Winter in der Stadt

Der Schnee von gestern ist auch morgen noch ein Thema

Über das Wetter redet jeder. Protokoll eines Stadtgesprächs

Hamburg. Petra hat es geschafft. Über sie spricht die ganze Stadt, und mindestens die halbe lästert. Kalt sei sie, chaotisch und irgendwie auch egoistisch. Zwingt sie einen doch, sein Leben von einem ungemütlichen Spätherbsttag auf den nächsten eisigen Wintertag nach ihr, einem Tiefdruckgebiet, auszurichten.

Wie beispielsweise Charlotte Schmidt es tut. Sie steht am Siemersplatz, Haltestelle der Linie 5 - die gilt als Europas meist frequentierte Buslinie und ist es in diesen Tagen gewiss. Frau Schmidt fragt nach Hilfe, als sie vor dem Fahrkartenautomaten steht: "Wissen Sie, es ist schon wieder so lange her, dass ich vom Auto auf die öffentlichen Verkehrsmittel umgestiegen bin."

Auch die Händler auf den Wochenmärkten müssen sich umstellen. Kleidungstechnisch. "Wir tragen fünf Schichten, den sogenannten Zwiebel-Look", sagen Sabine Backes-Wiedow und Kollegin Melanie Warncke von der Marktbäckerei. Der Umsatz sei schon ein bisschen eingebrochen, am Freitag um etwa 20 Prozent. Sie hoffen, dass der Winter 2010 nicht bis zum April 2011 bleibt. "Im vergangenen Jahr war auch in der Kasse ein bisschen Eiszeit", sagt Sabine Backes-Wiedow. "Da sind die Kunden doch neun Wochen lang nicht auf den Markt gekommen."

Die Kunden, die derzeit kommen, dürften sich für Petra Hellsterns Stand interessieren. Die Winterhuderin verkauft nämlich selbst entworfene und gestrickte Mützen aus Merinowolle. "An manchen Tagen verkaufe ich zwei davon, an anderen bis zu 20", sagt sie. Von 6.30 Uhr bis 14 Uhr stehe sie immer auf dem Isemarkt - und an Tagen wie Freitag nie ohne eine Thermoskanne Tee. "Sonst kühlt man doch noch schneller aus."

Eine kurze Pause im Freien kann dagegen ganz erfrischend sein. Finden jedenfalls Anke Patzak und ihre kleine Tochter Marie. Vor dem Café Estoril am Lehmweg sitzen die beiden - warm eingepackt - draußen. "Irgendwie ist das Winterwetter doch auch schön", sagt Anke Patzak aus Eppendorf. Jedenfalls solange man nicht Autofahren müsse. "Eigentlich wollen wir heute noch zu Freunden nach Seevetal", sagt sie. "Aber ich glaube nicht, dass wir uns die Fahrt bei dieser Witterung antun werden."

Auch am Wochenende sollen die Straßen teils glatt sein, mit chaotischen Verhältnissen sei aber nicht zu rechnen, sagen Meteorologen voraus. "Petra" hat sich schließlich aus Deutschland verabschiedet. Jedenfalls auf Zeit, bis Sonntagabend. Dann kehrt sie zurück, bringt Schneefall mit und wird damit wahrscheinlich schon wieder zum Stadtgespräch.