsbesucher werden von ihr angeregt, in ihre Heimat zu reisen, und der Tourismus ist bekanntermaßen Ägyptens Nationaleinkommen Nummer eins!

2. Warum hat diese Kalksteinbüste für Berlin und Deutschland so große Bedeutung?

Loeben: Sie hat für die Geschichte der Weltkunst enorme Bedeutung und gehört aus diesem Grund der gesamten Menschheit. Wichtig ist, dass sie irgendwo unter den für sie optimalen Bedingungen für jedermann annähernd uneingeschränkt zu besichtigen und bewundern ist. Diese Bedingungen bietet die Museumsinsel in Berlin wie viele andere, jedoch nicht unbedingt alle Orte der Welt auch.

3. Ist Nofretete nicht auch ein Symbol, dass sich die europäischen Mächte bis ins 20. Jahrhundert die kulturellen Schätze der ehemaligen Kolonien angeeignet haben?

Loeben: Nein, denn sie ist als Fund aus einer wissenschaftlichen Grabung hervorgekommen, die unter der Oberaufsicht des ägyptischen Staates, der Spezialisten dafür einlädt, durchgeführt wurde. Diese Grabungen und die durch sie gewonnenen Erkenntnisse über die Vergangenheit des Landes sind wesentlicher Bestandteil der eigenen Kultur. Da sie mit enormen Kosten verbunden sind, wurden und werden ausländische Mitwirkungen an der Geschichtsgewinnung vom ägyptischen Staat mit Funden aus den Grabungen "kompensiert". So kam Nofretete nach Berlin, das hat nichts mit Kolonialismus zu tun.

4. Was spricht dagegen, die Nofretete in Berlin durch eine perfekte Kopie zu ersetzen?

Loeben: Alles, Kopien könnten überall stehen. Eine "Begegnung" mit Nofretete und dadurch eine emotionale Erfahrung mit ihrer außergewöhnlichen Epoche kann nur mit dem Original erfolgen.

5. Wäre eine Rückgabe der Büste ein Präzedenzfall, der eine Fülle weiterer Rückgabeforderungen nach sich ziehen würde?

Loeben: Nein, denn unstrittig ist, dass Nofretete Teil einer legalen Fundteilung war. Strittig ist offensichtlich nur, ob dabei irgendetwas nicht mit rechten Dingen zugegangen sei. Sollte es dafür Indizien geben, wäre das ein Fall für Juristen, nicht für Kulturpolitiker. Nofretete ist also ein ganz besonderer Fall, der auf kein anderes Museumsobjekt der Welt übertragbar ist.