Wohnungen statt Büros; Fünf Fragen, fünf Antworten

Hausbesetzer retten Altbauviertel

Christoph Twickel, 44, Journalist und Autor ("Gentrifidingsbums")

1. Hamburger Abendblatt:

Personen aus dem linken Milieu haben am Sonnabend ein leer stehendes Haus in der Hamburger Sternschanze besetzt, um gegen Mietspekulation zu protestieren. Die Polizei rückte mit zwei Wasserwerfern an. War das gerechtfertigt?

Christoph Twickel:

Ich war nicht vor Ort. Aber ein Polizei-Großaufgebot mit Wasserwerfern gegen eine Handvoll Hausbesetzer? Das bestätigt meinen Verdacht, dass Polizeieinsätze bei Anti-Gentrifizierungsprotesten in Hamburg zunehmend repressiver werden.

2. Welche Maßnahmen gegen den künstlichen Wohnungsleerstand wären sinnvoll?

Twickel:

Die Organisation Mieter helfen Mietern hat schon im Juli darauf hingewiesen, dass das Hamburgische Wohnraumschutzgesetz nicht konsequent angewandt wird. Man könnte ein Bußgeld gegen Vermieter verhängen, wenn Wohnungen länger als drei Monate leer stehen und nach weiteren drei Monaten die Wohnungen zwangsweise belegen. Die beste Maßnahme gegen spekulativen Leerstand wäre ein Austrocknen der Spekulationsblase. Sprich: In Hamburg müssen viel mehr günstige Wohnungen gebaut werden.

3. Sind Hausbesetzungen ein legitimes Mittel?

Twickel:

Ohne die Hausbesetzerbewegungen der 70er- und 80er-Jahre gäbe es viele Altbauviertel in Deutschland nicht mehr. Und wäre das Gängeviertel nicht besetzt worden, wäre ein Stück des historischen Hamburgs der Rendite geopfert worden. Man muss also froh sein, dass so viele Leute Mut zum zivilen Ungehorsam haben.

4. In welcher Form ist Politik gefordert, die Gentrifizierung in Hamburgs Szenequartieren zu verhindern?

Twickel:

In Hamburgs Szenevierteln entsteht derzeit ein exklusives Eigentumswohnungsquartier nach dem anderen. Warum werden die alle durchgewinkt in den Bauausschüssen? Es wäre ein kleiner Schritt, wenn die Politik bei Neubauten bloß einen Anteil von einem Viertel Sozialwohnungen zur Bedingung machen würde. Zudem müssten mehr Grundstücke zu günstigen Preisen an Wohnungsbaugenossenschaften vergeben werden.

5. Was ist bei der "Recht auf Stadt"-Demo am kommenden Sonnabend zu erwarten?

Im "Recht auf Stadt"-Netzwerk haben wir grob überschlagen, dass man mit dem derzeitigen Leerstand an Büro- und Gewerbeflächen rund 40 000 Wohnungen schaffen könnte. Während man auf dem Wohnungsmarkt selbst für "Löcher" Spitzenmieten zahlen muss, stehen in Hamburg fast 1,2 Millionen Quadratmeter Büroetagen ungenutzt herum. Unter dem Motto "Leerstand zu Wohnraum" ruft das Netzwerk deshalb zu einer Demo auf. Ziel ist der Astra-Turm. Der steht seit drei Jahren zu 70 Prozent leer.