Luftfahrt Hamburg

Ein Oldie im Tiefflug durch die Hansestadt

Foto: Pressebild.de/ Bertold Fabricius / Bertold Fabricius

Das Düsenverkehrsflugzeug ist vom Flughafen nach Finkenwerder umgezogen. Dort soll der Jet generalüberholt werden.

Hamburg. Der Wind bläst eisig in Halle 104. Eigentlich gehört sie dem A 320, der hier kurz vor der Auslieferung geparkt wird. Doch künftig leistet den topmodernen Flugzeugen ein Oldtimer Gesellschaft: ein Hansa Jet, Typ HFB 320. 1966 gebaut, 1987 ausgemustert. Im hinteren Bereich der Halle hat Airbus ein paar Quadratmeter für die Maschine reserviert. Der kühne Plan: Hier soll der Flugsaurier wieder fit gemacht werden für die Lüfte.

Hektisch wuseln sie umher, Männer mit Walkie-Talkies und neongelben Leuchtwesten, während die zwei Tieflader mit dem fast 17 Meter langen Rumpf und den Tragflächen langsam in die riesige Halle rollen. Zwei Jahre wurde der Hansa Jet auf dem Flughafengelände zwischengelagert. Jetzt zieht er per Schwertransport von Fuhlsbüttel nach Finkenwerder um. Rote Klebebänder auf der Nase des Fliegers formen zwei Worte: "Nach Hause". Jahrelang war der Hansa Jet im oberbayerischen Manching dahoam, bevor er 2007 nach Hamburg kam. Zu Hause ist er aber erst jetzt - auf Finkenwerder, wo die Hamburger Flugzeugbau GmbH den Flieger 1966 baute. Dass er nun an seine Geburtsstätte zurückkehren kann, ist das Verdienst des Vereins "Ein Hansa Jet für Hamburg". Das Credo "Wir holen ein Stück Hamburger Geschichte an den Himmel" ist wörtlich zu verstehen: Die HFB 320, das erste deutsche in Serie gebaute Verkehrsflugzeug mit Strahlantrieb, soll instand gesetzt werden und in spätestens fünf Jahren abheben.

Vereinschef Wolfgang Borgmann (44) steht da und kann sein Glück nicht fassen. Der vier Tonnen schwere Rumpf gleitet vom Tieflader auf den Boden, danach werden die Tragflächen verladen. "Das ist ein grandioser Moment", sagt er. Das klingt etwas staatstragend, trifft aber den Kern: Zwei Jahre haben er und seine Mitstreiter diesem Moment entgegengefiebert. "Nun geht's los", sagt Borgmann. In den nächsten Jahren wollen Mitglieder das letzte flugfähige Exemplar dieses Typs in der Airbus-Halle restaurieren - und zwar in Eigenregie. Fast 40 Helfer - Mechaniker, Flugzeugbauer, Ingenieure - werden sich dieser Sisyphos-Arbeit widmen. Stück für Stück wird die Maschine auseinandergenommen. Jede Schraube, jedes Ventil, jede Öse wird ausgebaut, geprüft und bei Bedarf getauscht. Nur die Turbinen werden in den USA gecheckt. "Rechnet man Material und Arbeit zusammen, kommen wir locker auf eine Summe von einer Million Euro", sagt Borgmann. Dabei ist die Maschine gut in Schuss. Keine Korrosion, kein sichtbarer Verfall. Der Jet hat gerade mal 2000 Flugstunden auf dem Buckel - 15 000 wären locker machbar.

"Achtung, Kopf einziehen", sagt Borgmann. In der engen Kabine müssen sich Menschen über 1,78 Meter unweigerlich ducken. Es mufft ein wenig, durch die abgeklebten Fenster dimmert trübes Licht. Sieben mäßig bequeme Sitze boten den Passagieren einst Platz. Auch Aschenbecher gehörten zum Standard. "Kein Wunder, dass Helmut Schmidt die Maschinen nicht nur wegen ihrer Geschwindigkeit schätzte", sagt Borgmann. Vorn das Cockpit, überall Zifferblätter, Tachos, Drehknöpfe, Schalter. Computer sucht man vergebens. Kurios: Zwischen Kabine und Cockpit entsteht, wenn die Türen geschlossen sind, ein winziger Zwischenraum - die Toilette.

Auch sonst ist der Flieger ein komischer Vogel. Als eine von wenigen Maschinen verfügt der Hansa Jet über nach vorn gepfeilte Tragflächen - das schafft mehr Platz in der Kabine, erhöht aber auch das Gewicht. 21 Jahre lang war er bei der Luftwaffe als Testflieger im Einsatz, bevor sie ihn 1987 ausmusterte. Fortan diente der Himmelsstürmer als Lehrstube. "Rost in Peace", dieses Schicksal war der Maschine beschieden, hätte sie der Verein nicht 2007 für 9200 Euro gekauft - für ein Euro pro Kilogramm des Gesamtgewichts. Airbus freut sich über den Methusalem unter den jungen Wilden. Der Weltkonzern kassiert keinen Cent für den Stellplatz und die Nutzung der Infrastruktur, sagt Airbus-Sprecherin Nina Pretzlick. "Der Jet ist schließlich Teil der örtlichen Luftfahrtgeschichte." Ein echter Hamburger eben.