Offen gesagt

Eltern haften an ihren Kindern

Eine Glosse von Tino Lange

"Sind Sie auch mit Ihrer Tochter hier?", fragte mich eine Dame vor vier Jahren beim Konzert von Tokio Hotel in der O2 World. Ich verneinte und war damit wohl der einzige Ü30-Gast in der riesigen Halle ohne mitgebrachten Nachwuchs.

Hunderte Eltern standen sich damals geduldig im Foyer und vor der Halle die Füße platt, ein Bild, an das wir uns sowohl bei samtweichen Boygroups als auch bei knüppelharten Bands wie Bullet For My Valentine gewöhnt haben. Sogar zum Hurricane-Festival gibt es elterliche Bring- und Abholdienste, oder der Vater kommt gleich mit, um seine alten Helden - Kraftwerk, David Bowie - zu sehen.

Früher verboten Eltern ihren Kindern noch, zu den Beatles oder Rolling Stones zu gehen. Heute haften sie an ihren Kindern. Sie lauern auf Facebook, haben einen eigenen Account im Justin-Bieber-Fanforum, leihen sich dauernd die "Harry Potter"- oder "Twilight"-Bücher aus und klauen das "KISS"-Shirt. Eigenbedarf.

Und sie zahlen viel Geld für eine Karte von Bullet For My Valentine, um im Foyer der Markthalle Fußball zu schauen. Dass es vielleicht etwas merkwürdig für den Nachwuchs ist, nach einem Metal-Konzert wie nach dem ersten Schultag abgeholt zu werden ("Jetzt aber nach Hause und ins Bett"), stört sie nicht. Aber wenn Oma Begleitung für Udo Jürgens sucht, dann müssen die Enkel ran.