Kinder

Verweigerer: Den Deutschen geht der Nachwuchs aus

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Wichtigster Vorsatz kinderloser Männer unter 45 müsste es sein, endlich Vater zu werden. Denn der mangelnde Nachwuchs liegt vor allem an ihnen.

Sechs Kinder in acht Jahren wurden von 1887 bis 1895 in die Familie Freud geboren. Danach wollte Sigmund Freud, der rastlos forschende Gründervater der Psychoanalyse, wegen "der ewigen Schwangerschaften" seine Frau Martha schonen und entschloss sich zur Abstinenz.

Familienplanung war bis in die 60er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts, als die Pille erfunden wurde, weitgehend Männersache. Die Frauen wurden schwanger, ob sie wollten oder nicht. Zum Rollenbild des Mannes gehörte selbstverständlich das Vatersein. Am Besten stand man einer großen Kinderschar vor. Ob bei den Armen, Reichen oder im Bürgertum - viele Kinder verschafften Anerkennung, waren das Sinnbild von Kraft und Potenz. Starb die Frau im Kindbett, heiratete der Mann oft ein zweites Mal. Schon deshalb gibt es so viele Märchen von der bösen Stiefmutter - eine Stiefmutter gehörte für viele Kinder früher zum Alltag. Auch die Stiefmutter bekam natürlich wieder viele Kinder.

Ach, und es gab Eigenschaften, die Jungen entwickeln sollten, um später über sie zu verfügen: Tapferkeit, Mut, Risikobereitschaft, Ausdauer. Ein Junge sollte zu seinem Wort stehen, für seine Freunde eintreten, Auseinandersetzungen nicht scheuen, bei Schmerz die Zähne zusammenbeißen, Beschützer sein. Und später Ernährer der Familie.

Jungen wissen nicht, was von ihnen eigentlich erwartet wird

Doch mit all diesen jahrhundertelang gültigen Wahrheiten und Stereotypen ist seit ein paar Jahrzehnten Schluss. Kinder verschaffen Männern keinerlei zusätzliche gesellschaftliche Anerkennung mehr. Waren sie früher Teil der Selbstverwirklichung, stehen sie dieser heute diametral gegenüber. Statt Stiefmüttern und -geschwistern gibt es nun Patchworkfamilien. Und kleine Jungen müssen nicht mehr tapfer sein, wissen aber derzeit nicht so recht, was stattdessen von ihnen erwartetet wird. Über die Anzahl der Kinder entscheiden längst die Frauen. Wenn sie es denn können. Denn immer mehr Männer rätseln nicht nur darüber, welche Aufgaben sie neben den selbstständigen, unabhängigen Frauen übernehmen wollen, sie weigern sich auch, Vater zu werden. Nach einer Studie der Bertelsmann-Stiftung sind 35 Prozent der unter 45-jährigen Männer in Deutschland kinderlos. 30 Prozent wollen es bleiben.

Kinder, nein danke. So ähnlich heißt es seit mehr als drei Jahrzehnten in Deutschland. Jedenfalls bei vielen, die zur Generation der 20- bis 45-Jährigen gehören. Und diese Altersgrenze gilt auch für Männer. Zwar hören sie ihre biologische Uhr nicht ticken, und vereinzelt kann man auch lesen, dass irgendeiner mit 70 Jahren noch Vater geworden ist. Doch kaum ein Mann mehr wird zum ersten Mal Vater, wenn er die 45 überschritten hat. In diesem Alter hat die überwältigende Mehrzahl der Männer die Familienplanung abgeschlossen. Sofern Männer sich heute überhaupt noch dazu entschließen, eine Familie zu gründen. Knapp ein Viertel aller Männer in Deutschland, die älter als 50 Jahre alt sind, haben kein Kind, während es bei den Frauen dieser Altersgruppe nur zwölf Prozent sind.

Vater zu sein ist für immer weniger Männer erstrebenswert, erscheint vielen geradezu unsexy. Lieber bleibt man selbst jung. In der Werbung fahren Männer Auto, spielen Fußball, gucken DVD, klettern auf Berge oder trinken Bier. Echte Kinder existieren in ihrer Welt kaum. Und wenn doch, sehen die Typen, die sich mit Kindern umgeben, putzig aus, knuddelig oder süß. Welcher Mann könnte das als verlockendes Rollenbild entdecken? Um sich als Mann zu beweisen, so die moderne Botschaft, muss man nicht Vater sein. Und auch kein Erzieher. So sind männliche Lehrkräfte an Grundschulen so gut wie ausgestorben.

Doch was lernt man daraus? Männer haben keine wichtigen Werte mehr zu vermitteln. Wo sind sie hin, die alten Jungentugenden wie Verantwortung übernehmen, tapfer und mutig sein, zu seinem Wort stehen und auch mal durchhalten, wenn's gerade nicht so gut läuft? Viele Männer haben sich stillschweigend von all dem verabschiedet. Seit sie wissen, dass sie im Ernstfall gar nicht für die Familie sorgen müssen, weil der Staat für das Nötigste aufkommt, fühlen sie sich auch weniger verpflichtet, Verantwortung für Frau und Kind zu übernehmen. Ein Drittel aller Unterhaltspflichtigen in Deutschland zahlt nicht.

Frauen im Alter zwischen 15 und 45 Jahren bekommen in Deutschland durchschnittlich nur 1,36 Kinder, zeigt die jüngste Statistik für 2010. Schuld daran ist nicht etwa die Emanzipation der Frauen, im Gegenteil: Je sicherer eine Frau im Berufsleben steht, desto eher ist sie bereit, ein Kind zu bekommen. Forscher des Berliner Instituts für Bevölkerung haben festgestellt, dass in Ländern, in denen viele Frauen berufstätig sind und eher ein gleichberechtigtes Miteinander von Mann und Frau praktiziert wird, mehr Kinder geboren werden. Das führt zu vergleichsweise hohen Werten in den skandinavischen Ländern und zu niedrigen in den südeuropäischen Staaten.

Schuld an der Kinderlosigkeit sind unter anderem die unverbindlichen Lebensbeziehungen. Paare, die nicht verheiratet sind, bekommen deutlich seltener Nachwuchs als Eheleute - oder auch als Menschen, die auf dem Land leben. Die Scheidungsrate in Großstädten liegt bei 50 Prozent. Und wer sich nicht sicher sein kann, dass er über seinen Zeitvertrag hinaus noch einen Arbeitsplatz haben wird, wer immer wieder umziehen muss, weil der Arbeitgeber Flexibilität verlangt, der sehnt sich nicht unbedingt nach einem Kind, sondern zuerst einmal nach beruflicher Sicherheit. Zwei Drittel aller Männer fürchten, dass sich ihre finanzielle Lage mit Kindern verschlechtern wird. Mehr als die Hälfte aller Männer glauben, ihre Chancen auf Beschäftigung verschlechterten sich, wenn ein Baby da ist und sie auch noch Zeit mit ihm verbringen sollen. Die deutsche Bevölkerung nimmt stetig ab und wird immer älter - mit gravierenden sozialen und wirtschaftlichen Folgen. Doch wo es bisher immer nur um die Frauen ging und die Kinder, die sie nicht bekommen, fragt offenbar kaum jemand nach den Männern und wie sehr sie Einfluss auf das Reproduktionsverhalten nehmen.

Männer scheuen viel eher die Elternschaft als Frauen. Egal, ob man die Population Policy Acceptance Study (PPAS) der Berliner Bevölkerungsforscher oder einschlägige Studien der Bertelsmann-Stiftung heranzieht: Überall wird deutlich, dass sich viele Männer ein Leben ohne Kinder sehr gut vorstellen können. Als Argument gegen ein Kind wird häufig genannt, dass Männer im Falle einer Trennung kaum Rechte aufs Kind hätten, nur noch Unterhaltspflichten.

Frauen, die Kinder wollen, werden vertröstet: "Ich bin noch nicht so weit"

Die Aussicht, einem Kind zuliebe Freizeitinteressen aufgeben zu müssen, schreckt 40 Prozent aller Männer. Kinder bedeuten "Stress", sagen sie, "bremsen mich in meiner Entwicklung". Freizeit ist wichtiger als Heirat und Familiengründung. Leben sie in einer Partnerschaft, wird die Frau oft vertröstet: Man sei "noch nicht so weit", "Allein ist es doch auch schön. Wir können tolle Reisen machen und jederzeit ausgehen." Nur dass diese Reisen dann häufig alljährlich auf Malle enden und das Ausgehen vor dem Fernseher und mit Kartoffelchips. Natürlich gibt es auch Frauen, die gegen den Willen des Partners ein Kind bekommen. Aber deutlich häufiger finden Frauen, die gern Kinder hätten, keinen Partner, der sie mit ihnen haben will.

Was mögen die Gründe sein? Zu einem Männerleben in früheren Jahrzehnten gehörten Kinder selbstverständlich dazu. Kinder waren nicht nur die Altersversorgung, sie waren der Grund für eine Ehe, sie dokumentierten auch, dass der Mann in der Lage war, für eine Familie zu sorgen. Diese Gründe scheiden heute aus. Fürs Alter gibt's die Rente, heiraten muss heute niemand mehr, und die Familienplanung liegt in den Händen der Frauen. Kein Mann, der Kinder will, kann das heute gegen den Willen der Frauen durchsetzen. Das war jahrtausendelang anders. Doch mit der Hoheit über Kinderwunsch und -zahl hat der Mann auch weitgehend die Verantwortung über das, was Familie heißt, abgegeben. "Frauen", so denkt sich manch einer, "verdienen heute selbst ihr Geld. Und notfalls tritt der Staat in Vorleistung. Verhungern muss niemand mehr." Dabei kann ein junger Mann, der sich heute mit seiner Partnerin für ein Kind entscheidet, mit einer großen Bereicherung für sein Leben rechnen. Aber er muss auch bereit sein, zu geben, sein Leben zu ändern.

Vielleicht fürchtet manch einer, der zu lange von Mami verwöhnt wurde, seinen Platz im Mittelpunkt räumen zu müssen. Erst mit 25 ist die Hälfte der Männer bereit, das Elternhaus zu räumen. Auch das Ewig-jung-bleiben-Spiel, bei dem 45-Jährige noch mit Basecap, Schlabbershirt und -hose herumlaufen, wirkt wenig männlich.

Aber wie sieht das Männerbild im 21. Jahrhundert aus? Was wird von Männern heute erwartet, wo Ritter und Cowboys nicht mehr gebraucht werden, Bergarbeiter ausgestorben sind und Piraten ins Gefängnis kommen? Neue Rollenbilder sind noch nicht erfunden, die Männer befinden sich eindeutig in einem Modernisierungsrückstand, während sich Frauen über Jahrzehnte eine neue gesellschaftliche Position erkämpft haben. Viele Männer erklären sich zwar bereit, bei der Erziehung mitzuhelfen - aber das ist weit davon entfernt, Verantwortung zu übernehmen.

Familienfreundlichkeit ist ein zentraler Faktor für die Zukunftsfähigkeit eines Landes. Nicht die geringe Geburtenrate, sondern vielmehr die Abnahme der sogenannten Elterngeneration (22 bis 35 Jahre) spielt die entscheidende Rolle für den fortschreitenden Bevölkerungsrückgang in Deutschland. Und eben diese Elterngeneration wird nach Berechnungen der Bertelsmann-Stiftung in den kommenden 15 Jahren erheblich schrumpfen. Während ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung im Jahr 2006 noch bei 16,8 Prozent (13,8 Millionen) lag, wird er bis zum Jahr 2025 auf 15,7 Prozent (12,6 Millionen) sinken. Dies bedeutet einen Rückgang um 1,15 Millionen Menschen. Viele beginnen auch viel zu spät mit der Familienplanung, die dann oft gar nicht mehr klappt. In Hamburg beispielsweise liegt das Durchschnittsalter der Mütter bei der ersten Geburt bei 31 Jahren.

Es gibt nie den perfekten Zeitpunkt, eine Familie zu gründen

Vielleicht ist noch nicht alles verloren. 92 Prozent aller Männer wünschen sich familienfreundliche Arbeitszeiten für Väter. Ob sie sie dann wirklich in Anspruch nehmen würden, ist auch eine Frage der Souveränität. Eines aber ist klar: Wer an dem vor allem von jungen Frauen erwarteten partnerschaftlichen Beziehungsideal teilhaben möchte, der sollte Babystress und Erziehung mittragen. Ein partnerschaftliches Familienbild stellt an den Mann hohe Ansprüche. Wenn sie nicht erfüllt werden, gerät die Beziehung in eine Krise.

Am Ende hat das sogar Auswirkungen auf die gesamte Gesellschaft. Wer heute schon eine sinnliche Anmutung davon haben möchte, wie Überalterung aussieht, der besuche am Wochenende einen Landgasthof, eine Opernaufführung oder ein Dorf in Mecklenburg-Vorpommern.

Und wer wird die Auswirkungen dieses demografischen Wandels am stärksten zu spüren bekommen? Genau: Jene, die heute zwischen 24 und 45 Jahre alt sind. Wollen die wirklich keine Kinder mehr? Vielleicht sollte man ihnen sagen, dass es fürs Kinderkriegen niemals einen perfekten Zeitpunkt gibt. Und dass sie es trotzdem einfach mal versuchen sollten, sich auf ein Baby einzulassen.