Designer

Professor Brinkmanns Schneider aus Eppendorf

Das Ehepaar Kürten erfand schon den Arztkittel für die TV-Serie "Schwarzwaldklinik", aber auch Textilien für Hotels, Bäckereien und Polizei.

Hamburg. Es war dieser wadenlange Taillenmantel mit Silberknöpfen, die auch den Rückenriegel über der gewaltigen Quetschfalte zierten, der in den 80er-Jahren Millionen Frauen weltweit vor dem Fernseher bannte. Den untersten Knopf stets offen, ließ Professor Brinkmann seinen Mantel bei jedem Schritt ehrfurchtgebietend aufschwellen. Das edle Kleidungsstück, das der Hauptfigur der legendären Fernsehserie "Schwarzwaldklinik" das gewisse Etwas verlieh, kam - das weiß bis heute kaum einer - aus Hamburg.

Sein Erfinder lebt in Eppendorf, heißt Herbert Kürten und hat sein Büro in einer gemütlichen Villa gleich hinter dem Gelände der Eppendorfer Uniklinik. Im Dachgeschoss hängen unzählige Jacken, Blusen, Mäntel, Sakkos, Schürzen und Anzüge, die der Textilingenieur Kürten gemeinsam mit seiner Frau Doris eigens für Hamburger Unternehmen angefertigt hat.

Rickmer Rickmers , Grand Elysée, Dat Backhus und Doc Cheng's im Hotel Vier Jahreszeiten sind nur einige Kunden, deren Mitarbeiter Doris und Herbert Kürten im Sinne des Unternehmens anziehen. Sie kleiden die Motorradstaffel der Polizei ebenso ein wie den Poloclub Sylt, designen die Arbeitskleidung für den Rostklopper im Hafen genauso akribisch wie die Objektkleidung für die Tankstellenkette.

Der Klassiker im Sortiment aber bleiben das Eppendorfer Ärztehemd und der dazugehörige weiße Kittel. "Das Eppendorfer Ärztehemd hat eine Panamabindung, einen sehr breiten Faden, ist luftdicht und hat original nachgegossene Wäscheknöpfe", schwärmt der Textilingenieur. Nicht fehlen dürften die Doppelnaht an den Schultern und die Schlaufe am Rücken. Denn gerade die Kleidung der Mediziner seieine Wissenschaft für sich. Es bedarfeines geübten Auges, um die textilenInsignien der Macht im Klinikum richtig zu deuten. "Chefrang signalisiert seit jeher der sogenannte Eppendorfer - ein wadenlanger Taillenmantel mit Silberknöpfen", erklärt Kürten. "Er hat vier Taschen, ist tailliert und hat drei Falten über dem Po, die mit zwei Silberknöpfen verziert sind." Das Chefmodell trage auch der rangstarke Oberarzt, jedoch ohne Silberknöpfe am Rückenriegel und vorn stets zugeknöpft. Zweitrangige Figuren aus der klinischen Führungsebene erkennt der Insider an den einfachen Knöpfen aus Hartplaste. Fachwissen, das sich auch Herbert Kürten erst mal erarbeiten musste.

Denn ursprünglich wollte der gebürtige Bielefelder einen anderen Berufsweg einschlagen, etwas mit Autos machen. Doch sein Vater brauchte für die familieneigene Seidenweberei einen Nachfolger. "Da war klar, dass ich in die Textilbranche gehen muss."

Die Entscheidung war im doppelten Sinn die beste seines Lebens. Denn an der Hochschule im knapp 200 Kilometer entfernten Krefeld lernte er seine Doris kennen. Sie kam ebenfalls aus Bielefeld. An den Wochenenden nahm er die dunkelhaarige Design-Studentin in seinem grünen Austin Healey Sprite mit in die Heimatstadt. Die Fahrten verliefen schweigsam. "Ich habe meistens einen Apfel gekaut, damit ich nichtreden musste", erinnert sie sich.

Schließlich kam man doch ins Gespräch. Aus den Fahrten wurden Verabredungen. Aus Gesprächen wurden Flirts. Und aus der Fahrgemeinschaft ein Liebespaar. 1968 heirateten sie, 1972 zog das Paar nach Hamburg. Dass sie irgendwann sogar gemeinsam eine Firma gründen würden, war eigentlich nicht geplant. Doris Kürten arbeitete als Stoffdesignerin und Malerin,Herbert als Ingenieur in einer Textilmaschinenfabrik.

Die Idee, Kleidung für Mitarbeiter in Unternehmen zu machen, kam den beiden bei einem Urlaub in den USA. Was dort selbstverständlich war, nämlich die Identifikation mit dem Job über die Kleidung, war in Deutschland damals relativ neu. Wörter wie "Corporate Identity" und "Image" gab es im deutschen Sprachgebrauch nicht. Einer ihrer ersten Kunden war die Supermarktkette Spar. Es ging um einen einfachen Kittel, der bequem und gleichzeitig so schick sein sollte, dass sich die Mitarbeiter über das Kleidungsstück mit dem Unternehmen identifizierten. Das Kleidungsstück kam an. 20 Jahre lang blieb Spar treuer Kunde der Kürtens.

"Es sind oft kleine Details, die das gewisse Etwas ausmachen", sagt Doris Kürten. Die Pornamentborte an derJacke des Restaurantleiters, der schwarze Seidenkragen am Sakko, die doppelte Naht am Ärztehemd.

Letzteres ist übrigens so schick, dass nicht nur Ärzte und Apotheker hiervon bestellen. "Im Freundeskreis", verrät Herbert Kürten, "gibt es einige, die auch privat damit rumlaufen." Und er selbst? Hat sich seine ganz eigene "Imagewear" zugelegt. Sie besteht aus Blech, ist rot-weiß lackiert und hat200 PS. Ein Morgan, Baujahr 1993 - natürlich etwas aufwendiger im Design, aber für ein Zwei-Personen-Unternehmen wie Kürten passt das schon.