Interview mit Hans Smits

"Der Hamburger Hafen hat Pech gehabt"

Foto: Freek van Arkel

Der Hafen von Rotterdam hat das Krisenjahr 2009 deutlich besser überstanden als Hamburg. Rotterdams Hafenchef erklärt warum.

Hamburg. Rotterdam ist Europas mit Abstand größter Hafen. Hamburg steht, gemessen am gesamten Güterumschlag, hinter Antwerpen auf Rang drei. Insbesondere beim Containerverkehr versuchte Hamburg in den vergangenen Jahren, Rotterdam den Spitzenplatz streitig zu machen. Mit der Wirtschaftskrise aber wuchs der Abstand zwischen beiden Häfen wieder zugunsten Rotterdams.

Eine Reihe führender Linienreedereien wie MSC, Hanjin oder CMA CGM hatte ihre Verteilerlogistik - die Verbindung von Überseeschiff und regionalem Zubringer - seit Beginn der Wirtschaftskrise 2008 von Hamburg nach Rotterdam, Antwerpen oder Zeebrugge verlagert. Hauptgrund dafür ist, dass die Reedereien vor allem in Rotterdam konzerneigene Terminals anlaufen können. Das ist in Hamburg bislang unüblich. Das Abendblatt sprach mit Hans Smits, Chef der Rotterdamer Hafengesellschaft, über die Wirtschaftskrise und die Konkurrenz mit Hamburg.

Hamburger Abendblatt: Herr Smits, Rotterdam als führender europäischer Hafen hat im Jahr 2009 angesichts der schweren Wirtschaftskrise erheblich weniger an Güterumschlag verloren als der Hamburger Hafen. Was macht Rotterdam besser als Hamburg?

Hans Smits: Man kann das nicht in besser oder schlechter ausdrücken. Es liegt sicher daran, dass die einzelnen Segmente in beiden Häfen unterschiedlich ausgeprägt sind. Die Hälfte unseres Güterumschlags waren sogenannte flüssige Massengüter, vor allem Rohöl und Mineralölprodukte. Der Umschlag von Mineralölprodukten ist 2009 sehr stark gestiegen. Wir profitieren davon, dass wir eine gute Mischung bei den umgeschlagenen Gütern haben.

Abendblatt: Warum ist der Umschlag von Mineralölprodukten in Rotterdam im vergangenen Jahr so stark gestiegen, um fast ein Viertel gegenüber 2008?

Smits: Das lag vor allem an der Entwicklung des Terminhandels. Die Preise für Mineralölprodukte lagen im Terminhandel das gesamte Jahr hindurch über den jeweils aktuellen Marktpreisen. Deshalb lohnte es sich, diese Produkte einzulagern. Profitiert hat Rotterdam auch davon, dass es beim Rohöl starke regionale Preisunterschiede gab. Wir haben in den vergangenen zehn Jahren sehr stark in Terminals und Umschlaganlagen für Rohöl und Mineralölprodukte investiert. Die entsprechenden Kapazitäten sind nun verfügbar.

Abendblatt: Besonders gravierend ist der Unterschied beim Containerumschlag: Der Hamburger Hafen hat - in den ersten neun Monaten 2009 - rund 30 Prozent der Umschlagbewegungen verloren, Rotterdam im Gesamtjahr nur rund zehn Prozent. Hat Rotterdam vor allem vom Aderlass in Hamburg profitiert?

Smits: Das stimmt. Die großen Reedereien haben aufgrund des Kostendrucks in der Krise größere Schiffe eingesetzt und Linien konzentriert. Infolgedessen wurden einige Linien- und Zubringerdienste von Hamburg nach Rotterdam verlagert. Hamburg hat insofern Pech gehabt und in der Wirtschaftskrise stärker verloren als Rotterdam.

Abendblatt: Wird sich dieser Aderlass von Hamburg nach Rotterdam fortsetzen?

Smits: Für uns ist es zunächst eine große Herausforderung, die hinzugewonnenen Mengen auch hier zu halten. Wenn der Welthandel wieder anzieht, könnten wir durchaus auch wieder Umschlagmengen an andere Häfen wie Hamburg verlieren. Die Entwicklung des vergangenen Jahres wird sich so nicht fortsetzen.

Abendblatt: Verliert Hamburg derzeit aus Ihrer Sicht weiter Mengen an Rotterdam?

Smits: Bislang ja, aber es stabilisiert sich allmählich. Wir müssen jetzt dafür sorgen, die entsprechenden Mengen hier zu halten.

Abendblatt: Kürzlich schrieben Sie, dass der Hafen von Rotterdam seine "aktive Geschäftspolitik" fortsetzen werde. Bedeutet das weitere Preissenkungen?

Smits: Wir haben für 2010 eine einmalige Senkung der Hafengebühren von effektiv fünf Prozent beschlossen. Ich glaube nicht, dass zwischen den Nordseehäfen ein Preiskrieg beginnen sollte, das liegt ja auch nicht in unserem Interesse. Wir können uns das nicht erlauben, denn wir müssen unsere Investitionen finanzieren, allein in diesem Jahr sind das in Rotterdam 500 Millionen Euro. Ich glaube an einen gesunden Wettbewerb - den gab und gibt es zwischen den Häfen.

Abendblatt: Ist die Wirtschaftskrise nach Ihrer Einschätzung bereits überstanden?

Smits: Häfen wie Rotterdam hängen immer auch von der Produktion der regionalen Industrien ab. Die Prognosen für unseren Einzugsbereich - dazu zählt neben den Niederlanden auch Westdeutschland - sind positiv. Und der Welthandel wird in diesem Jahr nach gängigen Voraussagen auch wieder wachsen. Ich vermute, dass die Krise für die Nordseehäfen vorüber ist und dass wir in den kommenden Jahren wieder stetiges Wachstum sehen werden. Für Rotterdam rechne ich in diesem Jahr mit rund drei Prozent Wachstum.

Abendblatt: Wird die Hafenerweiterung Maasvlakte 2 fortgesetzt wie geplant?

Smits: Wir werden den ersten Bauabschnitt mit Containerterminals wie geplant bis zum Jahr 2013/2014 fertigstellen. Die Terminals werden dann den Betrieb aufnehmen. Darüber hinaus müssen wir sehen, wie stark der Containerumschlag in Rotterdam in den nächsten Jahren wächst.

Abendblatt: In Rotterdam gibt es, anders als in Hamburg, verschiedene Terminals, die von Schwestergesellschaften der Reedereien betrieben werden. Hat sich das für den Hafen ausgezahlt?

Smits: Auf jeden Fall. Die Mischung unserer Terminals hat sich bewährt. Einerseits gibt es einen Terminal, der von mehreren Unternehmen gemeinsam betrieben und eher von kleineren und mittelgroßen Reedereien angelaufen wird. Außerdem gibt es die sogenannten dedicated terminals, die an einzelne, vor allem große Reedereien angebunden sind. Diese Kombination ist für Rotterdam sehr gut, und wir werden daran festhalten.