Abweichler und gebügelte Unterhosen

Die üblichen Verdächtigen der SPD sollen für Ahlhaus gestimmt haben

Altstadt. Der Jubel der CDU war kreischiger als erwartet, als das Ergebnis der Bürgermeisterwahl feststand: 70 der 121 Abgeordneten hatten für Christoph Ahlhaus gestimmt, plus eine Enthaltung. Das sind zwei Jastimmen mehr, als die Regierungsfraktionen GAL und CDU zusammen zählen. Auch wenn es bei der geheimen Wahl theoretisch Abweichler in jeder Fraktion hatte geben können, konzentrierte sich das Getuschel schnell auf die SPD. Das sei "ein Schuss vor den Bug für Fraktionschef Michael Neumann" gewesen, sagte ein Sozialdemokrat, und überdies "beinahe ein Volltreffer".

Prompt wurden in einigen Kreisen der Sozialdemokraten jene Namen genannt, die an Grabenkämpfe erinnern, die in jüngster Zeit zumindest oberflächlich befriedet schienen: der Abgeordnete Thomas Böwer, der ehemalige Landesvorsitzende Mathias Petersen, und Bülent Ciftlik, der gestern erstmals als fraktionsloser Abgeordneter wieder teilnahm. Die Bürgerschaftsfraktion hatte ihn ausgeschlossen, seit er zu einer Geldstrafe wegen Vermittelns einer Scheinehe verurteilt wurde.

Immerhin: In aller Öffentlichkeit wollte kein SPDler die üblichen drei Verdächtigen anklagen. Die wiederum verzichteten ihrerseits auf Spekulationen, gaben dem Abendblatt aber deutliche Antworten: "Wer so was macht, ist von der Marke graue Maus. Leute, denen von Mutti regelmäßig die Unterhose gebügelt wurde", sagte Thomas Böwer - und meinte die unbekannten Abweichler. Mathias Petersen zeigte sich getroffen: "Ich würde niemals einen Bürgermeister Christoph Ahlhaus wählen und dieses Kabinett, weil ich glaube, dass es nichts Gutes für Hamburg erreichen wird." Und Bülent Ciftlik, der weiterhin SPD-Mitglied ist, sagte: "Die Wahl ist zwar geheim, aber es gibt für mich überhaupt keinen Grund, einen CDU-Mann zu wählen."

SPD-Fraktionschef Michael Neumann, der sich federführend um das Thema Fraktionsdisziplin kümmern muss, gab sich gelassen. "Der Herr möge mir die Kraft geben, die Dinge zu akzeptieren, die ich nicht ändern kann." Noch am Montag habe die Fraktion einstimmig beschlossen, gegen Ahlhaus zu wählen. "Es gab niemanden, der sich anders erklärt hat", sagt Neumann. Als das Ergebnis bekannt gegeben wurde, habe er allerdings gedacht: "Sch..ade".

Der Europaabgeordnete der Hamburger SPD, Knut Fleckenstein, sagte, so etwas komme in jeder Fraktion vor. "Da haben welche ihr eigenes Spielchen gespielt. Das ist ärgerlich, aber auch kein Skandal." Und Innenpolitiker Andreas Dressel, der sich an Spekulationen nicht beteiligen will, pestet lieber gegen den Senat: "Für einen Tag sei ihnen das gute Gefühl gegönnt." Doch schon heute werde die schwarz-grüne Koalition "auf dem Boden der Tatsachen" angekommen sein.

Ebenfalls nicht begeistert dürfte SPD-Landeschef Olaf Scholz sein - er hatte die offenen Kämpfe in der Partei weitgehend beruhigt. Der Streit bringt nun einen Skandal in Erinnerung: Mathias Petersen war durch einen Stimmzettelklau um seine Spitzenkandidatur gebracht worden.

Auch diese Täter sind noch nicht gefunden.