Hermann Schreiber: Essay über Kurt A. Körber

Warum das "Genie von Bergedorf" nie ein Hanseat war

Berlin im Revolutionsjahr 1918: Ein Neunjähriger, der mit seiner Mutter eine Versammlung des extrem linken Spartakusbundes besucht, steigt auf einen Stuhl und trägt das folgende Gedicht vor: "Und käme Jesus Christus noch einmal, die Welt von Sünde zu befrei'n, fürwahr er wär' ein Sozialist und kämpfte mit uns in unsern Reih'n."

Das Publikum ist begeistert und "eine Tante mit weißer Bluse mit großer schwarzer Schleife, die hier wohl Regie führte", schenkte dem Kind eine Tafel Nussschokolade. Der Junge heißt Kurt A. Körber, die Schokoladentafel bekommt er von Rosa Luxemburg geschenkt.

Nachzulesen ist diese Episode in dem eben erschienenen biografischen Essay "Kapitalist mit Gemeinsinn", den der Journalist, Autor und Abendblatt-Kolumnist Hermann Schreiber dem Hamburger Unternehmer und Mäzen Kurt A. Körber (1909-1992) gewidmet hat. Kenntnisreich, einfühlsam, mit stets spürbarer Sympathie, zugleich aber ohne übertriebenen Respekt, zeichnet Schreiber das außergewöhnliche und außergewöhnlich erfolgreiche Leben eines Kapitalisten nach, der in einem sozialistisch geprägten Milieu aufwuchs. Körbers Mutter war tatsächlich eine Freundin der KPD-Gründerin Rosa Luxemburg, auch wenn sie in Wahrheit wohl kaum - wie Körber behauptet hat - zu den Gründungsmitgliedern der USPD gehört haben dürfte. Der Vater war Automobiltechniker, von ihm dürfte er das Verständnis und das Gespür für technische Innovationen geerbt haben. Schreiber schildert, wie der mittelmäßige Schüler eine "automatisch gesteuerte Sendeablese-Skala für Rundfunkgeräte" erfand, als Patent anmeldete und so erfolgreich produzieren ließ, dass er von seinem Profit den Eltern "eine Klubsesselgarnitur aus feinstem Saffianleder" zu Weihnachten schenken konnte.

Körper war ein Tüftler mit Sinn für das Machbare, kein Visionär, sondern ein praktischer Weltverbesserer. Er studierte im sächsischen Mittweida Elektrotechnik und wechselte dann ohne Abschluss in die Wirtschaft, wo er schnell Karriere machte. "Als Kurt Körbers Karriere begann, herrschten in Deutschland die Nazis und begannen, das Land aufzurüsten für einen Krieg, der sie zu Herren der Welt machen sollte", schreibt Hermann Schreiber, der detailliert schildert, wie innovativ und effektiv Körber in der Dresdner Firma Universelle am Rüstungsprogramm mitwirkte. Körber war zwar seit 1940 NSDAP-Mitglied, aber ein überzeugter Nazi war er nicht.

"Dazu fehlten ihm nahezu alle Voraussetzungen. Politische Ideologien interessierten ihn nicht; er war zeitlebens im Grunde unpolitisch. Seine Erziehung, insbesondere seine enge Bindung an die damals stramm sozialistische Mutter, schirmten ihn ab gegen die Lockungen der Nazis mit Vaterlandsliebe, Mannestugenden und Kameraderie", schreibt Schreiber, der dann ausführlich den unternehmerischen Aufstieg schildert, der 1946 in Hamburg begann. Hier machte Körber die Hauni-Werke & Co. KG zu einer Weltfirma mit Milliardenumsatz.

Kurt A. Körber war in Hamburg zum großen Unternehmer geworden, ein Hanseat wurde er nicht.

Schreiber nennt die Gründe, warum er nicht Teil der Hamburger Gesellschaft werden konnte - und zeitweise wohl auch gar nicht wollte: "Er war nicht der Kapitalist, der stiftet und schweigt. Er hatte die Maxime 'Tue Gutes und rede darüber' zu einem PR-Programm ausgebaut, in dessen Veranstaltungen er selbst Regie führte und auch der wichtigste Kommunikator war."

Körber wollte Profit machen, doch das war für ihn kein Selbstzweck. Das "Genie von Bergedorf", wie ihn Richard von Weizsäcker nannte, nahm die im Grundgesetz verankerte Sozialbindung des Kapitals ganz persönlich. Als einer der größten Mäzene und Stifter der Hansestadt hat er diesen Anspruch generös eingelöst.

Hermann Schreiber, "Kapitalist mit Gemeinsinn - Ein Essay über Kurt A. Körber" (Edition Körber-Stiftung, 224 Seiten, 20 Euro).