Arbeitsmarkt

Ein Ökonom in der Hamburger Jobvermittlung

Foto: Marcelo Hernandez

Nach seiner verlorenen Wette mit dem Abendblatt verbrachte HWWI-Direktor Thomas Straubhaar einen Vormittag in der Agentur für Arbeit.

Hamburg. Mit dem Kaffee kommen Unmengen von Zahlen auf den Tisch. Was nicht weiter verwundern sollte, wenn ein Ökonom wie Thomas Straubhaar, Direktor des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI), auf Rolf Steil, Chef der Hamburger Agentur für Arbeit, trifft. Mit einem Vormittag in der Behörde an der Kurt-Schumacher-Allee löst Straubhaar seinen Wetteinsatz ein. Deutlicher hätte er seine Neujahrswette im Abendblatt, die deutsche Wirtschaft werde 2009 nicht mehr als um 1,2 Prozent schrumpfen, kaum verlieren können: Das Bruttoinlandsprodukt war um fünf Prozent gesunken.

Straubhaar wirkt allerdings nicht so, als wäre der Ausflug in die reale Welt der Arbeitslosen eine Strafe. Er lauscht Steils Ausführungen zu Arbeitsmarktstatistiken, den Hartz-Reformen, Konjunkturdaten, dem Aufbau der Arbeitsagentur. Beim Rundgang durch die langen Flure der Jobvermittlung fühlt er mit den "Kunden" mit, wie die Arbeitssuchenden genannt werden: "Hier schlottern sicher manchem die Knie vor Aufregung."

Im Büro von Jobvermittler Stefan Hensen will Straubhaar genau wissen, wie die Beratung abläuft: Wie viel Zeit für den einzelnen Kunden da ist (eine knappe Stunde), wie persönlich die Fragen sein dürfen (das ist klar eingegrenzt), wie viel Motivation die Arbeitssuchenden mitbringen (viele erscheinen mit Stapeln von Bewerbungsschreiben). Auch wenn der Wissenschaftler nach eigenem Bekunden noch nie arbeitslos war, im Falle des unwahrscheinlichen Falles würde er sich gern von Hensen unterstützen lassen: "Zu Ihnen würde ich wiederkommen - Sie sind ja letztlich ein Berufsberater!", sagt er beim Abschied zu dem jungen Jobvermittler. Dessen nächster Kunde wartet bereits: ein grauhaariger Mann mit Baskenmütze und Wollpulli, der seine Unterlagen in den Händen dreht.

Beim nächsten Stopp im Büro von Sacharbeiter Kay Müller stehen wieder die Zahlen im Vordergrund. Straubhaar klickt sich durch das Programm, das die Bezüge für Arbeitslosengeld-I-Empfänger berechnet, man fachsimpelt über Sozialversicherungen und Zielvereinbarungen. Keiner kommentiert das bunte Star-Trek-Poster an der Pinnwand.

Nach weiterer Debatte in Steils Konferenzraum zu den juristischen Fallstricken beim Kurzarbeitergeld verabschiedet sich Straubhaar. Er muss in sein Institut zurück. Die Theorie ruft.