Vollversammlung im Schanzenviertel

"Pro Quote": Zusammen sind wir weniger allein

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Silvia Stammer

200 Gäste kamen nach der ersten Vollversammlung von "Pro Quote" in die Bar Rossi - darunter Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen.

Hamburg. Luzia Braun (ZDF, "Aspekte") rockte im korallenroten Kostüm die Tanzfläche, Moderatorin Anne Will trank im Klönschnack mit ARD-Kollegin Gabi Bauer lässig Bier aus der Flasche, und Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen schob sich sichtlich gut gelaunt mit Ehemann Heiko ("Er ist gerne mitgekommen") durch die Menge. Selbst Gegner einer Frauenquote in Führungspositionen müssten zugeben: Die Party am späten Sonnabend im "13. Stock" über der Bar Rossi im Schanzenviertel mit etwa 200 Gästen war an diesem Wochenende vermutlich die coolste der Hansestadt.

Den Beschluss, den "coolsten Verein der Republik" zu gründen, wie es eine Redakteurin formulierte, hatte zuvor am selben Ort die Vollversammlung von "Pro Quote" einstimmig gefasst. Die etwa 100 Teilnehmerinnen - dabei Ex- und Derzeit-"taz"-Chefredakteurinnen Bascha Mika, Ines Pohl und Elke Schmitter, die Moderatorinnen Anja Reschke, Gabi Bauer, Inka Schneider, Lisa Ortgies, Literaturkritikerin Iris Radisch - trafen sich in dieser Runde zum ersten Mal. Die Initiative von Journalistinnen, die bis 2017 mindestens 30 Prozent aller einflussreichen Jobs in Redaktionen mit Frauen besetzt haben möchte, hatte als Guerillera-Aktion begonnen und Ende Februar für Aufsehen in der Medienbranche gesorgt. In einem Brief an Chefredakteure, Intendanten und Verleger bundesweit hatten 350 "Erst-Unterstützerinnen" ihre Forderung formuliert und um Resonanz gebeten. Geantwortet haben, so das "Pro Quote"-Resümee am Sonnabend, von über 200 Chefs lediglich 28 - meist von Medien, die die Quote schon erfüllen, beispielsweise "Geo", WDR oder "Wirtschaftswoche". Giovanni di Lorenzo ("Zeit") und Thomas Osterkorn ("Stern") sprachen sich in Editorials ihrer Blätter nicht für eine Quote, aber für mehr Frauen an der Spitze aus. Bislang beträgt der Anteil von Frauen in Chefredaktionen etwa zwei Prozent, in TV und Hörfunk sieht es besser aus, aber nicht rosig.

+++ Kommentar: Die Quote ist kein Frauen-Thema +++

"Wir müssen nachsetzen, damit sich die anderen erklären", sagt Anne Will dazu. Mit der Vereinsgründung bekomme "Pro Quote" die nötige Struktur. Der Auftakt der Aktion sei ein grandioser Erfolg gewesen. Mehr als 3200 Unterstützer, weiblich und männlich, haben inzwischen auf www.pro-quote .de unterzeichnet. Männer waren am Sonnabend auch vertreten. Er sei der Einladung gerne gefolgt, so "Spiegel"-Chefredakteur Georg Mascolo zum Abendblatt: "Die Tatsache, dass ich die Quote nicht gut finde, heißt nicht, dass ich das Ziel nicht gut finde. Die Gelegenheit zur Diskussion mit tüchtigen Journalistinnen, die ihr Ziel hartnäckig verfolgen, nehme ich gerne wahr."

Er würde sich sehr freuen, "wenn ich der erste ,Spiegel'-Chefredakteur wäre, der eine Frau in die Chefredaktion berufen kann". Die Verhältnisse beim "Spiegel" seien keine guten, was die Partizipation in Führungspositionen angehe. Zu diesem Ergebnis kommt auch "Pro Quote": Hat der "Spiegel" laut eigenen Angaben 22 Prozent weibliche Führungskräfte, rechnete die Initiative das Impressum durch (ließ dabei allerdings die Foto-Chefin außen vor, weil sie in einem textlastigen Blatt wie dem "Spiegel" nicht so wichtig sei, was diskussionswürdig ist) und kam auf elf Prozent. Der De-facto-Einflussquotient liege sogar nur bei zwei bis drei Prozent, weil alle weiblichen Führungskräfte auf der untersten Hierarchiestufe angesiedelt seien. "Die Frage ist: Wer bestimmt, was in der Zeitung steht?", brachte es eine Redakteurin in der Vollversammlung auf den Punkt.

Als Verein will "Pro Quote" künftig belastbare Zahlen über den Frauenanteil in Medien ermitteln, eine Jobbörse für "Spitzenfrauen" einrichten und Nachwuchsjournalistinnen fördern. Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen, bekennende Quoten-Befürworterin für mindestens 30 Prozent Frauen in Aufsichtsräten, wünscht den "Pro Quote"-Journalistinnen "Mut und Durchhaltevermögen. Und dass sich der Verein auf lange Sicht auflösen kann, weil das Ziel voll erreicht ist."

Silvia Stammer gehört zu den Erst-Unterstützerinnen von "Pro Quote" und ist stellvertretende Ressortleiterin des Abendblatt-Online-Ressorts.

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