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Klima-Mahner der ersten Stunde

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Hartmut Graßl gilt als eindringlichster Warner vor dem Treibhauseffekt, seit Franz Josef Strauß 1987 den Klimabeirat der Bundesregierung anregte.

Hamburg. Hartmut Graßl ist ein Klima-Mahner der ersten Stunde. Dass der Klimawandel heute fast überall als ernste Bedrohung gesehen wird und sich das Verhalten der Menschen ändert, ist auch sein Verdienst. Der frühere Direktor des Max-Planck-Instituts für Meteorologie in Hamburg wird heute 70 Jahre alt. Er beriet Regierungen, arbeitete in ungezählten Ausschüssen, Beiräten und anderen Gremien und wurde nie müde, für seine Überzeugung zu werben. Als die Zweifler in- und außerhalb der Wissenschaft noch zahlreich waren, untermauerte der Professor seine Aussagen zum Einfluss der Menschen auf das Klima und zur Gefährlichkeit dieser Entwicklung für die Menschheit immer wieder mit neuen Szenarien aus größeren und schnelleren Computern.

Zu seinem Geburtstag, den er in den Schweizer Alpen verbringt, ist Graßl trotz aller Klimasorgen auch optimistisch. "Ich bin froh, dass das Zwei-Grad-Ziel endlich allgemein anerkannt worden ist mit der Kenntnisnahme in Kopenhagen." Allerdings sei nicht auszuschließen, dass auch dann schon positive Rückkopplungen im Klimasystem angestoßen werden, wie ein für lange Zeit unumkehrbares Abschmelzen großer Mengen des grönländischen Eisschilds. "Langfristig muss die Kohlendioxidkonzentration sicherlich unter die jetzt herrschende Konzentration zurück", sagt er.

Optimistisch stimmt ihn auch der Erfolg der erneuerbaren Energien in vielen Ländern. Als härteste Nüsse, die geknackt werden müssen, sieht Graßl den Straßengüterverkehr und den Flugverkehr. "Pessimistisch stimmt mich der zähe Kampf der Wirtschaft gegen eine Internalisierung der externen Effekte der Nutzung fossiler Brennstoffe." Mit diesem etwas sperrigen Satz fordert der Physiker und Meteorologe, die Klimakosten einzurechnen, wenn man zum Beispiel den Preis von Strom aus Windenergie und Kohlekraftwerken vergleicht.

Als einer der ersten Politiker habe 1987 der damalige bayerische Ministerpräsident Franz-Josef Strauß (CSU) die Bedeutung des Themas erkannt, berichtet Graßl. Er forderte die Einrichtung eines Wissenschaftlichen Klimabeirats der Bundesregierung. Dessen erster Vorsitzender wurde Graßl, der damals am GKSS Forschungszentrum in Geesthacht in der Nähe von Hamburg arbeitete und zum eindringlichsten Warner vor dem Treibhauseffekt wurde.

Der Weg des jungen Hartmut Graßl aus Salzberg bei Berchtesgaden bis zum Direktor des Weltklimaforschungsprogramms bei der Weltorganisation für Meteorologie (WMO) in Genf (1994 bis 1999) war nicht offensichtlich vorgezeichnet. "Als mittelmäßiger bis schlechter Schüler wagte ich mich nach München zum Studium der Meteorologie, das ich nach einem sehr guten Vordiplom zugunsten der Physik aufgab", erinnert er sich.

Klimaerwärmung durch das Treibhausgas Kohlendioxid sei aber schon in seinem ersten Fachsemester 1960/61 ein Thema gewesen. In den Jahren zuvor hatte er in einer Berggaststätte die Jahrbücher des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins verschlungen und so erstes geowissenschaftliches Wissen erworben. Ein richtiges Rentnerleben führt der schlanke Mann mit hohem Wiedererkennungswert, den die Medien oft als "Klimapapst" titulierten, allerdings auch mit 70 nicht. "Als Wissenschaftler, der das Neinsagen schlecht beherrscht, habe ich fast so viel zu tun wie vorher." Doktoranden wollen betreut werden, dazu kommen Beratertätigkeiten für die Europäische Union, den Europäischen Forschungsrat, die Bayerische Staatsregierung und mehrere geowissenschaftliche Institute. "Ich halte viele Vorträge und bin Herausgeber einer internationalen wissenschaftlichen Zeitschrift."

Graßl wird auch heute nicht müde, in den Medien für seine Überzeugungen einzutreten. In der Debatte um Fehler beim Weltklimarat forderte er im Februar sogar den Rücktritt von dessen Chef Rajendra Pachauri.

Graßl gibt immer wieder geduldig und höflich Auskunft, erklärt den Zusammenhang von Kohlendioxid und Klima auch zum hundertsten Mal. "Man muss die Talkshows erobern und Journalisten fortbilden", ist der Mann mit dem weißgrauen Haarschopf überzeugt. Allerdings habe die Wissenschaft eines unterschätzt: "die fehlende Durchdringung der Medien bei solch komplexen Fragen".