Countdown: Junge Jurastudentin wurde in Fahrgeschäft lebensgefährlich verletzt

Dom-Unfall: 500.000 Euro Schmerzensgeld

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Ralf Nehmzow

Manuela Steiner musste mehrfach an der Halswirbelsäule operiert werden, ist schwerbehindert. Versicherung zahlt nach Jahren.

Der Fall ist spektakulär, beschäftigte seit Jahren Gutachter und das Hamburger Landgericht: der Dauerzivilprozess um den folgenschweren Dom-Unfall der früheren Jurastudentin Manuela Steiner im Jahr 1999 auf einem Fahrgeschäft in Hamburg - es war ein Unfall, der die junge Frau zum Pflegefall machte. Seit 2003 verklagt sie das Versicherungsunternehmen Generali, das den Fahrgeschäft-Eigner haftpflichtversichert hat, auf Schmerzensgeld und Rente in Höhe von mehr als zwei Millionen Euro. Jetzt gab die Versicherung nach. Nach Abendblatt-Informationen stimmte Generali einem Vergleich zu, an Manuela Steiner 500 000 Euro Schmerzensgeld zu zahlen.

Das ist eine der höchsten Schmerzensgeldsummen, die je in einem Zivilverfahren in Deutschland durch Vergleich - also ohne Urteil - herauskamen. Steiners Rechtsanwalt Jürgen Hennemann aus Buchholz, zugleich Fachanwalt für Versicherungsrecht, mochte auf Anfrage nur den Vergleich bestätigen. Zur Summe sagte er: "Kein Kommentar." Manuela Steiner (30) sagte dem Abendblatt: "Ich bin erleichtert, dass der jahrelange Kampf ein Ende hat. "

Es waren nur wenige Sekunden, die das Leben der lebensfrohen Jurastudentin veränderten, am 16. April 1999. "Countdown" heißt das Gerät, in dem sie auf dem Dom in die Höhe katapultiert wurde - 54 Meter hoch, 21 Meter pro Sekunde. Als Pflegefall kam sie wieder herunter. "Der ,Countdown', der mir das erste Leben nahm", sagt sie. "Ich war vorschriftsmäßig angeschnallt." Sie band sich ihren Schnürsenkel zu. Die Fahrt sei zu früh losgegangen, weil der ,Countdown' nicht bei null, sondern schon bei sieben gezündet worden sei, sagt sie.

Die Gegenseite bestritt alles, "bis auf die Existenz des Hamburger Doms", so Anwalt Hennemann. Zum Beispiel, dass es überhaupt ein Unfall war, hilfsweise, dass die Verletzungen von der Fahrt herrührten.

Nachdem Manuela Steiners erster Anwalt sich Jahre mit der Haftpflichtversicherung des Fahrgeschäftbetreibers außerhalb des Gerichts stritt, erhob er 2003 Klage. Steiners neuer Anwalt Hennemann, der die Sache 2004 übernahm, erhöhte die Klage. 2004 und 2005 gab es insgesamt nur zwei Verhandlungstermine, einen davon mit Zeugen. Im Juni 2006 hatte das Gericht einen Ortstermin auf dem Jahrmarkt von Verden an der Aller, schaute sich das Gerät an. Als Medienvertreter dort erschienen, wurden sie massiv von einem Anwalt der Generali an ihrer Arbeit gehindert.

Insgesamt wechselten drei Richter in der zuständigen Zivilkammer. Die letzte Richterin, die vor wenigen Wochen den Fall übernahm, stellte fest: Sie fühle sich an früher gefasste Beschlüsse und Zeugenvernehmungen nicht gebunden, müsse neu aufklären. Ihre düstere Prognose: Der Prozess könne noch weitere Jahre dauern. Da erklärte sich die Generali überraschend bereit, die halbe Million Euro Schmerzensgeld zu zahlen.

"Es war ein äußerst steiniger Prozessweg für das Opfer. Die lange Prozessdauer ist gewiss kein Ruhmesblatt, weder für die Versicherung noch für ein Rechtssystem, in dem ein Betroffener erst nach Jahren sein Recht bekommt", kritisiert Anwalt Hennemann. Und: "Es bleibt ein fader Beigeschmack. Jahre hat Generali alles bestritten. Es ist bitter, dass sie erst jetzt eine substanzielle Schmerzensgeld-Entschädigung zahlt, mit jahrelanger Verspätung. Das Opfer muss darunter leiden." Das Ergebnis sei nun ein "wirtschaftliches Polster".

Manuela Steiner - sie entkam nur knapp einer Querschnittlähmung. Auf den ersten Blick wirkt sie wie eine gesunde Frau. Doch ihr Nacken ist steif. Sie kann nur geradeaus schauen, eckige Bewegungen machen. Nicht länger als zwei Stunden sitzen. Hat ständig starke Schmerzen. Und doch: Die Frau schaut positiv nach vorne, nach dem Geldsegen nun noch ein bisschen mehr.

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