Ungereimtheiten beim Wohnortwechsel

Eltern tricksen bei der Schulwahl - Bußgeld droht

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Geneviève Wood und Daniel Herder

Schulleiter sollen Adressen überprüfen. Bei Missbrauch drohen dem Kind der Verweis von der Schule und den Eltern 200 Euro Bußgeld.

Hamburg. Wenn es um die richtige Schule für ihr Kind geht, fangen manche Eltern an zu tricksen. Jeder scheint jemanden zu kennen, der bei der Anmeldung eine falsche Adresse angibt und zum Schein den Wohnsitz wechselt, damit das Kind an der Wunschschule angenommen wird. Besonders schlimm ist es an den weiterführenden Schulen. Die Schulbehörde kennt das Problem und ist aufmerksam - fliegt ein Betrug auf, kann das Kind der Schule verwiesen werden.

Welche Schule soll es sein? Lange hatten Birte H. und ihr Mann (alle Namen geändert) nach der passenden Grundschule für ihre Tochter Mila gesucht und eine gefunden, die es unbedingt sein sollte. "Überzeugt haben mich das jahrgangsübergreifende Lernen, der individualisierte Unterricht, der reformorientierte Ansatz", sagt die Mutter. Der Platz war ihnen sicher, doch dann habe die Behörde den Anmeldeverbund umstrukturiert - plötzlich war die Wunschschule nicht mehr drin, und die drei nunmehr zur Auswahl stehenden Schulen kamen nicht infrage. "Es ist ein Unding, dass sich Eltern die Schulen für ihre Kinder nicht frei aussuchen dürfen", sagt Birte H. Zwei Wochen habe sie mit ihrer Entscheidung gehadert. So etwas ist doch nicht statthaft, nicht richtig, dachte sie. Doch weil die Zeit drängte, meldete sie sich schließlich um. Sie hatte sich zur Schulanmeldung an einer Adresse in der Nachbarschaft der Wunschschule umgemeldet und den Wohnsitz von Freunden als den eigenen angegeben. Die Scheinadresse lag nun im Anmeldeverbund. "Das ging völlig unproblematisch", sagt Birte H. Für Außenstehende sah alles nach einer Trennung zwischen Eheleuten aus.

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Birte H. sagt, sie kenne etliche Eltern, die genauso handelten. Die die Behörden hintergehen und sich mit dem Ummeldetrick einen Platz an der Wunschschule erschleichen. Schlecht und irgendwie schuldig fühle sie sich trotzdem. "Und da ist natürlich die Angst, morgens schon beim Gang zum Briefkasten, dass ein Schreiben der Behörde drin liegt, dass alles aufgeflogen ist." In wenigen Monaten wolle sie sich wieder zurückmelden - um steuerliche Nachteile für sich und ihren Mann zu vermeiden. "Ich hoffe nur, dass bis dahin niemand Verdacht schöpft." Bis auf eine Freundin weiß niemand von ihrer Mogelei, zu groß ist die Angst vor Denunziation.

Je näher die Wunschschule am Wohnort liegt, desto größer sind die Chancen, dass das Kind dort angenommen wird. Gerade, wenn die Zahl der Anmeldungen die freien Plätze übersteigt. An der Grundschule Rellinger Straße in Eimsbüttel beispielsweise kamen im vergangenen Jahr bei 92 Anmeldungen 27 Schüler nicht unter. Noch schlimmer sah es an der Louise-Schröder-Schule in Altona aus: Dort wurden bei 145 Anmeldungen 49 Kinder nicht angenommen.

Zwar gehe die Schulbehörde bei den Anmeldungen davon aus, dass alles rechtens ist, sagt Behördensprecher Peter Albrecht. Dennoch gäbe es eine interne Dienstanweisung an die Schulleiter, auf mögliche Ungereimtheiten zu achten. "Wenn beispielsweise ein halbes Jahr, nachdem ein Kind an einer Schule angenommen wurde, eine Rückmeldung an den alten Wohnsitz stattfindet, ist eine anlassbezogene Kontrolle möglich", sagt Albrecht. Bei Grundschulen kämen solche Tricksereien weniger häufig vor als bei den weiterführenden Schulen. Die Stadtteilschule Blankenese etwa lässt sich seit Jahren als Nachweis die Meldebescheinigungen oder Personalausweise vorlegen.

Anders als bei den Grundschulen gibt es für weiterführende Schulen keine Anmeldeverbünde. Erhält eine Schule zu viele Anmeldungen, werden die Schüler nach Länge des Schulwegs ausgewählt. Die beliebtesten weiterführenden Schulen sind das Matthias-Claudius-Gymnasium in Wandsbek mit 173 Anmeldungen für das kommende Schuljahr. Am stärksten nachgefragt ist die Stadtteilschule Harburg mit 275 Anmeldungen. Besonders eng sieht es mit freien Plätzen bei den Gymnasien in Eimsbüttel aus. Trotz des neu gegründeten Gymnasiums Hoheluft mit 32 Anmeldungen stiegen die Anmeldezahlen beim benachbarten Kaiser-Friedrich-Gymnasium (mit 163 Anmeldungen 44 mehr als im Vorjahr) und am Emilie-Wüstenfeld-Gymnasium weiter an.

Am ebenfalls beliebten Helene-Lange-Gymnasium wurde 2011 ein Betrug aufgedeckt: Eine Familie aus Lurup hatte ihr Kind dort angemeldet und eine Meldeadresse in Schulnähe genannt. Andere Eltern meldeten diese Familie, die Schulaufsicht überprüfte die genannte Adresse: Diese war eine Geschäftsadresse ohne Wohnung. "Die Schulaufsicht fuhr zur vermuteten echten Adresse und dort hat die Familie auch gewohnt", sagt Behördensprecher Peter Albrecht. Die Konsequenz: "Dieses Kind musste innerhalb weniger Tage umgeschult werden." Nur fünf Wochen nach Schulstart. Eine Statistik über aufgedeckte Fälle von Schein-Ummeldungen gibt es nicht.

Die Strafe für Eltern, die gegen das Meldegesetz verstoßen, fällt mit einem Bußgeld von 50 bis 200 Euro für eine Ordnungswidrigkeit glimpflich aus. Schlimmer ist es für das betroffene Kind. "Das ist eine seelische Belastung, weil das Kind lügen muss. Immer muss es den richtigen Wohnort vor Klassenkameraden und vor den Lehrern geheim halten", so Albrecht.

Die Elternkammer spricht sich ganz klar gegen die Ummeldetaktik aus: "Wir wollen nicht, dass Kinder, die gar nicht zu einem Anmeldeverbund gehören, anderen Kindern die Plätze wegnehmen", sagt Michael Hartwig, Vorsitzender der Elternkammer. Die ehrlichen Eltern seien dann die Dummen.

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