Kommentar

Weniger Gabriel wagen

Wäre Angela Merkel heute Kanzlerin, wenn die Union die Kandidatenkür ihren Mitgliedern und Anhängern überlassen hätte? Hätte Barack Obama in den Vereinigten Staaten eine Chance gehabt ohne Vorwahlen?

Sigmar Gabriel hat seine Partei drei Jahre vor der nächsten Bundestagswahl mit dem Vorschlag überrascht, den nächsten Kanzlerkandidaten der Sozialdemokraten nicht von den Führungsgremien bestimmen zu lassen, sondern von "Parteimitgliedern, Sympathisanten, Wählern und Wahlhelfern".

Gabriel will - in Abwandlung von Willy Brandts Parole - mehr Demokratie in der SPD wagen. Dabei beweist er Mut, wie das Ergebnis einer Urabstimmung der SPD-Mitglieder über den Parteivorsitz zeigt: Rudolf Scharping setzte sich 1993 gegen Heidemarie Wieczorek-Zeul und Gerhard Schröder durch.

Gabriel trifft mit seinem Anstoß auch Vorbereitungen für einen gesichtwahrenden Verzicht auf die Kanzlerkandidatur. Sosehr die SPD in den Umfragen zulegt, so bescheiden sind Gabriels persönliche Werte. Immer wieder hat er betont, dass der Kandidat mit den besten Aussichten Merkel herausfordern soll.

Der frühere Außenminister Frank-Walter Steinmeier, den bisher der Ruf eines Technokraten begleitete, hat eine Niere gespendet, um seiner Frau das Leben zu retten. Steinmeier, der Mensch, wird es sein, der die besten Chancen hat.