Die Stadtteilserie

Wohldorf-Ohlstedt

Wovon viele träumen, hier ist es möglich: ein beschauliches Leben am grünen Stadtrand

Die modrige, würzige Luft, das Knistern trockener Kiefernzweige. Das Knacken leerer Bucheckernschalen, das hartnäckige Tocken eines Spechts. Das satte Schmatzen, wenn die Pferdehufe sich vom feuchten Waldboden lösen.

Wer mitten im Wohldorfer Wald für einen Moment die Augen schließt und der Natur nachspürt, der vergisst nicht nur, dass er sich tatsächlich noch immer auf Hamburger Stadtgebiet befindet. Dem liegt dabei, wenn er die richtige Stelle findet, sogar ein kleines Wohldorfer Geheimnis zu Füßen, ein Hätten-Sie's-gewusst-Moment: Zu einer Zeit, als strombetriebene Kühlschränke noch Zukunftsvision waren, wurde das Innere des höchsten Waldhügels (was als Superlativ pompöser klingt als es die Realität dann einlöst) als Eiskeller des nahen Herrenhauses genutzt. Eisblöcke wurden aus den umliegenden Gewässern gesägt und in die unterirdische Kühlkammer gekarrt. Seit 1924 steht auf eben jener Stelle ein Gedenkbrocken für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs, ein 150-Zentner-Findling, hochgehüsert allein mit Hilfe von Flaschenzügen.

Großes Erholungspotenzial

Er thront dort auf etwa halbem Wege zwischen Wohldorf - dem noch heute ländlichen Dorfteil mit der kleinen Landmeierei, dem Ausflugslokal Zum Bäcker, mit der Kupfermühle und den kleinen, alten Landarbeiterhäuschen, deren Schicksal immer wieder zwischen Denkmalschutz und Abriss schwankt - und Ohlstedt, dem wohlhabenden Villenvorort mit Tennisclub, baumbestandenen Alleen, mit der Matthias-Claudius-Kirche, der von Fritz Schumacher erbauten Schule Am Walde und dem Gymnasium.

Der Wohldorfer Wald, ältestes Forstrevier der Stadt, trennt und verbindet die beiden Ortsteile, er ist - wie das Naturschutzgebiet Duvenstedter Brook - identitätsstiftend und prägt mit seinen zahlreichen Reit- und Spazierwegen und dem großen Erholungspotenzial seit jeher die Gegend. Wohldorf im Norden und Ohlstedt im Süden wurden 1872 zu einer Gemeinde zusammengelegt; anders als die anderen Walddörfer gehören sie nicht erst seit 1937 zu Hamburg: Bereits 1370 fiel Wohldorf an einen Hamburger Bürger, Ohlstedt wurde zunächst an Hamburg verpfändet und 1407 schließlich an den Bürgermeister verkauft.

"Das hat Seele, hat das"

Nicht weit vom ehemaligen Eiskeller zuckelte bis 1961 die Kleinbahn durch die "Tannenallee", die eigentlich ja Mühlenredder heißt, aber auf diesem für den Verkehr gesperrten Stück noch heute von kaum jemandem so genannt wird - ganz ähnlich übrigens wie "die Aue", das kleine Flüsschen, das sich im Mühlenteich staut und offiziell Ammersbek heißt.

"Tannenallee - ja, so hieß auch die Kleinbahnhaltestelle", erinnert sich Dieter Hahn. Er ist das, was man getrost ein Wohldorfer Urgestein nennen darf. Dieter Hahn, der mit unverkennbar nordischem Zungenschlag spricht, lebt mit seiner Frau im so genannten "Langen Jammer" an der Herrenhausallee, einem bescheidenen, aber warmherzig eingerichteten Wohnblock an der Ecke zur Schünenkoppel. "Das hat Seele, hat das", findet Hahn. 1939 wurde er geboren, "ich war so 'n lüttes Paket, das in einen Schuhkarton gepasst hätte". Der "Lange Jammer", der so heißt, weil die Arbeiter damals kein leichtes Leben hatten, ist sein Elternhaus. Größer als ein Schuhkarton allemal, aber doch eng und mit niedrigen Decken. Fünf Parteien wohnen dort heute noch nebeneinander, die Hahns am längsten von allen.

Unterschiedliche Milieus

Dieter Hahn kann ordentlich vertellen, wenn man ihn nach seinem Wohldorf fragt. Wie im Krieg am ehemaligen Kupferhof die Funkstationen standen. Wie die Kupfermühle Gefangenenlager für die Russen war, wie die Grundschule Am Walde zum Lazarett wurde. Seit 52 Jahren ist Dieter Hahn Ehrenmitglied der Freiwilligen Feuerwehr Wohldorf (Ohlstedt hat eine eigene Freiwillige Feuerwehr, am Ostersonnabend konnte man bislang in Wohldorf-Ohlstedt deshalb gleich zu zwei Osterfeuern gehen), als Mitglied der Naturwacht achtet er außerdem darauf, dass niemand wandert, wo er nicht soll, und die Kraniche zur Brutzeit ihre Ruhe haben.

Nicht weit vom Langen Jammer prangt stolz das Wohldorfer Herrenhaus am Mühlenteich. Es ist mittlerweile in Privatbesitz und war lange Jahre ein Erholungsort für Hamburgs Bürgermeister, feine Senatoren und Ehrengäste. Nicht nur Bürgermeister Mönckeberg und Senator Sthamer, nach dem die Straße benannt wurde, in der heute das Gymnasium steht, kamen zur "Luftkur in den Norden". Auch der berühmte Dirigent Hans von Bülow spielte 1890 den eigens dorthin geschafften Bechsteinflügel im Herrenhaus. Er litt allerdings während seines Aufenthaltes an der "Ungunst der Witterung".

Auch heute noch beobachtet Karsten Schumacher, Pastor der Matthias-Claudius-Kirche, die unterschiedlichen Milieus. Im Gegensatz zum dörflichen Wohldorf sieht er das Bildungsbürgertum von Ohlstedt, die nicht abgehobene, aber wohlhabende Klientel an der Bredenbekstraße oder der Diestel-straße (wo auch Dieter Bohlen schon gewohnt hat). "Die meisten Jugendlichen lassen sich konfirmieren", sagt Schumacher, 45 Prozent der Einwohner sind Kirchenmitglieder, eine stattliche Zahl, auch wenn einige wohl nur an Heiligabend auf dem Kirchhügel vorbeischauen.

Tiefe Verwurzelung

"Wer hier lebt, lebt lange hier", weiß der Pastor. Das zeugt von Verwurzelung, hat aber Konsequenzen: Der idyllische Stadtteil an der Endstation der U1 ist mit seinen Bewohnern alt geworden. Selbst der kleine Edeka-Laden, "Ede", zu dem die Oberschüler sich in der Großen Pause für ein Schokokuss-Brötchen schlichen, hat längst geschlossen. Wer heute über Ohlstedt spricht, nutzt oft die Vergangenheitsform: Hier war früher die Post, hier in den Alster-Studios wurde "Bonanza" synchronisiert, hier war Masch, der Schreibwarenladen.

Sieht man die Ohlstedter oder Wohldorfer unterwegs, dann oft im Auto: auf dem Weg ins Alstertal-Einkaufszentrum, zum Supermarkt nach Duvenstedt oder mit der Tochter zum Reitstall. Das Leben ist ein ruhiges am Stadtrand von Hamburg. Die meisten hier wissen das zu schätzen. Für Hundebesitzer ist es ein nahezu ideales Revier zum Gassi-Gehen - was übrigens einen Ohlstedter immer reicher macht: Der Erfinder der Flexihundeleine ist ebenfalls im Dorf zu Hause.

In der nächsten Folge am 7.4.: Harvestehude