So war's – Abendblatt Geschichtswerkstatt

Mit Schlittschuhen durch den Alster-Wald

Foto: Walter Meyer-Bruck

Als Abendblatt-Leserin Ursel Hartz im zweiten Kriegswinter morgens Schlittschuh laufen wollte, war über Nacht ein Forst entstanden.

Hamburg. Auf einmal standen Tannenbäume auf der Alster. Echte Tannenbäume. Die Alster war wieder einmal zugefroren, damals im Kriegswinter 1941. Und die elf Jahre alte Ursel Hartz und ihre Zwillingsschwester Inge hatten nach der Schule flugs die Kufen und den Schlüssel, mit dem diese an den Schuhsohlen der Winterstiefel festgeschraubt wurden, aus ihrer Wohnung im Uhlenhorster Weg 37 geholt. Dann die Überraschung: Über Nacht war aus der Alster ein Tannenwald geworden. Am nächsten Tag nahm Ursel Hartz ihre "Agfa Box" mit, dann fotografierten sich die Schwestern beim "Schlittschuhlaufen im Wald", und anschließend schickte sie die Bilder ihrem Vater, der in Belgien als Soldat stationiert war. Dass sie sich im Grunde der Spionage schuldig gemacht hat, erfuhr Ursel Hartz erst viel später.

"Das hätte auch schiefgehen können", sagt sie heute. Wir sitzen in ihrem Haus in Kakenstorf bei Buchholz, und für die Abendblatt-Serie "So war's" hat Ursel Hartz ihre alten Fotos herausgeholt. Sie kann sich noch gut an die Januar-Tage 1941 erinnern. Immer wieder waren die beiden Schwestern und ihre Mutter seit dem Mai 1940, als die ersten Bomben auf Hamburg fielen, in den Keller ihres Hauses geflüchtet. Wenn die Sirenen heulten, und "wenn es anfing zu rummeln". Noch heute gerät die 80 Jahre alte rüstige Dame beim Erzählen ins Stocken, wenn sie sich an die Nächte erinnert. "Am schönsten war es, wenn endlich Entwarnung gegeben wurde und wir wieder nach oben in unsere warmen Betten durften", sagt sie.

Und dass das alles, weil die Menschen ja "anpassungsfähig" sind, irgendwann "ganz normal" wurde. Die lauten Sirenen, das stundenlange Ausharren im Keller. Das Entsetzen. Die Angst. Der nächste Tag, wenn sie und die anderen Kinder aus der Nachbarschaft aus ihren Häusern auf die Straßen traten und erst einmal guckten, "wo noch was stand und wo nicht". Das Sammeln der Flaksplitter auf den Gehwegen oder in den Dachrinnen - zwei kleine, silberne Stücke hat sie bis heute aufbewahrt.

Und eben auch die Bilder von den Tannenbäumen. Erst viel später erfuhr Ursel Hartz den wirklichen Grund für den Zauberwald mit den weißen, schneebedeckten Tannenbäumen mitten in Hamburg. Die kleine Ursel hatte nämlich die groß angelegte Hamburger Tarnkappen-Operation abgelichtet.

Als die britischen Flugzeuge im Oktober 1940 die Gleisauffahrt zur Lombardsbrücke mehr oder weniger zufällig bombardiert hatten und die strategisch wichtige Nord-Süd-Eisenbahnverbindung daraufhin zwölf Stunden lang blockiert war, begannen die hektischen und geheimen Vorbereitungen der Militärs für das "Unternehmen Tarnkappe". Das Rathaus erhielt einen Tarnanstrich, Tanklager verschwanden unter riesigen Netzen, im Großraum Hamburg entstanden 80 Scheinflughäfen sowie Industrie- und Verkehrsscheinanlagen. Die Binnenalster wurde mit einer gewaltigen Holzkonstruktion verdeckt. "Und auf der Außenalster", erinnert sich Ursel Hartz, "wurde eine zusätzliche zweite Lombardsbrücke angelegt." Mit Booten sind sie im Sommer 1941 dort hingerudert, bis zu den großen Schildern, die warnten: Achtung, weiterrudern streng verboten!

Der Grund für das beispiellose Versteckspiel: Aus der Luft sollte sich die Innenstadt Hamburgs für die britischen Bomber nach Norden hin verlagern. Außerdem verschwand die Stadt ein ums andere Mal im Nebel. "Rund um die Alster standen riesige Tonnen", erinnert sich Ursel Hartz, "und wenn es Bombenalarm gab, entströmte dort ein Gas. Der Gestank war unvorstellbar, alles versank im Nebel. Und die Bäume, die in der Nähe standen, waren am nächsten Tag schwarz verkohlt."

Geholfen hat das alles nicht. Denn bereits im Juli 1941 hatten britische Zeitungen in großer Aufmachung und mit Luftaufnahmen der Royal Air Force über Hamburg "before camouflage" und "after camouflage" berichtet - die Alster-Tarnung war buchstäblich aufgeflogen. Und was folgte, war die größte Katastrophe in der Geschichte der Stadt. Bei der "Operation Gomorrha" vom 25. Juli bis zum 3. August 1943 legten die Engländer in einem bis dahin unvorstellbaren Bombenhagel mit der verheerenden Kombination aus Spreng- und Brandbomben Hamburg in Schutt und Asche. Mehr als 40 000 Menschen starben in dem Feuersturm. Erstickt in den Kellern, verbrannt auf den Straßen, erschlagen von den Trümmern, ertrunken auf der Flucht vor den Flammen in den Kanälen. 900 000 Menschen verloren ihre Wohnungen. Insgesamt hatten die Engländer in dem fünfjährigen Krieg bei 213 Luftangriffen mit rund 17 000 Bombern 100 000 Sprengbomben und 1,6 Millionen Brandbomben abgeworfen.

"Eine Brandbombe wurde noch vor drei Jahren im Dachboden des Hauses am Uhlenhorster Weg gefunden", erzählt Ursel Hartz, die mit ihrer Schwester und ihrer Mutter dem Inferno entkam, weil der Vater die Familie im Sommer 1942 nach Rastow in Mecklenburg-Vorpommern umquartierte. "Er hat geahnt, was kommen wird."

1949 ist die Familie Hartz nach Hamburg zurückgekehrt. Hans Hartz machte sich einen Namen als Fotograf. Ursel Hartz: "Ich weiß noch, wie oft ich mit meinem Vater, der 1971 gestorben ist, auf irgendwelchen Dächern Hamburgs gestanden habe." Sie blickten auf die Stadt herunter und waren "auf der Suche nach dem Schönen". Denn auch die Tochter wurde Fotografin, schlug diesen beruflichen Weg ein. Einen Weg, der sehr früh mit den Fotos von den Tannenbäumen auf der Alster begonnen hatte.