Die Angst vor dem Islam: Fünf Fragen an Feridun Zaimoglu

Nicht beleidigt sein, denn es gibt Mängel

Feridun Zaimoglu, 46, deutscher Schriftsteller und bildender Künstler mit türkischen Wurzeln

1. Hamburger Abendblatt:

Warum haben Deutsche mehr Angst vor dem Islam als Dänen oder Schweden?

Feridun Zaimoglu:

Das liegt an zwei Gründen: einmal an der medialen Mobilmachung der letzten Jahre gegen den Islam, bei der viel Unfug verbreitet wurde, und zum anderen daran, dass Moslems in diesem Land oft nicht besonders charmant auftreten.

2. Was ist denn der größte Unfug, der Ihnen bei der angeblichen Mobilmachung begegnet ist?

Zaimoglu:

Zum Beispiel die merkwürdige Überzeugung, an allem Übel dieser Welt sei der Islam schuld. Wenn erwachsene Männer und Frauen hysterisch mit solchen Sprüchen sogar Geld verdienen und behaupten, Moslems seien unbelehrbar und der Islam faschistisch, oder wenn erfundene Koranverse zitiert werden, um unhaltbare Positionen zu rechtfertigen, dann schüttelt man als Moslem doch den Kopf. Doch die andere Seite der Medaille ist: Viele Moslems müssten von einem rüpelhaften Benehmen Abstand nehmen.

3. Was meinen Sie mit rüpelhaftem Benehmen?

Zaimoglu:

Häufig fehlt es an feinsinnigen Umgangsformen, wie sie nach dem Glauben geboten sind. Da sehe ich große Mängel, die es zu beheben gilt. Was diesen Punkt angeht, wundert mich das Ergebnis der Studie überhaupt nicht. Die Kritik sehe ich jedoch als Aufforderung an die Moslems, darauf gelassen zu reagieren und sich zu bessern.

4. Viele Deutsche bemängeln die Stellung der Frau im Islam. Ist diese Kritik berechtigt?

Zaimoglu:

Unbedingt, da gibt es Nachholbedarf. Man darf nicht einen traditionellen Dorfglauben mit dem Islam verwechseln. Viele Moslems sollten die Quellen studieren und sich nicht auf Aberglauben stützen, nach dem die Frau dem Manne untertan ist. Im Koran sucht man vergeblich eine Stelle, nach der die Frau aus der Rippe des Mannes geschaffen wurde. Mann und Frau sind gleich, und das muss man leben. Der öffentliche Eindruck ist aber anders.

5. Was raten Sie den in Deutschland lebenden Moslems?

Zaimoglu:

Nicht beleidigt sein, sondern konstatieren, es gibt Mängel. Ich sehe Deutschland als Chance. Entweder trachtet man danach, einen deutschen Islam zu leben, oder man bunkert sich ein und sieht Feindseligkeit. Auf beiden Seiten wird geschwätzt. Aber deutsche Moslems sollten sich nicht als Heimatvertriebene sehen und Deutschland nur als Transitland. Nach dem 11. September wird es lange dauern, bis die Deutschen überzeugt sind, dass sie keine Angst haben müssen.