Abendblatt-Interview

Nadja Tiller: "Hamburg ist ein Segen für mich"

Nach dem Tod ihres Ehemanns Walter Giller spricht Nadja Tiller offen über das Alleinsein, Sexsymbole - und ein mögliches Comeback.

Hamburg. Knapp drei Monate sind vergangen. Drei Monate ohne Walter Giller, den Mann, mit dem sie 55 Jahre verheiratet war. Mit 84 Jahren war der legendäre Schauspieler einem Krebsleiden erlegen. Seine Ehefrau Nadja Tiller versucht nun, mit dem Schmerz umzugehen. Versucht, ihr Leben aktiv zu gestalten und sich nicht in Erinnerungen und Trauer zu verlieren.

Zum ersten Mal seit Walter Gillers Tod spricht sie in einem Interview über den Alltag ohne die Liebe ihres Lebens.

Sie empfängt in der Bibliothek der Seniorenresidenz Augustinum, vor deren bodentiefen Fenstern die Schiffe auf der Elbe vorbeigleiten. Sie hat Kaffee und Mineralwasser kommen lassen. Würdevoll sitzt sie in einem Ledersessel und hält eine grüne Papierserviette in der Hand, mit der sie immer wieder Tränen trocknet. Es fällt ihr noch nicht leicht, von ihrem Walter zu erzählen.

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Die Beine hält sie anmutig gekreuzt, der Rücken ist aufrecht, die braunen Haare trägt sie akkurat frisiert. Am 16. März feiert die gebürtige Wienerin Tiller, deren Karriere 1948 mit der Wahl zur "Miss Austria" begann, ihren 83. Geburtstag.

Hamburger Abendblatt: Wie geht es Ihnen?
Nadja Tiller: Wissen Sie, es ist noch alles sehr frisch. Aber ich bin dankbar, dass Walter so sanft gegangen ist. Die Ärzte im Krankenhaus waren hervorragend und haben ihm mit Morphium die letzten Stunden erleichtert und die Angst vor dem Tod genommen. Er war abwesend, aber saß entspannt im Bett.

Hilft es Ihnen zu wissen, dass er keine Schmerzen mehr erleiden musste?
Tiller: Es war für ihn eine Erlösung. Nach seinen Krebsoperationen musste er ja schon 31 Bestrahlungen über sich ergehen lassen. Bei seinem letzten Atemzug war unser Sohn bei ihm. Ich war auch immer an Walters Bett, unser Sohn ging aber abends um 23 Uhr noch einmal in die Klinik, und er rief mich dann an und sagte: 'Mami, du wirst es nicht glauben, ich habe die Tür aufgemacht und gesagt 'Papi, ich bin da', und dann hat er noch einmal geschnauft und dann die Augen zugemacht. Mit anderen Worten, er hat auf ihn gewartet.

Das ist schön.
Tiller: Ja. Es ist inzwischen erwiesen, dass Menschen, auch wenn sie in diesem Zustand nicht mehr fähig sind, effektiv zu reagieren, noch sehr viel mitbekommen, das weiß man. Ich bin ganz sicher, dass Walter gespürt hat, dass wir alle bei ihm waren. Er war mit sich und der Welt im Reinen. Er wusste, dass er sterben musste, das war ihm schon einige Tage vorher klar, aber er hat es akzeptiert, und dadurch ist er ganz ruhig eingeschlafen.

Nadja Tillers Stimme wird immer wieder brüchig, sie weint, versucht auch nicht, ihre Trauer zu verbergen. Ihre beiden Kinder, Tochter Natascha, die in Athen lebt, und Sohn Jan-Claudius, der in der Schweiz wohnt, sind ihr große Stützen. Erst am vergangenen Wochenende besuchte sie ihre 25 Jahre alte Enkeltochter. Eine von vieren.

Tiller: Das war ganz wunderbar, sie hat mir gezeigt, wie man per Internet mit Skype telefoniert, und wir waren im Kino in "Hugo Cabret", ein herzerwärmender, hinreißender Film. Bisschen zu lang.

Sowieso sind Sie viel abends im Theater oder Kino unterwegs ...
Tiller: Ja, meine Leidenschaft ist das Theater, mein Mann ging nicht so gerne mit, aber abends habe ich ihm dann immer davon erzählt. Das geht jetzt nicht mehr. Das ist wohl etwas, was ich am meisten vermisse.

Fühlen Sie sich denn hier allein?
Tiller: Natürlich vermisse ich Walter und unsere Gespräche. Wissen Sie, in den letzten drei, vier Jahren, seit wir unsere Wohnung in Lugano aufgegeben haben und hierhergezogen sind, sind wir uns noch einmal sehr nah gekommen. Hier sind wir noch einmal richtig zusammengewachsen. Innig war es - und unglaublich schön.

Früher waren Sie beide ja auch öfter getrennt. Ein Geheimnis Ihrer langen Ehe?
Tiller: Vielleicht. Zu meiner Mutter habe ich ganz zu Anfang mal den berühmten Satz über Walter 'Den nehm ich nicht, den werd ich nie wieder los!' gesagt, und schließlich stimmte das ja auch. Wir haben beide viel Tourneetheater gespielt und waren oft nicht beisammen. Wir wollen ganz ehrlich sein, es hat auch immer mal jemand anderen dazwischen gegeben. Wir haben nie uns trennen wollen, aber ich habe immer gedacht, es wäre ja schrecklich, wenn Walter nie eine andere gefallen hätte, und dasselbe habe ich auch für mich in Anspruch genommen. Man hat schon mal nebenbei in 50 Jahren jemand anderen gehabt. Wir haben das gegenseitig aber toleriert und uns deswegen nie gezankt. Trennung war zwischen Walter und mir niemals ein Thema.

Kann man also nicht an lebenslange Treue in der Ehe glauben?
Tiller: Ich glaube, das geht sehr schwer. Ich glaube, wir Menschen sind nicht so gebaut. Wir wollen unsere Gefühle dann auch mal woanders loslassen.

Vielleicht wäre es anders gekommen, wenn Sie ununterbrochen zusammen gewesen wären?
Tiller: Gelegenheit macht Diebe, sage ich mal.

Aber Sie fanden Ihren Mann trotzdem immer toll.
Tiller: Ja. Aber das heißt ja nicht, dass ich nicht auch mal jemand anderen toll fand. (lacht)

Nadja Tillers Blick schweift gedankenvoll durch die kleine Bibliothek, wandert an den Bücherregalen entlang. Aus einer Schachtel ragt das Hörbuch von Schloss Gripsholm heraus. In der Verfilmung der Liebesgeschichte von Kurt Tucholsky spielten Nadja Tiller und Walter Giller 1963 beide eine Rolle. Das würde sie ganz gern einmal ausprobieren, ob Hörbücher etwas für sie seien, sagt Tiller. Ihren internationalen Durchbruch feierte sie im Jahr 1958 in "Das Mädchen Rosemarie" als Darstellerin der Frankfurter Edelhure Rosemarie Nitribitt. Doch die alten Filme von sich oder ihrem Walter schaue sie sich nur selten an. Ihr reichen die Erinnerungen. Lieber geht sie in aktuelle Kinofilme.

Tiller: Sie haben hoffentlich schon "The Artist" (Anm. d. Red.: Der französische Stummfilm gewann gerade den Oscar 2012) gesehen?

Nein ...
Tiller: Schämen Sie sich! Den muss man gesehen haben!

Alles klar, ich werde es nachholen.

Nadja Tiller lächelt, ihre Stimme klingt stärker, wenn sie davon spricht, welche Pläne sie hat, um nicht nur zu trauern. Sie wolle versuchen, sich nicht die Decke auf den Kopf fallen zu lassen. Letztendlich müsse sie ja doch lernen, allein zu sein.

Werden Sie denn eigentlich in Hamburg bleiben, oder zieht es Sie woanders hin, Sie sind ja Wienerin.
Tiller: Nein, ich werde auf jeden Fall bleiben. In Wien habe ich inzwischen niemanden mehr, auch wenn ich stolze Österreicherin geblieben bin. Hier kenne ich mehr Menschen. Und ich war schon immer gern in Hamburg, Walter ist ja hier aufgewachsen, und später habe ich hier verschiedene Filme und Fernsehen gemacht und am Theater gespielt. Als er mit der Idee kam, dass wir im Augustinum wohnen könnten, da hat mir die Idee sofort gefallen, und wir haben uns schon dafür entschlossen, hier einzuziehen, als das Gebäude noch im Bau war.

Dann haben Sie sich also gut eingelebt.
Tiller: Mehr noch. Für mich ist es ein Segen, dass wir vor mehr als drei Jahren hierhergekommen sind. Es leben hier viele Gleichgesinnte, die auch zu zweit gekommen sind, und nun ist ein Partner früher gegangen. Aber hier ist es für mich wie in einem Nest, ich fühle mich sehr behütet, kann hier leben wie im Hotel. Ich bin versorgt, verpflegt, es gibt hier einen Laden, der Frisiersalon ist auch im Haus.

Ist Ihnen Ihr äußeres Erscheinungsbild wichtig?
Tiller: Ich gebe mir Mühe. Ich finde, Frauen sollten versuchen, sich zu halten. Und gerade wenn sie einmal sehr gut aussehend waren, dann ist es eine Verpflichtung.

Sie waren ja ein richtiges Sexsymbol, haben für die noch eher prüde Zeit der 50er- und 60er-Jahre viel Bein und Dekolleté gezeigt ...
Tiller: Ich habe mich nie als Sexsymbol empfunden. Nein. Ich fand mich schon gut aussehend, das gebe ich zu, aber als besonders erotisch, ja sexy, so habe ich mich nicht gesehen. Ich war mit mir zufrieden.

Heutzutage ist es normal, dass viel Haut gezeigt wird im Film und im Theater.
Tiller: Heute haben es junge Schauspielerinnen schwerer, sich wirklich zu etablieren. Das kostet Kraft und Anstrengung. Und dann ist ja auch dieser Wahnsinn heute mit diesem nackt auf der Bühne sein. Manchmal denkt man ja, es gibt überhaupt kein Stück mehr, wo sie sich nicht ausziehen müssen. Ich muss ehrlich sagen, das finde ich manchmal ein bisschen übertrieben, und da bedaure ich die jungen Kolleginnen, wenn sie das machen müssen.

Das haben Sie nie getan:
Tiller: Ich war auf der Bühne sowieso nicht ausgezogen, im Film auch nie ganz. Doch ich hatte auch nicht solche Angebote und glaube, das hätte ich auch nicht gekonnt. Aber doch, als Lulu als Leiche, da bin ich nackt gewesen. (lacht)

Hätten Sie denn jetzt Lust, wieder auf der Bühne zu stehen?
Tiller: Jetzt glaube ich nicht. Dafür geht es mir nicht gut genug. Und ich habe auch keine Rollenangebote. Aber man soll ja nie Nie sagen.