Harte Kerle, weicher Kern

Häftlinge bilden Blindenhunde aus

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Wenn Labrador-Mischling „Wotan“ über den Anstaltsflur tollt, werden selbst die schweren Jungs aus Haus G schwach. „Seit ich ihn betreue, bin ich irgendwie zufriedener. Das ist schon ein starkes Stück“, erzählt Jörg*.

Bützow. Der 27 Jahre alte Häftling der Justizvollzugsanstalt Bützow in Mecklenburg-Vorpommern hat noch etliche Monate abzusitzen. Dass er "Wotan" spätestens zu seiner Entlassung abgeben muss, schmerzt den vermeintlich harten Kerl aber schon jetzt. "Es wird sicher nicht leicht werden."

Auch Jörgs Zellennachbarn Dirk und Jens wollen die Gesellschaft der Vierbeiner im ereignisarmen Gefängnis-Alltag nicht mehr missen. Als sie von dem bundesweit ersten Projekt "Hunde im sozialen Einsatz in einer JVA" erfuhren, das Mecklenburg-Vorpommerns Justizministerin Uta-Maria Kuder (CDU) am Mittwoch in Bützow der Öffentlichkeit vorstellte, stand ihr Entschluss zur Teilnahme sofort fest. "Der Kleine hat einen positiven Einfluss auf mich", sagt Jens nach den knapp fünf Monaten, die sein Schutzbefohlener nun an seiner Seite ist. Der "Kleine" hört auf den Namen Ben und ist ein heranwachsender Labradoodle - "eine Mischung aus Labrador und Pudel", wie der Halter fachmännisch erklärt.

Das Bützower Pilotvorhaben ist in Deutschland bislang ohne Beispiel. Wie junge Hunde bei der Resozialisierung Strafgefangener helfen können, hat sich in den USA dagegen bereits herumgesprochen: Im Bundesstaat New York sorgte das Projekt "Puppies behind bars" (Welpen hinter Gittern) für Aufsehen - und lieferte die Grundidee für die Initiative in der mecklenburgischen Provinz. Den letzten Anstoß gab der Filmemacher Jan Hinrik Drevs, der einen Dokumentar- und einen Kinofilm zu dem Thema drehte. Sein mit echten Gefangenen in der JVA Bützow gedrehter Streifen "Underdogs" feierte im Juli 2008 Premiere.

"Danach reifte der Plan, aus dem fiktiven Projekt ein wirkliches Projekt zu machen", erklärt Anstaltsleiterin Agnete Mauruschat. Zwar sei der ungewöhnliche Vorschlag in den Justizbehörden des Landes zunächst mit dem einen oder anderen Stirnrunzeln bedacht worden. "Wir wollten aber unbedingt probieren, ob das funktioniert." Obwohl sich mit den Labradoodle-Brüdern "Wotan", "Ben" und "Pacco" vorerst nur drei Hunde hinter den Bützower Gefängnismauern tummeln, könnten es nach Vorstellungen der JVA-Chefin in Zukunft deutlich mehr sein. "Das Ganze hat das Klima in unserer Anstalt verändert."

Der Kerngedanke ist einfach: Die Häftlinge, die die Tiere rund um die Uhr betreuen und ihre Zellen mit ihnen teilen, entdecken die eigene Gefühlswelt inmitten des rauen Knastlebens neu. Zugleich merken sie, welche persönlichen Erfolgserlebnisse möglich sind, wenn Respekt gezeigt und Verantwortung übernommen werden. Die Hunde erhalten von den Gefangenen eine Grundausbildung für ihren späteren Einsatz als Gefährten von etwa blinden Menschen.

"Ich sehe schon heute, wie sehr sich "Ben" in den letzten Monaten verändert hat", sagt seine Züchterin Anja Heinz. Im Oktober übergab sie den Welpen auf Vermittlung der Kynos-Stiftung, die seit 1998 die Ausbildung von 71 Behinderten-Begleithunden durch ehrenamtliche Helfer organisiert hat, an seinen derzeitigen "Ausbilder" Jens. Der enge Kontakt mit den einsitzenden Männern soll die Hunde besonders auf den Umgang mit Menschen prägen.

Nicht nur in dem von NDR und Arte koproduzierten Film "Underdogs" gelingt dies besser als vermutet. Während auf der Leinwand der verschlossene Ex-Gewaltverbrecher Mosk (Thomas Sarbacher) in Gegenwart von Labrador-Mädchen "Grappa" langsam auftaut, üben auf dem Sportplatz der echten JVA Jörg, Jens und Dirk mit ihren Hunden korrektes Apportieren und allerlei Kommandos. Balgen sich zwei Hunde dennoch einmal, gehen die Männer behutsam dazwischen - um sodann das passende Leckerli aus der Tasche zu ziehen. Derart gutes Parieren beeindruckt sogar die Ministerin. "Da sieht man", sagt Kuder, "wie mit Anerkennung und Lob Ziele erreicht werden, die mit Gewalt nicht möglich sind."

( dpa )