Kiez: Die Schmuckstraße galt als geheimnisvoll und rätselhaft wie das Mutterland im fernen Osten

Mitten in Hamburg - eine Zeitreise nach Chinatown

In der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts gab es im Herzen von St. Pauli ein Chinesenviertel. Ein Mikrokosmos mit Lokalen, Wäschereien, Gemüseläden - und Opiumhöhlen. Eine Spurensuche.

Hamburg. Schmuckstraße, eine unscheinbare Seitenstraße in St. Pauli. An den Fassaden bröckelt der Putz, eine Dame des horizontalen Gewerbes huscht von einem Hauseingang zum nächsten, Tristesse am Morgen. Der Rentner Rolf Fok schaut nach links, nach rechts, hinauf zu den Häusern, hinab in die Kellereingänge - und seine Zeitreise auf der Schmuckstraße beginnt. Es ist eine Reise weit zurück, nach "Chinatown", ins Chinesenviertel von Hamburg, das dort im Herzen von St. Pauli seit Ende der 20er-Jahre existierte.

Schmuckstraße, Talstraße, Große Freiheit, Willkommen in Chinatown. Ein Mikrokosmos, eine sagenumwobene Welt für sich. Hier feilschten und lebten Chinesen, zusammen mit Hamburgern, betrieben Restaurants, Kneipen, Wäschereien, Gemüseläden. Schmuckstraße Nr. 18, "dort hatte mein Vater sein Restaurant", sagt der heute 78-jährige Fok. Längst ist dort eine Wiese, daneben ein Sportplatz. Sein Vater, das war Kam Sing Fok, ein Chinese, der aus Kanton gekommen war. Wie so viele Chinesen in dieser Zeit. Wong Fu hieß das Lokal, in dem Kam Sing Fok ab Anfang der 30er-Jahre "original chinesische Küche" anbot. Sein Sohn hält nun die vergilbte Speisekarte in den Händen: "Tsau juk san", steht da, Ragout, Bambus, Pilze für 1,50 Reichsmark. Oder: Wie wäre es mit "Bak shuy", Schweinefleisch mit Chinakohl für 1,20 Reichsmark. "Als Kind war ich oft in der Straße, ich habe dort viel gespielt. Meist war ich nach der Schule auch bei Vater im Restaurant." Fok lässt seinen Blick schweifen, zu einer Treppe, die in einen Keller führt. "Dort waren Opiumhöhlen und Lokale", sagt der Rentner. Die Bilder von damals werden wieder lebendig. "Das Leben auf der Straße pulsierte. Da standen Chinesen, unterhielten sich, aus den Kellern tönte chinesische Volksmusik, es roch nach Gewürzen."

Es waren vor allem Seeleute, die bereits 1900 und dann wieder vermehrt in den frühen 20er-Jahren aus der südchinesischen Provinz Guangdong in der Nähe von Kanton nach Hamburg strömten. An Bord europäischer Dampfschiffe, die auch in Hamburg ihre Waren löschten. Auf Landgängen kamen die Matrosen auch ins Amüsierviertel - und viele von ihnen ließen sich dort nieder. Die Rahmenbedingungen waren günstig: Die deutsche und die chinesische Regierung hatten 1921 einen Vertrag geschlossen, der die gegenseitige wirtschaftliche Betätigung garantierte und förderte. Viele Chinesen sahen in St. Pauli eine willkommene Berufs-Alternative, sich nach dem harten Seemannsjob als Kaufleute niederzulassen, ein vergleichsweise geruhsamer Job.

"Die Schmuckstraße ist das Chinaviertel von St. Pauli, geheimnisvoll und rätselhaft wie das große Mutterland im fernen Osten", notierte der Heimatdichter Ludwig Jürgens damals. Und weiter: "Jedes Kellerloch hat über oder neben dem Eingang seine seltsamen Schriftzeichen." In einer literarisch überarbeiteten Tagebuchaufzeichnung eines Kriminalkommissars aus den 20er-Jahren heißt es: "Die Schmuckstraße. Hier wohnen Chinesen. Es ist eine Straße für sich. Das Geheimnis des fernen Ostens drückt diesen einfachen, geschwärzten glatten Häusern seinen Stempel auf. Chinatown!" Eine Volkszählung registrierte für 1925 in Hamburg: 111 chinesische Staatsangehörige, davon 97 Männer, 14 Frauen.

"Nach unsicheren Schätzungen lebten in der Zeit zwischen beiden Weltkriegen in Hamburg temporär vielleicht 2000 oder 3000 Chinesen", sagt Lars Amenda. Mehrere Jahre lang forschte der Historiker zum Thema Chinesen in Hamburg, promovierte unterer anderem über das Chinesenviertel. "Es war gar nicht so leicht, das Material zusammenzutragen, Zeitzeugen ausfindig zu machen", sagt Amenda. Zutage kamen Lebensgeschichten von Chinesen und Hamburgern. Da ist der Seemannsagent Chen Jilin - der Chinese kommt damals nach Hamburg und vermittelt im Chinaviertel zwischen Seeleuten und Behörden, wenn es dort Konflikte gibt. Da ist der Südchinese Chin Jing. Er bietet in seinem Geschäft "feine Damenwäsche, Blusen und Kleider" an, wie es im Briefkopf damals heißt, "Spezialität Herrenwäsche wie neu". Auch das kulturelle Leben gedeiht in Chinatown: "Neu China" heißt das Tanz-Kabarett, Große Freiheit 11 (damals noch Altona, das erst seit 1937 zu Hamburg gehört), wo sich Chinesen und Deutsche treffen. Oder man geht ins "Ballhaus Cafe Cheong Shing", ein paar Häuser weiter; Große Freiheit 24-26. Hamburg-Liebhaber Kurt Tucholsky schwärmt damals: "Im chinesischen Restaurant sangen sie beim Tanzen, die ganze Belegschaft, einstimmig und brausend." Oder man geht in die Talstraße 45, zur Tanzschule Bärthel. Auch Restaurant-Besitzer Kam Sing Fok liebt es, dort zu tanzen - mit seiner Verlobten Hertha, die er einst im Alsterhaus kennengelernt hatte. Sogar einen "Chinesischen Verein in Hamburg" gründen fünf Chinesen im Ballhaus Cheong Shing am 10. Oktober 1929. Chinatown, das war auch ein Ort der Gerüchte: Viele Chinesen lebten in Kellerlöchern, "ein regelrechtes Unterwelt-Labyrinth", in dem sich "nur Eingeweihte hätten orientieren können", wie der Sinologe Bernd Eberstein registriert. Verbotenes Glückspiel und Opiumhöhlen schreckten die Behörden zunehmend auf, auch zwei Morde in der Schmuckstraße. Bei einer Razzia Ende Oktober 1922 entdeckt die Polizei in der Schmuckstraße 7 neben Opium auch Waffen im Keller.

Chinatown, das Viertel auf dem Kiez avanciert damals zur alternativen Sehenswürdigkeit für Hamburg-Besucher, wie es einzelne Stadtführer beschreiben. Zeitzeuge Max Tau, der während der NS-Herrschaft als Jude aus Hamburg vertrieben wurde, schreibt über Chinatown in seinen Erinnerungen als Student in den 20er-Jahren: "Das Fremde in der Nähe zog uns an. Viele Abende verbrachten wir im Chinesischen Cafe. Wir tanzten auch, ohne es zu können." Doch: Mit der Zeit gingen Polizei und Behörden restriktiver gegen Chinesen vor, auch das Hafengesetz wurde verschärft, erschwerte die Einreise und den Aufenthalt von Chinesen. Während der NS-Unrechtsherrschaft ging man auch gegen Chinesen vor. Am 13. Mai 1944 wurden die 129 verbliebenen Chinesen verhaftet und - nach und nach - ins Arbeitslager "Langer Morgen" nach Wilhelmsburg gebracht. Der Untergang der Chinatown von St. Pauli.

"Mein Vater wurde von der Gestapo abgeholt", erinnert sich Rolf Fok - glücklicherweise kam der Vater später wieder frei. Später eröffnete Kam Sing Fok ein neues China-Restaurant in der Talstraße. Chinatown - "die Erinnerungen bleiben lebendig", sagt Fok, während er in der Schmuckstraße steht. Der Mann, der einst leitende Banker als Chauffeur kutschierte, genießt längst sein Rentnerdasein, mit seiner Frau Ingrid. Er hat zwei Kinder, fünf Enkel. Die Schmuckstraße heute: Nur eine Gedenktafel erinnert an die "Chinesenstraße" von einst. Sein Bezug zu China? Rolf Fok, der Zeitzeuge von Chinatown, wohl einer der letzten, schmunzelt. "Manchmal gehe ich noch chinesisch essen", sagt er.