Alkoholmissbrauch

Jenny aus Dulsberg: Die Geschichte eines Flaschenkindes

Foto: Hamburger Abendblatt / Andreas L / Andreas Laible

25.700 Jugendliche landeten 2008 mit Alkoholvergiftungen in Krankenhäusern. Es sind vor allem Mädchen, die sich bis ins Koma saufen.

Hamburg. Das Foto hängt über dem Schreibtisch. Es zeigt ein Mädchen im geblümten Sommerkleid. Seine Augen strahlen, der Blick ist unbekümmert. Das Gesicht ist hell, glatt - wie ein unbeschriebenes Blatt. Auf dem Bild ist Jenny sechs Jahre alt. Sie steht kurz vor ihrer Einschulung. Ein neues Kapitel beginnt.

Auf dem Bett sitzt eine junge Frau. Sie trägt einen schwarzen Pullover mit langen Ärmeln. Darunter verbergen sich unzählige Narben. Die Augen sind stark geschminkt. Der Blick ist müde. Jenny ist alkoholabhängig. Sie wurde am 3. Februar in die Jugendsuchtstation der Universitätsklinik Eppendorf (UKE) eingewiesen. Ein Kapitel geht zu Ende. Hoffentlich.

Jenny ist Alkoholikerin und raucht Cannabis. Sie ist suchtkrank und aggressiv. Sie zieht ihre Mitschüler ab und trinkt bis zur Besinnungslosigkeit. Jenny ist ein Mädchen aus Hamburg. Sie ist 15 Jahre alt.

Sie ist ein Beispiel. Eins von 25.700 Kindern und Jugendlichen, die 2008 mit Alkoholvergiftungen in Krankenhäusern landeten. Davon 4500 im Alter von zehn bis 15 Jahren. Kinder, die sich ins Koma saufen.

Jenny ist so ein Kind. Ein Kind, dessen Geschichte einen bitteren Nachgeschmack hinterlässt. Denn die 15-Jährige ist nicht nur abhängig, sie ist auch kriminell. Total breit war sie das letzte Mal am 25. November. "Ich hatte mich mit einem Freund gestritten, da hab ich mir halt 'ne Falsche Wodka mit Cola gemixt und noch eine halbe Flasche pur weggeext", sagt sie. Ihr Körper klappt zusammen. Schreiend und kotzend liegt sie im Dreck. Ihre Mutter hört die verzweifelten Rufe und schmutzigen Pöbeleien. Renate Brinckmann (Name geändert) findet ihr Mädchen vor der Haustür. Sie ruft den Rettungswagen.

Der 25. November 2009 ist der traurige Höhepunkt einer Suchtkarriere, die an einem ganz normalen Tag im Sommer 2004 mit einer Flasche Alkopops beginnt. Jenny ist damals neun Jahre alt und trinkt ab und zu mal eines dieser süßen Alkohol-Mixgetränke. Ihre Mutter weiß davon. "Ich habe mir nichts dabei gedacht. Nur, dass das Zeug wie Bonschewasser schmeckt." Aus einem Glas Bacardi Breeze wird eine Flasche Wodka. Aus manchmal am Wochenende wird fast jeder Tag. Aus einer Ausnahme wird die Regel. Aus Jenny eine Trinkerin. "Irgendwann war mir egal, was ich trinke", sagt Jenny. "Hauptsache, es hat geknallt."

"Es ist selbstverständlich geworden, dass Jugendliche große Mengen Alkohol auf einmal trinken", sagt Prof. Rainer Thomasius, ärztlicher Leiter der Jugend-Suchtstation im UKE. "Das sogenannte Rauschtrinken oder auch 'binge drinking' hat in den letzten Jahren stark zugenommen. Eineinhalb Flaschen Wodka am Abend sind keine Seltenheit." Es seien insgesamt zwar weniger Jugendliche, die Alkohol trinken, aber der Alkoholkonsum derjenigen, die trinken, habe zugenommen. Und: Es werde immer früher getrunken. "Jeder Zweite im Alter von zwölf Jahren hat schon mal Alkohol probiert", so Thomasius.

Dabei fängt auch bei den Brinckmanns alles so an, wie es in Tausenden Hamburger Familien normalerweise anfängt. Renate Brinckmann ist 29 Jahre alt, als ihre Tochter am 14. März 1995 auf die Welt kommt. Sie hat bereits einen fünfjährigen Sohn. Und wünscht sich eine Tochter, ihre "kleine Prinzessin".

Dass die Ehe bereits in die Brüche zu gehen droht, es immer mehr Streit und Tränen am Esstisch gibt, verdrängt die werdende Mutter. "Ich wollte dieses Kind unbedingt", sagt sie. Es kommt, wie es kommen muss. Renate kümmert sich um die Kinder, der Vater sich um seine Hobbys. Macht sie ihm Vorwürfe, macht er dicht. "Gemeinsamkeiten gab es kaum noch."

Als Jenny vier Jahre alt ist, trennen sich die Eltern. Der Vater verlässt die gemeinsame Wohnung. Den Jungen nimmt er mit. Und Jenny wird zum Mittelpunkt im Haushalt der alleinerziehenden Mutter. "Ich habe mich komplett um meine Tochter gedreht und ihr alles durchgehen lassen. Ich wollte doch nur, dass sie glücklich ist."

Jenny ist nicht glücklich. Und sie fühlt sich allein. Wie allein sie ist, wenn ihre Mutter nicht bei ihr ist, erlebt sie in der Schule. "Ständig haben die anderen sie verprügelt", erinnert sich Renate Brinckmann. "Für Jenny war es eine Qual, zur Schule gehen zu müssen."

Eine Qual, der sich das kleine Mädchen entzieht, so oft es kann. "Ich habe schon in der Grundschule den Unterricht geschwänzt", sagt Jenny. Später sowieso. Erst als die Mutter aufgefordert wird, ein Bußgeld zu bezahlen, geht Jenny wieder hin. "Eigentlich hat sie nur den Stuhl gewärmt", sagt ihre Mutter.

Alle Bemühungen der Mutter, an ihre Tochter ranzukommen, scheitern. Jenny ist inzwischen zwölf Jahre alt, hemmungslos und aggressiv. Sie freundet sich mit Eileen an, zwei Jahre älter als Jenny, kriminell - und süchtig. "Das war Jennys Ende", sagt Renate Brinckmann. "Ihr Respekt gegenüber Erwachsenen war weg."

Jenny treibt sich mit ihrer neuen Freundin rum. Wandsbek, Dulsberg, Barmbek sind ihre Reviere auf der Jagd nach Konfrontation, Ärger, Prügelei. "Wir wollten auf die Fresse hauen", sagt Jenny. "War alles scheißegal."

Jenny fühlt sich stark, wenn sie anderen Angst macht. Sie verprügelt jetzt, anstatt selbst einzustecken. "Und irgendwann haben wir angefangen, Party zu machen", sagt sie. Party - das heißt: Saufen. "Wir sind nachmittags in den Supermarkt, haben uns mit Wodka, Cola, Whisky und anderem Stoff eingedeckt und getrunken." Zu Hause, auf der Straße, im Park. "Wo es halt gerade ging", sagt Jenny. Mitten am Tag, mitten in Hamburg. Einer ihrer Lieblingsplätze ist der Spielplatz, auf dem Jenny als kleines Mädchen getobt hat. Eine kleine Idylle inmitten seelenloser Häuserfronten. Wo die Massen wohnen und die Anonymität zu Hause ist. 66 Klingelschilder hat das Haus Nr. 40. Dutzende Fenster gehen zum Spielplatz. "Klar haben uns die Leute gesehen und gehört", sagt Jenny. Aber angesprochen habe sie niemand.

"Dabei sollten gerade die Erwachsenen Vorbild sein", sagt Theo Baumgärtner. Er ist Leiter des Büros für Suchtprävention in Hamburg. Er beschäftigt sich seit Jahren mit der Suchtproblematik Jugendlicher. "Das Verhalten Jugendlicher ist doch nur der Spiegel der Haltungen von Erwachsenen." Exzessiver Alkoholkonsum werde in unserer Gesellschaft vernachlässigt, so Baumgärtner. "Alles muss XXL sein. Das größte Schnitzel, die längste Bockwurst - und wenn trinken, dann richtig." Zu schnell und selbstverständlich werde in unserer Gesellschaft zu Alkohol und Zigaretten gegriffen, kritisiert Suchtspezialist Rainer Thomasius.

"Im Bundesdurchschnitt konsumieren die Kinder, die wir behandeln, mit neun Jahren ihre erste Zigarette, mit zehn ihr erstes Glas Alkohol, mit elf haben sie ihren ersten Rausch und mit zwölf wird das erste Mal gekifft", sagt der Mediziner. Da die jungen Leute ein viel empfindlicheres Suchtgedächtnis hätten als Erwachsene, entwickle sich die Sucht viel schneller. "Wer mit elf beginnt, ist mit 13 abhängig."

So wie Jenny. Mit 13 kommt sie regelmäßig besoffen nach Hause. Ihre Mutter ist ratlos. Sie weiß von Jennys Alkoholproblemen. Sie kennt das polizeiliche Führungszeugnis ihrer Tochter. Doch Gespräche greifen nicht. Jennys Antworten verschlagen ihrer Mutter die Sprache. "Halt die Fresse, du behinderte Fotze" - solche Sätze muss sie sich anhören. "Meine Tochter hat mich bedroht. Sie war hochgradig aggressiv." Als Jenny wieder einmal völlig betrunken und pöbelnd nach Hause kommt, beschließt ihre Mutter, das Jugendamt einzuschalten.

Im Dezember 2008 hat Frau Brinckmann ihren ersten Termin auf dem Amt. Sie schildert den Werdegang ihrer Tochter, spricht von Alkohol und Drogen - und davon, dass sie Angst hat und sich bedroht fühlt. "Man hat mich nach Hause geschickt mit dem Hinweis, dass ich warten muss", sagt Renate Brinckmann. "Es gebe wichtigere Fälle."

Für die Mutter ist die Aussage des Amts eine Katastrophe. Für Jenny ein Freifahrtschein in die Suchtkarriere.

Das Mädchen kennt keine Grenzen mehr. "Wir haben Kinder auf der Straße abgezogen, Lippenstift und Make-up im Kaufhaus geklaut", sagt Jenny. "Wir haben die Schule geschwänzt und alte Leute angepöbelt. Und wir haben Party gemacht." Den Alkohol kaufen die Mädchen im Supermarkt und am Kiosk. Probleme wegen ihres Alters habe es nie gegeben, so Jenny.

Auch da setzt die Kritik der Suchtexperten an. "In Deutschland darf laut Jugendschutzgesetz an Jugendliche unter 16 Jahren gar kein Alkohol verkauft werden", sagt Rainer Thomasius. "Doch die besten Regeln nutzen wenig, wenn sie nicht eingehalten werden." Die Kritik der Mediziner geht aber noch weiter. "Alkohol ist in Deutschland viel zu günstig", sagt Thomasius. "Die Erfahrung hat gezeigt: Wird der Alkohol teurer, greifen weniger Jugendliche zur Flasche." Es dürfe nicht sein, dass ein Sechserpack Bier für 1,69 Euro zu haben ist.

15 Euro Taschengeld bekommt Jenny pro Woche. Genug, um den Pegel hoch zu halten. Während Jenny trinkt, beginnt die Mutter, ihr eigenes Leben aufzuarbeiten. Sie sucht sich einen Therapeuten, lässt sich auf ihre eigene Geschichte ein. Auf die Erinnerungen an ihre alkoholkranke Mutter. "Sie hat mich im Suff verprügelt", erinnert sich Renate Brinckmann. "Ich habe den Alkohol gehasst. Und dann doch selbst mit 15 angefangen zu trinken." Doch die junge Frau fing sich nach kurzer Zeit wieder.

Jenny kriegt die Kurve nicht. Mehrfach wendet sich die Mutter ans Jugendamt, wird immer wieder vertröstet. Erst als Jenny versucht, sich für alle sichtbar zu zerstören, greift das Amt ein. Jenny hatte sich die Arme aufgeritzt. Immer wieder, immer häufiger. "Sie hat die Klingen sogar an die Pulsadern gesetzt", sagt ihre Mutter, "und damit gedroht, sich umzubringen."

Jenny weiß, dass sie allein nicht weiterkommt. Sie ahnt aber auch, wie schmerzhaft ein Neuanfang sein wird. Eine ambulante Therapie lehnt sie ab. Nach ihrem Zusammenbruch im November greift ihre Mutter endlich konsequent durch. Sie erwirkt gemeinsam mit dem Jugendamt einen richterlichen Beschluss. Jenny muss in die Jugendsuchtstation des UKE.

"Im Regelfall kommen die Jugendlichen freiwillig auf unsere Station", sagt ihr betreuender Psychotherapeut Rami Gaber (34). "Jenny musste gezwungen werden." Auf der Jugendsuchtstation lernt Jenny ganz neue Seiten an sich kennen. Wie belastbar sie wirklich ist, wie sie Konflikte ohne Gewalt austragen kann, wie sie sich abgrenzen kann, ohne außen vor zu sein.

"Wir haben beide geweint, als Jenny eingewiesen wurde", sagt die Mutter. "Aber ich wusste, wenn ich jetzt nicht handle, stirbt mir meine Tochter unter den Händen weg."

Jenny sitzt auf dem Bett in ihrem Zimmer der Jugendsuchtstation. Die langen braunen Haare hat sie zum Seitenscheitel gekämmt. Sie lächelt selbstbewusst. Ihre helle Haut scheint fast durchsichtig wie Pergamentpapier. Den körperlichen Entzug hat sie seit fünf Wochen hinter sich. Im psychischen steckt sie mittendrin. Ihre Ärzte sind optimistisch. Einerseits. "Jenny rebelliert nicht mehr. Sie hat eingesehen, dass sie profitieren kann", sagt Dr. Gaber. "Aber sie hat einen langen Weg vor sich." In schwierigen Lebenslagen könne sie ihre Impulse noch immer nicht kontrollieren. Derzeit prüfen die Ärzte, ob Jenny zurück zu ihrer Mutter kann oder lieber in eine auf Jugendsucht spezialisierte Einrichtung nach Brandenburg geschickt werden soll. Jenny will sich bewähren. "Ich möchte wieder zur Schule gehen, eine Ausbildung machen", sagt die 15-Jährige. Sie will nicht weg aus Hamburg. Sie will zurück nach Hause. In ihr kleines pinkfarbenes Zimmer, zu ihrer Hündin und ihrem "Hasi".

Im Februar ist Jenny zweimal aus der Suchtstation abgehauen. Beim ersten Mal wurde sie rückfällig. Beim zweiten Mal blieb sie sogar über Nacht weg. Getrunken hat sie nicht. Sagt sie.