Bezirk Altona

Anwohner-Aufstand an der Köhlbrandtreppe

Anwohner klagen gegen geplanten sechsstöckigen Neubau der Reederei Johs. Thode. Altes Backsteingebäude soll abgerissen werden.

Altona-Altstadt. Architektonisch herausragend ist die Gegend zwischen Großer Elbstraße und Palmaille nicht unbedingt, aber hanseatisch urig und geschichtsträchtig. Monumentales Bauwerk ist die vor genau 125 Jahren eingeweihte Köhlbrandtreppe. Praktisch unverwüstlich und stabil erscheint das rot geklinkerte Gemäuer, das so manchen Sturm und manche Flut überlebte. An ihrer rechten Seite, von der Elbe aus gesehen, rumort es jedoch gewaltig: Nachbarn protestieren, Anwohner klagen - und bald muss das Verwaltungsgericht entscheiden.

Im Blickpunkt steht der an die Köhlbrandtreppe angegliederte Firmensitz der Reederei Johs. Thode. Seit mehr als einem Jahrhundert betätigt sich das Traditionsunternehmen als Schiffsmakler und Reeder. Das ursprüngliche Gebäude von Ende des vorvergangenen Jahrhunderts wurde im Zweiten Weltkrieg von einer Bombe getroffen, wieder aufgebaut und 1981 entkernt und renoviert. Jetzt will die Firma Thode das Backsteinhaus mit der Kogge an der Wand abreißen lassen und durch einen sechsstöckigen Neubau ersetzen. Und damit beginnt der Ärger.

Gegen den Vorbescheid des Bezirksamts Altona für Abbruch und Neubau vom 25. Januar 2011 haben zehn Nachbarn Widerspruch eingelegt, der vom Rechtsamt der Behörde zurückgewiesen wurde. Hiergegen haben die Nachbarn am 1. März dieses Jahres Klage vor dem Verwaltungsgericht erhoben. Das Urteil steht noch aus.

"Für den Stadtteil ist das Ergebnis städtebaulich eine Katastrophe", schimpft Nachbar Torben Rick. "Statt der gewünschten Verbindung von Wohnen und Arbeiten entsteht für das Wohngebäude in unmittelbarer Nähe zum Fischmarkt der Eindruck eines Fremdkörpers." Dem Geschäftsführer eines Energieunternehmens stehen neun weitere Mietparteien zur Seite. Gemeinsam klagen sie. Im Visier der Verärgerung stehen die GS-Bau GmbH mit Sitz in Neu Wulmstorf sowie die Stadt Hamburg.

Doch der Reihe nach. Im Frühjahr 2010 zogen 37 Käufer in das neu errichtete Wohnhaus Carsten-Rehder-Straße 52 ein. Der schmucke Neubau mit den Panoramafenstern und großen Balkons bietet komfortables Wohnen in maritimem Umfeld: Das Reedereibüro Johs. Thode als direkter Nachbar ist durch eine Grünfläche getrennt. Zu angesagten Lokalen wie Schellfischposten, Haifischbar oder Lutter & Wegner ist es nur eine Fußminute, zum Elbufer ebenso. Die 90 bis 130 Quadratmeter großen Eigentumswohnungen in dieser attraktiven Lage haben ihren Preis: rund 4000 Euro pro Quadratmeter.

"Allen Käufern wurde das einmalige Wohnerlebnis in unmittelbarer Hafennähe in einer frei stehenden, hochwertigen Wohnanlage zugesichert", sagt Torben Rick im Namen der anderen Eigentümer. "Vom Bauträger wurde insbesondere versprochen, dass die Nachbarbebauung nicht an die Grundstücksgrenze heranrückt."

Der Vorwurf: Der Bauträger verschweige, dass es eine Nachbarschaftsvereinbarung gibt, die das Gegenteil besagt. Diese Vereinbarung, am 19. Januar 2010 auf Briefpapier der Freien und Hansestadt Hamburg (Bezirksamt Altona) unterschrieben, liegt dem Abendblatt vor. Die neuen Eigentümer sind empört, dass ihnen jetzt ein sechsstöckiger Neubau "direkt vor die Nase gesetzt wird". Torben Ricks Kommentar: "Das ist kein Wohnen im Hafen und im Grünen, sondern die massive Verschattung wie in einer New Yorker Häuserschlucht."

"Das Gebäude steht nicht unter Denkmalschutz", sagt Kerstin Graupner, Sprecherin der Stadtentwicklungsbehörde. "Folglich ist die Zustimmung des Oberbaudirektors nicht erforderlich." Im Bauantragsverfahren werde die Behörde gemeinsam mit dem Bezirk Altona erneut prüfen, "ob der Abriss des traditionsreichen Gebäudes der Reederei Thode in unmittelbarer Nähe zur denkmalgeschützten Köhlbrandtreppe zu einer optischen Disharmonie führt".

"Bei der 1887 als Fußgängerverbindung zwischen Hafen und Oberstadt errichteten Köhlbrandtreppe handelt es sich um ein bedeutendes Denkmal der Hafengeschichte in Altona, die einen sensiblen Umgang erfordert", ergänzt Stefan Nowicki im Namen der Kulturbehörde, zu der auch das Denkmalschutzamt gehört. Zwar werde der geplante Neubau deutlich höher sein als das bestehende Gebäude der Firma Thode. Von einer Beeinträchtigung der Treppenanlage durch den Neubau sei jedoch nicht auszugehen.

Nicht direkt betroffene Anwohner beschweren sich über den geplanten Abriss des Reedereihauses. Viele meinen, die seit Jahrzehnten gewachsene Harmonie zwischen Köhlbrandtreppe und Schifffahrthaus werde nun durch einen deutlich höheren Bau zerstört. "Mir ist es unbegreiflich, warum erneut hanseatische Bausubstanz zerstört wird", sagt Uwe Müller, hauptberuflich Elblotse und nebenbei Wirt der Seemannskneipe Zum Schellfischposten. "Das ist eine Sünde", meint Ehefrau Ulla Müller. Ihr habe das Denkmalschutzamt Probleme gemacht, da Sonnenschirme vor der Tür des Lokals den freien Blick auf die Köhlbrandtreppe verwehrten - und jetzt werde das Traditionshaus direkt daneben abgerissen.

Dieter Behrens, Seniorchef der Reederei Johs. Thode, versteht den ganzen Ärger nicht: "Wir wollen mit der Zeit gehen und einen Neubau schaffen, der den Stadtteil aufwertet." In Absprache mit Oberbaudirektor Jörn Walter werde "städtebaulich etwas Gutes entstehen". Geplant sind sechs Stockwerke: vier für Wohnungen und die beiden obersten für 25 Reedereimitarbeiter.