Neonazi-Mord

Was der Hass aus einer Liebe machte

| Lesedauer: 23 Minuten
Christian Unger

Gülistan und Ramazan aus der Türkei lernen einander beim Putzen kennen. 1985 schlagen Skinheads Ramazan am S-Bahnhof Landwehr tot.

Manchmal bekommt Gülistan Nasenbluten von den Dämpfen der Putzmittel. Spätsommer 1984, ein Bürohaus in Wandsbek, zweite Etage. Die Gummihandschuhe kleben an ihren Händen, mechanisch wischt sie über die Schreibtische. Mit ihrem Vater und den Brüdern war Gülistan nach Hamburg gezogen, wo es bessere Jobs und besseres Geld gibt. Zum Arbeiten, sagen die Männer, seien sie aus ihrer Heimat nach Deutschland gekommen. Also saugt Gülistan über fremde Teppiche, leert Mülleimer aus, putzt Klos. Sie weint viel in dieser Zeit.

Gülistan, 22 Jahre alt, ist eine schöne Frau, sie hat langes schwarzes Haar, hohe Wangenknochen. Doch von Liebe will sie nichts wissen in diesen Wochen in Hamburg, der Stadt, in der sie die Verkehrsschilder nicht versteht und keine Freunde hat. Doch Gülistan wird diese Stadt in ihr Herz schließen. Weil sie hier den Mann ihres Lebens findet.

+++ Prozess gegen den NSU +++

Und sie wird an dieser Stadt zerbrechen. Weil der Hass, der in dieser Stadt wohnt, ihr das Liebste nimmt.

"Merhaba", sagt der junge Mann, der plötzlich in der Bürotür steht. Hallo. "Soll ich schon mal die Mülltüten mit runternehmen?" Er lächelt. "Bist neu in der Stadt, was?" Gülistan nickt. Er heiße Ramazan und putze eine Etage tiefer.

"Wo wohnst du denn?"

"Billstedt."

"Das ist weit, ich fahr dich rum."

"Ich komm schon klar, danke", sagt Gülistan.

Es ist dieser Spätsommertag 1984, an dem Gülistan ihrer Liebe begegnet, dem Mann, mit dem sie bald Kinder haben möchte und alt werden will. Und dem Mann, der sein Kind niemals zu Gesicht bekommen wird. Von beidem weiß Gülistan noch nichts.

In den Tagen danach kommt Ramazan wieder die Treppe hochgerannt in die zweite Etage. Nach der Schicht, um kurz nach sechs Uhr abends, wartet er oft vor dem Bürohaus auf Gülistan. "Du siehst nicht glücklich aus." Geht schon, sagt Gülistan. Vielleicht, sagt Ramazan, können wir uns mal zum Kaffee treffen. Mal sehen, sagt Gülistan. Er sieht ein bisschen aus wie Serdal Gökhan, denkt sie, der bekannte türkische Schauspieler, sein Gang, der Bart über den Lippen, der Akzent in seiner Stimme.

Gülistan und Ramazan gehen im Park spazieren oder ins Kino. Er lädt sie in ein Restaurant an der Alster ein, Mühlenkamp, deutsche Küche. Er ist so höflich, denkt Gülistan. So charmant.

"Setz dich doch, meine Liebe", sagt Ramazan im Café. "Möchtest du noch etwas trinken, meine Liebe?" Warum sagst du immer "meine Liebe"?

Weil ich mich in dich verliebt habe. "Du bist verrückt", sagt Gülistan.

Im Februar 1985 meldet das Hamburger Abendblatt: 20 rechtsradikale Skinheads lauerten einem Punker auf, der in den besetzten Häusern an der Hafenstraße auf St. Pauli wohnt. Sie schlugen mit Baseballschlägern auf ihn ein.

Ramazan und Gülistan telefonieren, oft stundenlang und bis in die Nacht. Er erzählt ihr, wie er mit seinem Vater und den Brüdern Hüseyin und Veli nach Hamburg kam, als Ramazan 24 Jahre alt ist. Er erzählt von dem Ort, aus dem er kommt, 30 Kilometer nördlich von Isparta, erzählt Gülistan von den Feldern mit Rosen, die sie dort züchten, und von den Apfelplantagen. "Gülüm, gülüm!", sagt er zu ihr. Meine Rose, meine Rose! So wie es viele in seinem Heimatdorf Gönen sagen. "Wenn wir genug Geld haben und die Kinder groß sind, dann gehen wir zurück in die Türkei und züchten dort Rosen und Äpfel." Manchmal redet Ramazan so lange, dass Gülistan kurz einnickt am Hörer, müde vom Putzen der Büros.

Am 25. Juli 1985 meldet das Hamburger Abendblatt die Festnahme von drei arbeitslosen Jugendlichen. Sie hatten den Türken Mehmet K. in ein Gebüsch beim Kiwittsmoor gezerrt und mit einer Betonplatte erschlagen. Einer der Täter: ein rechtsextremer Skinhead.

Gülistan zieht bei Ramazan ein, Zweizimmerwohnung am Knickweg in Winterhude, 100 Meter Luftlinie vom Osterbekkanal, wo sie oft spazieren gehen. Im Frühling 1985 wird Gülistan schwanger. Sie machen Fotos von sich, draußen beim Spazierengehen, in der Wohnung, auf dem Sofa, Hand in Hand, um Ramazans Arm liegt die schwere Uhr mit dem breiten Armband.

"Ich will so viele Kinder von dir, dass wir eine Fußballmannschaft gründen können", sagt Ramazan einmal. Wenn das Kind ein Mädchen wird, wollen sie es Hediye nennen, der Name bedeutet Geschenk. Wird es ein Junge, soll er Cem heißen, König. Mit Freunden und gutem Essen feiern Gülistan und Ramazan ihre Verlobung, tauschen silberne Ringe aus. Gülistans Bauch wird rund. Als sie einmal Heißhunger auf frische Quitten hat, ruft Ramazan die Familie in der Türkei an. Sie sollen Quitten schicken, gleich, am besten noch diese Woche.

Am Sonnabend, 21. Dezember 1985, ist Hamburg bewölkt, es wird an diesem Tag nicht wärmer als neun Grad. Am Mittag gehen Gülistan und Ramazan einkaufen, abends feiern sie bei einem Freund den Geburtstag von Ramazan nach. Am Tag vorher wurde er 26 Jahre alt, sein Bruder Veli mit seiner Frau ist da, die Freunde Arkadasch und Halis. Sie trinken Bier, stoßen an mit Sekt, hören türkische Lieder von einer Kassette.

"Tanz mit mir, meine Rose!", sagt Ramazan. "Ich kann nicht, mein Bauch." Gülistan lacht. "Du bist verrückt!" In einer Woche erwarten sie ihr Kind.

Spät am Abend will Ramazan noch einmal los. Morgen ist Gebrauchtwagenmarkt im Osten der Stadt. Er will den alten Ford verkaufen. Von dem Geld wollen sie ein Kinderbett besorgen. Damit er einen guten Platz auf dem Markt bekommt, bringt er das Auto schon abends dorthin. Der Bruder Veli und die Freunde Halis und Arkadasch wollen ihn noch begleiten. Ramazan zieht seine braune Jeansjacke über die Schultern. "Wenn etwas ist mit dem Kind, dann rufe sofort einen Krankenwagen", sagt er zu Gülistan. "Um halb elf bin ich sicher wieder da." Die Haustür fällt ins Schloss. Gülistan geht zum Fenster, schiebt die Gardinen zur Seite und blickt Ramazan hinterher. Er dreht sich noch einmal um, winkt ihr zu.

Ramazan, Halis und Veli sind auf dem Rückweg, das Auto haben sie beim Gebrauchtmarkt abgestellt. Es ist kurz vor elf Uhr, als die drei aus der S-Bahn an der Station Landwehr aussteigen. Ein paar Meter entfernt, Ecke Hasselbrookstraße, leuchtet die Holsten-Werbung über den großen Fenstern der Eckkneipe Landwehr, "der echte Biergenuß", es ist ein bekannter Skinhead-Treff. Ramazan, Halis und Veli warten an der Haltestelle vor der Gaststätte auf den Bus, Linie 106, in Richtung Mühlenkamp. Dann bemerken die Skinheads die drei Türken. Kanaken rufen sie, und Scheißtürken. Fast 30 von ihnen sind da. Einige kommen näher - und einer tritt zu.

Ramazan hat eine Sprühdose mit CS-Gas dabei, wie es viele Ausländer seit einiger Zeit mit sich tragen, weil sie sich in dieser Stadt nicht mehr sicher fühlen. Er sprüht. Dann rennen sie los, Hauptsache weg. Einige Skinheads laufen hinterher, sie schmeißen Flaschen und Gläser auf die drei Türken. So wird es nachher in der Gefangenenakte des Haupttäters beschrieben. Und dort steht: Fünf Skinheads steigen in einem schwarzen VW Jetta ein, Ratzeburger Kennzeichen. Sie folgen Ramazan und den anderen beiden. Mit im Auto: ein Gummiknüppel, ein Axtstiel und eine Keule.

Die drei Türken hetzen die Straße hoch, 400 Meter. Als sie zur Kreuzung Wartenau/Wandsbeker Chaussee kommen, werden sie langsamer, pusten durch. Die Skinheads haben sie abgehängt. Das glauben sie in dem Moment. Dann fällt ein Schuss.

Einer der Skinheads feuerte aus dem Auto eine Leuchtspurkugel ab. Wieder rennen die drei los, rechts rein über die Kreuzung in die Wandsbeker Chaussee. Dort steht ein Bus an der Haltestelle, ihre Rettung, hoffen sie. Die Ampel springt auf Grün, die Autos an der Kreuzung fahren los. Halis und Veli hasten zur Bustür. Und Ramazan, noch auf der Straße, sieht einen VW Golf nicht kommen. Der Fahrer erwischt ihn, Ramazan liegt am Boden, das linke Schienbein gebrochen. Dann kommen die Skinheads näher.

Der eine trägt einen Axtstiel in der Hand, 80 Zentimeter lang, die anderen Gummiknüppel und Keule. Halis und Veli sehen Ramazan am Boden liegen, sie sehen, wie er versucht aufzustehen, doch dann treffen ihn schon die Tritte in Magen, Brust, an Armen und Kopf. Eine Minute lang dreschen sie auf Ramazan ein. Er verliert das Bewusstsein.

Zahlreiche Gesichtsschädelbrüche, Schädeldachtrümmerbruch, Augenhöhlenunterbruch, massive Hirnquetschung, Blutergüsse, Scherben des Schädelknochens haben sich durch die Tritte in Ramazans Gehirn gebohrt, Hautabschürfungen, Platzwunde im Scheitelbereich. So steht es später im amtlichen Untersuchungsbericht.

Intensivstation, Krankenhaus St. Georg. Viele Stunden haben die Ärzte um Ramazans Leben gekämpft, zweimal wurde er am Kopf operiert, einmal am Unterschenkel. Gülistan sieht die Schläuche an seinem Körper, sie sieht die Kabel, die zu blinkenden Geräten führen. Ramazan, das Laken bis über die Brust gezogen, hat den Kopf verbunden. Seine Augen sind geschlossen, nur an der Wange hat er einen Ratscher. Gülistan blickt zu den Verwandten von Ramazan, seine Brüder sind da, und sie hört die Ärzte etwas sagen, aber sie versteht deren Worte nicht.

Gülistan nimmt Ramazans Hand. "Komm, wir gehen! Du gehörst nach Hause ins Bett. Komm!" Aber seine Hand rutscht aus Gülistans Fingern, leblos fällt sie auf die Matratze. Am Dienstag um 0 Uhr 20 stirbt Ramazan Avci. Es ist der 24. Dezember.

Silvester 1985, 300 Menschen, die Brüder von Ramazan, Verwandte und Freunde stehen auf dem Friedhof in Ohlsdorf vor dem Sarg, in dem Ramazan liegt. Eine rote Decke mit den Symbolen der türkischen Fahne deckt das Holz ab, Mondsichel und Stern. Mit Kränzen und weißen Rosen schieben sie den Sarg in den Leichenwagen. 100 Autos folgen in einem Konvoi in Richtung Flughafen. Sie tragen den Sarg in die Frachthalle, Zwischenstopp in Frankfurt und Ankara, dann weiter nach Isparta, Ramazans letzte Reise. Gülistan ist nicht mit am Flughafen. Das Kind kann jeden Moment kommen.

Am 2. Januar 1986 beerdigt die Familie Ramazan in seiner Heimat Gönen. Sechs Jahre haben die Eltern ihren Sohn nicht gesehen, jetzt fährt seine Leiche in einem Wagen ins Dorf. Der Gouverneur von Isparta ist bei der Trauerfeier, sie legen Kränze, pflanzen Blumen. "Mörder-Nazis", schreiben die türkischen Zeitungen. Gülistan ist nicht dabei, am 4. Januar setzen bei ihr die Wehen ein. Eine Freundin bringt Gülistan ins Krankenhaus nach Eppendorf.

Um viertel vor zehn kommt das Kind zur Welt, 3700 Gramm schwer, 53 Zentimeter groß, ein Junge.

Gülistan, noch im Krankenhaus mit dem Säugling, schreibt ein kurzes Gedicht: "Ich habe meine Jugend nicht leben können, habe mein Kind nicht gesehen. Der vom Fremdenhass ermordet wurde: Ramazan Avci." So soll es auf seinem Grab stehen. Für den Marmorstein schickt sie Geld zu Ramazans Familie nach Gönem. In Hamburg verkauft sie zwei goldene Armreife.

Nachbarn aus dem Knickweg sammeln Geld für einen Kranz, andere melden sich beim türkischen Konsulat und wollen Gülistan helfen. Doch sie taucht ab, weiß nichts mehr, will nichts. Nur noch weg aus diesem Land, dieser Stadt, die ihr den Mann ihres Lebens genommen hat, und den Vater ihres Sohnes.

Zwei Wochen nach dem Tod schickt der türkische Konsul ein Auto mit Chauffeur zu Gülistan. Sie solle ins Konsulat kommen. Auf einem großen Tisch stehen Kaffee und Kuchen. "Bleib in Deutschland, Gülistan. Es ist besser für dein Kind. Hier hat es eine Perspektive", sagt der Konsul. Und dann sagt er noch einen Satz: "Allah gibt den Menschen Brot, aber sie sehen es nicht." Bleib hier in Hamburg, Gülistan. Und iss das Brot!

Der CDU-Politiker Wolfgang Kramer hört von dem Fall. "Wieder morden Nazis auf Deutschlands Straßen. Das darf nicht sein", sagt er. 17 Jahre lang überweist er Gülistan 200 Mark, jeden Monat. Für sie, und vor allem für den Sohn. Gülistan bleibt hier.

Am 11. Januar 1986 ziehen 10 000 Menschen durch Hamburg, sie treffen sich am Bahnhof Landwehr, dem Tatort, ziehen zur Lübecker Straße, dann Graumannsweg, und zum Gerhart-Hauptmann-Platz. Viele halten Plakate in die Luft, "Yerlesme hakki istiyoruz", "Wir haben das Recht zu bleiben", oder "Freundschaft statt Feindschaft".

Es gibt keine Fotos von Gülistan auf der Demonstration, keine von ihr am Sarg von Ramazan. Gülistan war nicht dort. Sie bleibt zu Hause mit ihrem Kind, sie weint wieder viel.

Im Mai 1986, fünf Monate nach der Geburt des Sohnes, sitzt Gülistan im Flieger in Richtung Türkei, den Jungen eng an ihre Brust gewickelt. Sie will Ramazans Heimat Gönen besuchen, sie will sein Grab sehen.

Gülistan geht in das Kinderzimmer von Ramazan im Haus der Eltern, einen Tag lang hatte die Mutter ihren Sohn dort aufgebahrt, bevor er beerdigt wurde. Im Gepäck hat Gülistan Ramazans braune Jacke und seine Uhr, das Glas zerbrochen und das Armband gerissen von der Nacht, in der die Skinheads ihn totprügelten. In dem Zimmer gibt es ein Regal, einen Einlass in die Wand, in den Gülistan Jacke und Uhr legt. Eine Nacht schläft sie in Ramazans Zimmer, dann erträgt sie es nicht mehr.

Als Gülistan wieder nach Hamburg kommt, will sie nicht zurück in die Wohnung, wo sie gerade erst mit Ramazan eingezogen war. Drei Monate lang lebt sie bei ihrer Freundin Selma. Gülistan verkriecht sich, geht nachts nicht auf die Straße. Fährt sie mit der S-Bahn an der Station Landwehr vorbei, schaut sie nicht rüber, nach links in Richtung Wartenau, dort, wo sie Ramazan erschlagen haben.

Donnerstag, 15. Mai 1986, 13. Große Strafkammer: Vor dem Landgericht Hamburg beginnt der Prozess gegen Norbert B., der den VW Jetta fuhr, gegen Uwe P., Volker K., Rene W. und Ralph L., den Hauptangeklagten, auf dem Nacken ein Tattoo, ein Hammer gekreuzt mit einer Axt. Der jüngste der fünf Angeklagten ist gerade 18 Jahre alt, der Älteste 24. Im Plastikbeutel liegen die Tatwaffen auf dem Tisch des Richters, Axt, Knüppel, Keule.

Sechs Wochen dauert der Prozess. Richter Erich Petersen verkündet das Urteil: zehn Jahre Freiheitsstrafe für Ralph L., sechs, dreieinhalb und ein Jahr für die anderen. Wegen Totschlags, nicht wegen Mordes. Niedere Beweggründe wie Ausländerhass hätten nicht bewiesen werden können. Die Verbände der türkischen Zuwanderer fühlen sich allein gelassen von Politikern und Staat. Geld von den Behörden bekommt Gülistan nicht.

Sie zieht in eine neue Wohnung, putzt weiter Büros, lebt allein mit ihrem Sohn, der zur Schule geht und Deutsch lernt, bald eine Ausbildung macht als Kaufmann in einem Handygeschäft in Barmbek und sich später verlobt. In seiner Freizeit geht er in die Sporthalle, trainiert Kampfsport, Thaiboxen. Oft sind Ramazans Brüder zu Besuch, die Freundin Selma kommt vorbei, andere Verwandte. Und Gülistan schweigt, erzählt kaum einem ihre Geschichte. "Schicksal, was soll man machen? Es muss ja weitergehen." Mit leeren Worten schiebt sie die dunklen Gedanken aus ihrem Kopf. 25 Jahre lang.

Sie hat nie geheiratet, nicht mal eine Beziehung hatte sie. Gülistan will sich nicht mehr verlieben, sucht die Liebe in der Familie, bei Freunden und ihrem Sohn. Vielleicht bleibt sie auch allein, weil sie von Ramazan ein Kind hat. Weil es sich so gehört in ihrer Kultur, diesem Mann treu zu bleiben.

Am 21. Dezember 2010 steht Gülistan auf dem Platz am Bahnhof Landwehr, zum ersten Mal. In Hamburg liegt eine weiße Decke aus Schnee über den Fußwegen. Dort, wo 1985 Skinheads aus der Kneipe rannten, ist heute ein Augenoptiker, daneben ein Blumengeschäft und ein Döner-Imbiss. Nichts erinnert an den Tod von Ramazan. Und deshalb ist Gülistan an diesem Tag da, gemeinsam mit Aktiven hat sie eine Initiative zum Gedenken an Ramazan gegründet. "Kein Schweigen! Kein Vergessen!", fordern sie. Gülistan sagt: "Vielleicht ist Ramazan gestorben, aber sein Name muss an diesem Ort weiterleben." Sie will nicht mehr schweigen. Freunde aus der Initiative helfen Gülistan dabei, ihre Geschichte zu erzählen.

Auf eine Bank neben dem Bahnhof stellen sie an diesem Abend große Bilder von Ausländern, die in Deutschland durch Rechtsradikale getötet wurden, daneben stehen Kerzen.

Am 16. November 2011 stehen Kerzen vor einem Flachdachhaus an der Schützenstraße in Bahrenfeld. Kamerateams filmen, Fotografen knipsen. Ein SPD-Politiker leitet die spontan einberufene Pressekonferenz. Erst ein paar Tage ist es her, da erfuhr die Öffentlichkeit, dass drei Neonazis aus Thüringen zehn Menschen in Deutschland kaltblütig erschossen haben sollen. Auch Süleyman Tasköprü, am 27. Juni 2001 am Eingang des Gemüseladens in der Schützenstraße, mit einer tschechischen Ceska, Modell 83, Kaliber 7,65, durch gezielte Schüsse in den Kopf. Die Mordserie des "Nationalsozialistischen Untergrunds", der sogenannten "Zwickauer Zelle", die Untersuchungsausschüsse, die Pannen der Ermittler - all das hat jetzt auch den Tod von Ramazan Avci wieder ans Tageslicht gebracht. Mehr als 26 Jahre danach.

Gülistan sitzt auf dem weißen Sofa in ihrem Wohnzimmer. Auf dem Tisch stehen Rosen aus Plastik, sie hat Börek gebacken, es gibt schwarzen Kaffee. "Ramazan und ich waren nur ein Jahr und drei Monate ein Paar. Aber ich werde diese Zeit nie vergessen", sagt sie. Sie hat ein paar Fotos von ihm und sich geholt. Auch an der Wand hängt ein Bild von Ramazan. Gülistan erzählt von damals, wie verknallt sie waren, von den Geschenken, die er ihr gemacht hat. Manchmal stolpert sie über ihre eigenen Worte. Die Erinnerungen strömen aus ihr heraus, wie aufgestautes Wasser aus einem Damm. Sie gluckst, lacht, kichert. Und dann seufzt sie, zuckt mit ihren schmalen Schultern, flieht in die Stille. Und kämpft gegen die Tränen, wenn sie von der Zeit nach Ramazans Tod erzählt.

"Wo war die Polizei damals?", fragt sie. Die hätte doch da sein müssen, in drei Minuten oder fünf. Die hätte ihn retten müssen. "Das ist nicht gerecht."

Hamburg erlebt 2012 Antirassismus-Wochen, Anfang Juni stehen mehrere Tausend Menschen gegen Rechtsextremismus auf dem Rathausmarkt, Bürgermeister Olaf Scholz spricht von dem weltoffenen Hamburg. Monate, nachdem die Taten der "Zwickauer Zelle" die Schlagzeilen der Republik füllten, findet die Initiative für Ramazan Avci Gehör. Lange davor hat es kaum jemand interessiert. Jetzt aber zeigen sich Politiker entschlossen, wollen ein Zeichen setzen: Im Frühjahr 2012 beschließt die Hamburger Bürgerschaft, den Platz am Bahnhof Landwehr umzubenennen. Er soll bald Ramazan-Avci-Platz heißen. Ein Mahnmal wollen sie errichten. Und Gülistan hat schon Rosen bestellt, aus Isparta natürlich.

Heute lebt sie in der Nähe vom Bahnhof in Barmbek, Klinkerbau, vierter Stock, unter ihr und neben ihr wohnen auch türkische Familien, ihr Deutsch ist schlecht. Der Sohn habe nie viel nach seinem Vater gefragt, sagt Gülistan. "Alte Wunden soll man nicht aufmachen", sagt der Sohn. Er sitzt neben seiner Mutter, die Haare kurz, der Körper schlank und stramm. Einmal, als er noch zur Schule ging, mit elf Jahren oder zwölf, lief im türkischen Fernsehen eine Dokumentation über den Mord an seinen Vater. "Wer hat meinen Vater umgebracht?", fragt er. "Nazis", sagt seine Mutter. "Wir haben nie viel geredet über den Vater." Vielleicht auch, weil immer Männer zu Besuch waren, Brüder, Verwandte, Freunde.

Geht der Sohn abends mit Kumpels aus, will Gülistan wissen, wo sie sich treffen. Kommt er später, soll er sie anrufen. "Ich habe keine Angst um mich", sagt Gülistan. "Aber ich habe Angst um meinen Sohn." 26 Jahre ist er jetzt alt, 26 Jahre ist sein Vater jetzt tot.

Gülistan hat ihm seinen Namen gegeben: Ramazan.

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