Fahndung

Adoptierter Graf von Krockow auf der Flucht

Foto: Polizei Hamburg

Alexander-Pascal Christian-Sebastian Graf von Krockow war 2004 wegen Betrugs verurteilt worden. Er verstieß gegen die Bewährungsauflagen.

Hamburg. Es klingt wie das Drehbuch für einen Thriller im Adelsmilieu - nur ohne Happy End. Am Ende stehen ein Millionenvermögen, das auf betrügerische Weise die Seiten wechselt, eine reiche Erbin, die Selbstmord begeht und ein adoptierter Graf, der von Zielfahndern gejagt wird. Per Öffentlichkeitsfahndung sucht die Polizei seit gestern nach Alexander-Pascal Christian-Sebastian Graf von Krockow. Wegen Betrugs, Untreue im besonders schweren Fall, Unterschlagung und Urkundenfälschung war der 46-Jährige - der als "Graf Schwindel vom Grindel" durch die Medien geisterte - 2004 zu einer zweijährigen Bewährungsstrafe verurteilt worden. Er hatte die Frührentnerin Irmgard S. um einen Großteil ihres Vermögens gebracht.

Am 21. Mai dieses Jahres jedoch wurde die Bewährungsstrafe widerrufen, ein Haftbefehl gegen ihn beantragt. Die Richter am Landgericht sind sich sicher, dass der Adlige massiv gegen seine Bewährungsauflagen verstoßen hat. Er soll zwei Jahre ins Gefängnis. Doch er ist bereits seit dreieinhalb Jahren untergetaucht. An seinem letzten Wohnort Bad Oldesloe hatte er sich zum 1. Januar 2007 abgemeldet. Wo er sich seitdem aufhält, weiß niemand. Auch sein Bewährungshelfer nicht, der bis zuletzt Kontakt zu ihm hatte und seinen Lügen vom beschaulichen Leben in der Stormarner Kreisstadt Glauben schenkte. Anfang Oktober wurde der Haftbefehl europaweit ausgeschrieben. Seit gestern sucht die Polizei Augenzeugen, die ihn auf der Flucht gesehen haben.

Der bürgerliche Name des heute 46-Jährigen ist Lothar Romeike. In den 90er-Jahren lernt Romeike, der sich zu Männern hingezogen fühlt, den bekannten Historiker Christian Graf von Krockow kennen, der ihn 1995 adoptiert. Auf einer Schiffsweltreise drei Jahre später freundet sich das ungleiche Paar mit Irmgard S. an. Wie die pensionierte Beamtin, die im Finanzamt gearbeitet und ein Vermögen von ihrem Mann geerbt hat, später aussagen wird, baut sie schnell ein "nettes Verhältnis" zu dem jungen Grafen auf.

Das Dreiergespann schmiedet Pläne für eine Wohngemeinschaft, die bald in die Realität umgesetzt werden. Die Witwe kauft vier teure Wohnungen in einem Haus am Grindelberg, in dem die beiden von Krockows bereits in zwei Eigentumswohnungen leben. Irmgard S. und Alexander-Pascal kommen sich näher, als Adoptivvater Christian 2002 mit 74 Jahren nach einem Herzinfarkt stirbt. Immer öfter werden sie zusammen gesehen. Die 19 Jahre ältere Frau, die aus der Nähe von Koblenz stammt, lässt sich von seinem Titel blenden, seine Vorgeschichte kennt sie nicht, vertraut ihm blind. "Seine Gesellschaft tut mir gut, ich bin einsam und ein bisschen depressiv", sagt sie später aus.

Aus "mütterlichen Gefühlen" heraus, wie sie es selbst beschreibt, macht sie ihm teure Geschenke, darunter eine neue Mercedes S-Klasse. Sie stellt ihm eine Generalvollmacht für all ihre Geschäfte aus. Alexander-Pascal, der von den Tantiemen aus den Veröffentlichungen seines Adoptivvaters lebt, nutzt sie gnadenlos aus: Am Ende kann er fast ihr gesamtes Vermögen an sich bringen: Diamanten, wertvolle Möbel, persische Teppiche. Auch die vier Eigentumswohnungen überschreibt er auf sich. Der Schaden beläuft sich auf rund 900 000 Euro.

Irgendwann merkt Irmgard S., dass ihre Konten leer geräumt sind, Darlehen über Hunderttausende mit ihrem Namen aufgenommen wurden. Sie zeigt ihn an, doch den Kontakt lässt sie nicht abreißen. Noch während des Prozesses treffen sich Opfer und Täter zu Spaziergängen. Graf von Krockow wird verurteilt, muss zur Bewährungsstrafe zwei Wohnungen verkaufen und 150 000 Euro an eine Stiftung geben. Er darf Irmgard nicht mehr nahe kommen. Doch weder er noch die Witwe lassen einander los. Wie Nachbarn bemerken, öffnet sie ihm immer wieder ihre Tür am Grindelberg. Erst Anfang 2009 kommt es zum Streit, nach einem gemeinsamen Sylt-Aufenthalt.

Die Ermittlungsbehörden sollen von all dem nichts gewusst haben. Dank der Berichte seines Bewährungshelfers glauben sie ihn auf dem richtigen Weg. Erst die Schwägerin von Irmgard S. regt neue Ermittlungen an: Mitte vergangenen Jahres erhängt sich Irmgard S. am Balkongeländer ihres Penthouse. Sie wird erst drei Wochen später gefunden. Ihre Verwandten und Nachbarn vermuten, Alexander-Pascal habe sie getötet. Der Tatverdacht erhärtet sich jedoch nicht. Doch den Ermittlern wird erst jetzt klar, wie massiv der Graf gegen seine Auflagen verstoßen hat. Von Krockow ist längst untergetaucht. Wer ihn gesehen hat, möchte sich unter Tel. 428 65 67 89 bei der Polizei melden.