Pilotprojekt Underdogs

Ausbildung von Hunden hinter Gittern

Foto: Volker Wenzlawski / Wenzlawski

Im Frauengefängnis auf Hahnöfersand läuft zurzeit ein bundesweit einmaliges Projekt: Häftlinge bilden junge Welpen zu Blindenhunden aus.

Ronja, Rose und Cleo kullern über den nassen Rasen. Sie wuseln zwischen vielen Beinen hin und her und hören auf knappe Kommandos. Sie machen "Sitz" und "Platz" und bekommen dann Leckerlis von Denise, Melanie und Yvonne. Die Frauen frieren ein bisschen im Nieselregen. Sie sind von einem mächtigen Metallzaun umgeben. Direkt dahinter geht das flache Land bis zum Deich. Hinter dem langen grünen Hügel fließt die Elbe. Man kann den großen Strom von hier aus nicht sehen. Aber es riecht ein bisschen nach der weiten Welt.

Es ist ein später Nachmittag im November. Drei Flutlichtmasten werfen ein spärliches Licht auf dieses halbdunkle, eingezäunte Gelände. Ein verschlossener und trüber Ort, von dem es für Denise, Melanie und Yvonne vorerst kein Entkommen gibt. Auch Ronja, Rose und Cleo müssen hierbleiben. Dabei haben sie gar nichts verbrochen.

Hahnöfersand ist Romanstoff und Filmkulisse. Siegfried Lenz verpackte die Marschinsel in der Elbe in seine "Deutschstunde", Hark Bohm ließ hier in "Nordsee ist Mordsee" zwei Jugendliche per Segelschiff anlanden. In Wahrheit aber ist Hahnöfersand eine Drohung mit Ausrufungszeichen. Die Gefängnisinsel teilt aufgrund ihrer geografischen Lage mit nur einem bewachten Zugang am Deich jedem einzelnen Bewohner zu jeder Tages- und Nachtzeit mit: "Denk nicht einmal dran!"

Vor beinahe 100 Jahren wurde die 700 Meter breite und zwei Kilometer lange Fläche gegenüber von Wedel an die Hamburger Gefängnisverwaltung übergeben. Zehn Jahre später stand hier eine Jugendstrafanstalt, seit 1997 gibt es daneben ein Frauengefängnis. Hier versammeln sich die aus dem Rahmen Gefallenen. Jede Menge Underdogs. Hunde gab es hier noch nie.

Der Regen lässt nicht locker. Nadja Steffen, die Hundetrainerin, hat sich Melanie zur Seite genommen. Ronja soll heute "Sitz" üben. Der braune Labrador-Welpe ist zwölf Wochen alt, ziemlich verfressen und sehr verspielt. Wenn die Ausbildung hinter Gittern erfolgreich ist, wird Ronja später einmal als Blindenführhund einen sehr verantwortungsvollen Job ausüben.

Ein einmaliges Experiment. Sechs Häftlinge teilen sich drei Welpen. Ein Königspudel, zwei Labradore. Es gibt drei A- und drei B-Paten. Dreimal in der Woche lernen sie von nun an neun Monate lang unter fachlicher Anleitung alles über Haltung und Erziehung, Ernährung und Körpersprache der Hunde. Im Idealfall werden aus Ronja, Rose und Cleo einmal Blindenführhunde.

Melanie sagt, dass sie manchmal sehr aufbrausend ist. Sie ist 29 und wog mal mehr als 200 Kilo. Im August 2008 saß die Altenpflegerin auf der Anklagebank im Hamburger Landgericht und erzählte, wie sie wegen ihres Übergewichts ein Leben lang gedemütigt worden ist. Von ihrer Mutter, von Mitschülern und später auch von gewalttätigen Männern, die sie als "Walross" und "Pommes-Panzer" verspotteten. Jetzt steht sie im Regen. Und jedes Mal, wenn sie Ronja ein Zeichen gibt, macht der kleine Labrador ganz brav "Sitz". Und Melanie lobt dann in den höchsten Tönen: "Ronja - richtig!"

Das Gericht sah es als erwiesen an, dass Melanie im Februar 2008 den Mann ihrer befreundeten Kollegin, der sie als "fette Qualle" beschimpft hatte, in seinem Gelbklinkerhaus im Bernsteinweg in Poppenbüttel mit 70 Messerstichen getötet hat. 17 Stiche trafen ins Herz. Das Gericht sprach von einem "entfesselten Vernichtungswillen". Der Hohn über ihr Übergewicht habe sie "retraumatisiert".

Wenn die Wut kommt, hat Melanie im Gefängnis bisher immer mit den Türen geknallt und die Musik laut aufgedreht. Deutsche Schlager von Andrea Berg und Matthias Reim. Sie sagt, dass das jetzt nicht mehr geht. Wegen Ronja. "Sobald ich lauter werde, zieht sich Ronja zurück." Das will sie nicht, "also muss ich mich bremsen".

Ihre Zelle hat knapp zehn Quadratmeter. Rechts geht eine kleine Toilette ab mit Waschbecken und fließend kaltem Wasser. Im Haftraum stehen ein Bett, ein Tisch, ein Schrank, ein Stuhl, ein kleiner Fernseher. Melanie hat eine Neonröhre an der Decke und Gitter vor dem Fenster. Und seit Kurzem eine lebendige vierbeinige Mitbewohnerin.

Melanie hatte noch nie ein fröhliches Zuhause. An der Wand hängt ein Bild von ihrem zwölfjährigen Sohn. Sven kam mit vier in eine Pflegefamilie. Da war Melanie noch verheiratet. Ihr Mann war Alkoholiker, "ich habe mitgetrunken, um ihn ertragen zu können".

Als Sven zehn war, hat sie sich von dem Mann getrennt. Sven lebt jetzt in einem Heim, sie schreiben sich und telefonieren jeden Dienstag. "Er weiß, dass ich einen Hund habe", sagt Melanie. Der Welpe sei aber kein Lockmittel, damit ihr Sohn sie mal besuche. "Sven gibt das Tempo vor", sagt Melanie und klingt wie eine Therapeutin.

Das Gericht hat ihr eine erheblich verminderte Steuerungsfähigkeit zugebilligt. Das Urteil: sieben Jahre und acht Monate wegen Totschlags. Melanie hatte gute Aussichten, im kommenden Frühjahr von Hahnöfersand in den offenen Vollzug nach Glasmoor verlegt zu werden. Darauf will sie nun aber verzichten. Schließlich läuft das Hunde-Projekt in der ersten Phase bis zum Mai.

Wenn sie jetzt wütend ist, nimmt Melanie Ronja auf den Schoß. "Dann streichel ich sie 20 Minuten und höre leise Musik. Und der Rest der Welt ist mir egal." Melanie sagt, die Verantwortung für den jungen Labrador-Welpen sei größer als ihre Wut.

Darf man junge Hunde in enge Zellen sperren? Können Welpen und Verbrecher ein Therapie-Team bilden? Bei Projektbeginn haben die Frauen ein Welpenbuch bekommen. Souveränität und Gelassenheit, Geduld und Humor, Hundeverstand und Konsequenz - diese Eigenschaften sollen Hundebesitzer mitbringen, steht da.

Als kleines Kind hatte Nadja Steffen Angst vor Hunden. Doch mit zehn Jahren ist sie ihren Eltern beim Umzug nach Hamburg nur unter der Bedingung gefolgt, dass auch ihr Cockerspaniel mitkommt. Seitdem bildet sie Hunde aus. Sie hat Tiermedizin studiert und einmal ein Jahr lang Blindenhunde begleitet. Um zu begreifen, was die Tiere leisten müssen. Seit Jahren betreibt sie eine Blindenführ-Hundeschule.

Nadja, 43, ist mit ihren Hunden viel im Schanzenviertel unterwegs. Belebte Straßen, frei umherlaufende Hunde und plötzlich auftauchende Hindernisse - die Schanze ist ein idealer Trainingsparcours für Hunde, die ihr sehbehindertes Herrchen später sicher durch den Alltag führen sollen. Nadja kann sehr anschaulich reden. "Der Hund geht meistens auf der linken Seite. Also, wenn jetzt rechts plötzlich ein Hindernis auftaucht, muss er ja sein blindes Herrchen warnen." Wie er das lernt? Nadja hantiert mit einer fiktiven Leine und erzählt von Ausbildern, die mit Stachelhalsbändern arbeiten und die Hunde sogar "gegen das Hindernis knallen".

Nadja bevorzugt buchstäblich die lange Leine. Sie arbeitet viel mit Belohnungen und Konsequenz. Sodass irgendwann ein "Nein" reicht, damit der Hund gehorcht. Als sie das erste Mal von dem Welpen-Projekt hörte, war sie skeptisch. "Schwierig", dachte sie. Wieso eine Ausbildung ausgerechnet im Gefängnis? Dann hat sie doch zugestimmt. Das Problem seien nicht die engen Hafträume, "denn auch in einem normalen Haus liegt der Hund ja irgendwo auf dem Kissen". Auch die Frauen seien engagiert bei der Sache und machten ihre Arbeit "richtig gut".

Nadja treibt einzig die Sorge, dass die Welpen genügend Bewegung kriegen. Sind sie nie länger als zwei, drei Stunden alleine? Können sie mit den Häftlingen zur Arbeit? "Das war eine Bedingung für meine Teilnahme." Das Wichtigste aber sei, dass nach Ende der ersten Ausbildungsphase der Charakter des Hundes stimmt. Dass er freundlich und aufgeschlossen ist. Und wenn die Frauen ihren Hund im Mai nächsten Jahres wieder abgeben müssen? "Das kann schwierig werden", sagt Nadja.

Yvonne hat schon dreimal einen Hund verloren. Einen Yorkshire-Terrier musste sie abgeben, "als wir umgezogen sind". Ein Collie hatte "einen Herzfehler und musste eingeschläfert werden". Beim dritten Mal musste sie hilflos zusehen, wie ein Gefängniswärter jungen Straßenhunden, um die sie sich liebevoll gekümmert hat, einfach das Genick umgedreht hat. "Einfach so", sagt sie und ihre Stimme stockt.

In Venezuela war das. Yvonne war 19, hatte sich in Hamburg in einen Afrikaner verliebt, war nach Caracas geflogen und wurde beim Rückflug am Gate gestoppt. Die Beamten entdeckten sechseinhalb Kilo Kokain in ihrem Koffer. Sie sollte 10 000 Euro für den Drogenschmuggel bekommen. Yvonne wurde in Venezuela zu acht Jahren Haft verurteilt.

Sie hat den Mann aus Nigeria nie wiedergesehen, aber sie war schwanger von ihm. Als sie im Gefängnis, in dem sie anfangs mit 48 Frauen in einer Zelle hauste, Streit bekam, stieß ihr eine Gefangene eine Schere in den Bauch. "Ich habe mein Baby verloren", sagt Yvonne. Sie sagt auch, dass sie sich die Wunde selbst wieder zugenäht hat.

Sie hat eine große Narbe auf dem Bauch und rot geritzte Unterarme. Aber es ist wohl so, dass man ihre wirklichen Narben gar nicht sieht.

Drei Jahre hat Yvonne mit 600 Frauen im "Horrorknast" gesessen, bevor sie nach Deutschland ausgeliefert wurde. "Viele Frauen waren auf Crack, einige hatten Messer, man musste immer vorsichtig sein. Es wurde viel geklaut. Ich habe anderthalb Jahre auf dem Fußboden geschlafen."

Viel tiefer geht es nicht. Sie sagt, sie hat in Venezuela gelernt, dass man sich nichts gefallen lassen darf. Bloß keine Angst zeigen. "Ich habe mir Masken aufgesetzt." Langsam fange sie an, etwas ruhiger zu schlafen. Sie hat immer noch Angst-Attacken, nimmt Medikamente und arbeitet mit einer Therapeutin. Nur eine Maske, sagt sie, "die brauche ich hier nicht mehr".

Yvonne hat Ronja im Arm und drückt den tapsigen Welpen fest an ihr Gesicht. Sie wollte von Anfang an nur "B-Patin" sein. "Ich kann nicht Nein sagen oder böse werden." Am Anfang wollte sie den Pudel, jetzt hat sie mit Melanie den Labrador. Ronja kann schon Pfötchen geben und Sitz machen. Sie reagiert auf "Platz", "Bleib" und "bei Fuß".

Yvonne ist jetzt 23. Sie ist eine mächtige Erscheinung, ihre langen blonden Haare hängen meist ziemlich planlos links und rechts vom Kopf bis über die Schultern. Yvonne kann laut lachen und stumm starren, sie kann mutig vorangehen und der ganzen Scheißwelt den Rücken zukehren. Und das alles von einem Moment auf den anderen. Yvonne hat sieben Geschwister und keinen Schulabschluss. Sie sagt, ihre Kindheit sei "normal" gewesen. Ihre Familie lebt quasi gleich um die Ecke auf Finkenwerder. Sie arbeitet mit Denise in der Küche. 5 Uhr Wecken, 6 Uhr Anfangen, 13.30 Uhr Schluss. Der Job macht ihr viel Spaß. "Ich bereite das Abendessen vor, muss die einzelnen Portionen abpacken. Die Mohammed-Leute kriegen kein Schweinefleisch."

Yvonne hat die Bibel in ihrem Haftraum und sagt, dass sie jetzt viel nachdenkt. Und dass sie das früher "leider nicht gemacht hat". Sie gibt die Hoffnung nicht auf, dass ihre Haftzeit verkürzt wird. Und dass sie irgendwann nicht mehr abends um kurz vor 19 Uhr über Lautsprecher hören muss: "Wir beginnen jetzt mit dem Einschluss."

Draußen üben sie jetzt das "Herankommen unter Ablenkung" und das "Gehen an der lockeren Leine". Es gibt immer wieder lautes Lob für die Hunde. "Cleo - cool!" Auch Frau Giese nickt. Ihre Regenjacke wirkt immer eine Nummer zu groß. Auf dem Ärmel prangt ein Hamburg-Wappen, auf dem Rücken steht in weißer Schrift "Justiz". Die schmächtige Frau mit den grauen Haaren lässt es nicht zu, dass man ihr ansieht, was sie gerade denkt.

Martina Giese, 45, hat eine Ausbildung als Malerin und ist seit 15 Jahren Vollzugsbeamtin. "Das ist ein Job", sagt sie. Der beschäftigt sie 40 Stunden in der Woche. Sie hat Schichtdienst und am Ende des Monats rund 2000 Euro netto auf dem Konto. Sie hält Distanz zu den Häftlingen. "Man kann zusammen Spaß haben und gleichzeitig aufpassen, dass kein Blödsinn gemacht wird." Sie kennt die Straftaten der Frauen, "aber nicht ihre Lebensgeschichten". Es geht ihr sehr eindeutig um die Gegenwart.

Von dem Welpen-Projekt, das sie mit vier engagierten Kolleginnen begleitet, war sie von Anfang an angetan. "Weil es die Routine in der Haftanstalt unterbricht. Und weil Tiere einen guten Einfluss auf Menschen haben." Am Anfang gab es allerdings Probleme: Welche Frau kann den Hund wann wohin mitnehmen? Können die Welpen abends noch mal Gassi gehen? Was machen sie, wenn ihr Frauchen in der Küche arbeitet, wo sie allein aus hygienischen Gründen nicht mitdürfen? Es sei halt ein Pilotprojekt, sagt Frau Giese.

Mit vielen offenen Fragen. Und mit deutlichen Vorbehalten. "Wir sind hier doch kein Tierheim", hieß es im Oktober hier und da. Frau Giese schätzt, dass anfangs "die Mehrheit der Kollegen gegen das Projekt gewesen ist". Und jetzt? Sechs Wochen später sei die Stimmung umgekippt. Neulich hat sie einen Mitarbeiter beobachtet, der ursprünglich dagegen war und dann einen Hund auf dem Gefängnisflur gestreichelt hat.

Frau Giese sagt, dass das Projekt den Frauen, die bei anderen Dingen "oft schnell die Lust verlieren", sehr viel abverlangt. Vor zwei Tagen hat Rose unter dem Bett im Haftraum die gesamten Lebensmittelbestände entdeckt und aufgefressen - und sich dann die ganze Nacht in der engen Zelle entleert.

Wenn man die Beamtin fragt, ob das Projekt ein Erfolg werden kann, klingt Martina Giese wie ein Bundesliga-Trainer. "Wir denken hier von Woche zu Woche." Aber das Projekt sei so wichtig, weil die Frauen "der Gesellschaft jetzt wirklich etwas zurückgeben können".

Rosemarie Höner-Wysk redet ausgesprochen gerne über Wiedergutmachung. Weil der Begriff in Deutschland völlig aus der Mode gekommen sei. Das Büro der Anstaltsleiterin befindet sich im ersten Stock des Gefängnisses. Sie hat sich eine Doppeltür einbauen lassen, damit man draußen beim Vorbeigehen nicht jedes Wort mitbekommt. Die Tür steht meist offen. Auch die Chefin hat Gitter vor dem Fenster.

Und sie hat ein Gesetzbuch auf dem Tisch liegen, in dem es gleich in Abschnitt 1 heißt: "Der Vollzug dient dem Ziel, die Gefangenen zu befähigen, künftig in sozialer Verantwortung ein Leben ohne Straftaten zu führen." Und danach: "Gleichermaßen hat er die Aufgaben, die Allgemeinheit vor weiteren Straftaten zu schützen." Seit 27 Jahren bewegt sich Rosemarie Höner-Wysk in Hamburg zwischen diesen beiden Zielvorgaben. Sie hat 20 Jahre im Männer-vollzug gearbeitet, war fünf Jahre in der Behörde und ist seit zweieinhalb Jahren auf Hahnöfersand. 59 Frauen sind derzeit hier, drei davon mit ihren acht bis 13 Monate alten Kindern. Drei Frauen befinden sich in Abschiebehaft. "75 Prozent sind wegen Drogendelikten inhaftiert", sagt sie. Zwei Frauen haben lebenslänglich.

Rosemarie Höner-Wysk möchte die Haftanstalt aufschließen. Da kommen ihr die Welpen gerade recht. Sie sagt, dass Strafe immer Konsequenzen haben muss. "Aber der Mensch will auch wieder teilhaben am Leben." Er hat Schaden angerichtet, aber um dafür die Einsicht zu gewinnen, hilft es enorm, "wenn man den Schaden wiedergutmachen kann".

Letzte Woche haben die Frauen den Wunsch geäußert, einen Sehbehinderten kennenzulernen. Einen, dem Ronja, Rose oder Cleo dann vielleicht irgendwann helfen werden, sein Leben mit der Behinderung besser zu meistern.

Das Experiment sei ein ernsthaftes Projekt, sagt die Chefin. "Mit Kuscheln hat das nicht zu tun." Dafür verlange die Arbeit mit den Hunden den Frauen zu viel ab. Verzicht und Fürsorge. Rund um die Uhr für jemanden da sein. "Es soll die Frauen stabilisieren und in die Lage versetzen, zukünftig eine andere Verantwortung für ihr Leben zu übernehmen", sagt sie. "Damit sie nach der Entlassung selbstständig leben können und dem Steuerzahler nicht mehr zur Last fallen." Rosemarie Höner-Wysk lacht, weil sie findet, dass sie schon wieder "wie ein Politiker klingt".

Dabei ist sie für viele Häftlinge direkter Ansprechpartner. Sie kennt die Biografien, die sich so fatal ähneln. Die vom Aufwachsen in problematischen Familien und der Unterbringung im Heim erzählen. Von pausenlosen Beziehungsabbrüchen, von Drogen und von dem Erleben von Gewalt. In wirklich jeder Form. "Das Verlangen der Frauen nach Wertschätzung ist gewaltig und hört nie auf", sagt sie. Das sei "wie ein schwarzes Loch". Durch die tägliche Arbeit mit den Hunden erfahren sie jetzt, "dass sie mehr können, als sie denken".

Es ist Dezember. Draußen fällt der erste Schnee. Ronja hat eine Lungenentzündung und ist von Nadja abgeholt worden. Das muss Melanie erst einmal verkraften. Nach knapp zwei Monaten hat Rosemarie Höner-Wysk bei den Frauen erste Veränderungen ausgemacht. "Sie sind vorausschauender im Umgang miteinander. Und sie nehmen sich ein Stück weit zurück."

Die sichtbarste Veränderung sei jedoch eine "neue Lebendigkeit". Ronja, Rose und Cleo haben den Anstaltsalltag bunter gemacht. Und manches verbitterte Gesicht aufgehellt, wenn auch manchmal nur für einen kurzen Moment. Schon beim Einzug der Welpen im Oktober war es wie Heiligabend. Wenn alle auf das Christkind warten und dann die Glocke läutet. Die Frauen waren angespannt, hatten sich hübsch gemacht. Sie hatten ihren Haftraum blitzblank geputzt, manche haben sogar die Fußleisten gesäubert.

Vor allem Cleo lässt die Augen glänzen. Der Königspudel ist klug und schön. Denise sagt, als das Projekt anfing, wollte sie auf keinen Fall den Pudel haben. Aber als sie dann von Nadja als Patin für Cleo ausgewählt wurde, "habe ich mich gleich in sie verliebt".

Jetzt klebt Cleo an ihr. Sie kann "Sitz" und "Platz" und "bei Fuß" machen. Sie kann "beide Pfötchen geben", reagiert auf "Ja" und "Nein". Und auf "Aus", wenn sie etwas im Maul hat und es loslassen soll. Cleo kann sich auf Kommando seitlich hinlegen. "Und sie guckt gern aus dem Fenster", sagt Denise.

Seit drei Jahren schaut Denise beim Blick nach draußen auf Gitterstäbe. Bis zum Juni saß die 26-jährige Hamburgerin in Spanien im Knast. Sie war in Madrid mit drei Kilo Kokain festgenommen worden und bekam neun Jahre. Sie sagt, dass sie als Jugendliche selbst so ziemlich jede Droge konsumiert hat. Cleo bedeutet auch Stress. Denn Denise ist ziemlich aktiv. Macht Sport und will im Gefängnis ihren Realschulabschluss machen. Sie sagt, dass sie sich irgendwann mit der Strafe abgefunden hat. "Das Leben geht weiter - auch hier drinnen." Ohne Lachen geht gar nicht, sagt sie. Und man fragt sich, ob sie früher auch so gut gelaunt in die falsche Richtung unterwegs war.

Was bedeutet für sie Freiheit? "Immer, wenn ich möchte, mit meiner Familie und meiner Tochter zusammen zu sein." Ihre Tochter ist jetzt sieben, und Denise möchte nicht, dass sie allzu oft zu Besuch nach Hahnöfersand rauskommt. "Ich habe noch ziemlich viel nachzuholen", sagt sie plötzlich.

Ihr graut vor Weihnachten. Ihr viertes Fest hinter Gittern. Dann ist schon um 18.30 Uhr Einschluss. An solchen Tagen könne man eigentlich nur früh schlafen gehen. Denise sagt, dass sie Cleo nicht wieder hergeben wird. Sie grinst etwas schief, weil sie weiß, dass das nicht geht. Schon jetzt sagt sie sich, "dass wir ja etwas Gutes für Blinde tun". Damit der Abschied "vielleicht leichter" wird. Aber wenn es so weit ist, das weiß sie, "wird das Geheule hier groß sein".

Wieder so eine Übungsstunde bei fiesem Wetter und unter Flutlicht. Die Frauen haben Mühe, ihre Zigaretten anzuzünden. Ronja, Rose und Cleo balgen sich auf dem nassen Rasen. Der Regen dringt in die Klamotten. Wind kommt auf. Tapfer ziehen alle das Programm durch. "Gib Pfötchen! Ja, Rose - supi!" Nach einer Stunde kehren Denise, Melanie, Yvonne und die übrigen Welpen-Ausbilderinnen durch eine schwere Eisentür ins Gefängnis zurück. Sie sind völlig durchnässt.

Am nächsten Tag geht Manuela Maurer zu Karstadt, kauft sechs Regenjacken und die dazugehörigen Hosen. Auf eigene Rechnung. Von nun an wird auf der Elbinsel niemand mehr nass. Es kann regnen, wie es will. Einzig Cleo verbleibt noch als begossener Pudel.

Manuela Maurer, 41, hat mal vor einigen Jahren Obdachlosen in Wiesbaden Einwegkameras gekauft. Damit sollten sie ihre Lebenswelt dokumentieren. Die anschließende Foto-Ausstellung hat vielen die Augen geöffnet. Die Sozialpädagogin hat ein Jahr in New York in der Drogentherapie gearbeitet. Und war später in Hamburg sehr erfolgreich in einer Werbeagentur tätig. Irgendwann aber musste sich Manuela Maurer entscheiden: Randgruppen oder Werbewelt? Warum nicht beides, hat sie sich gesagt.

Ohne Manuela gäbe es keine Hunde auf Hahnöfersand. Kein Gebell auf den Gefängnisfluren am Morgen, kein Streicheln in den Zellen am Abend. Sie ist die Initiatorin dieses Insel-Experiments, bei dem ein Dutzend Frauen in echter Teamarbeit etwas ganz Neues versuchen. Und manchmal tauchen die Helden erst am Ende einer Geschichte auf.

Manuela hat viele Menschen von ihrer Idee überzeugen müssen. Dass Hunde nämlich einem Menschen sein Verhalten spiegeln. "Wenn du gut bist zu dem Hund, zahlt er es dir direkt zurück." Und dass es guttut, wenn Frauen dadurch an sich langsam wieder eine Liebenswürdigkeit entdecken können. Weil es für die Hunde nämlich keine Rolle spielt, dass sie Straftaten begangen haben.

Sie hat 1000 Hürden überwunden, engagierte Mitstreiterinnen gefunden und Fördergelder besorgt. Und dabei ist es ganz hilfreich, dass Manuela meistens erst in den Raum kommt, nachdem kurz zuvor ihr Lachen um die Ecke gebogen ist.

Das meiste Geld jedoch hat sie erst einmal vorgestreckt. Damit das Projekt, das im nächsten Jahr wissenschaftlich begleitet werden soll, überhaupt starten konnte. Warum sie das macht? Sie erzählt von den schönen Momenten. Wenn die Augen der Frauen beim Anblick der Welpen funkeln. Und sie nennt genauso die Probleme beim Namen. Wenn nicht klar ist, ob die jungen Hunde genug Auslauf am Tag haben.

Manuela sagt, wenn sie das Gefühl hat, dass die Hunde leiden, würde sie Ronja, Rose und Cleo sofort aus dem Gefängnis holen.