Interview

"Jungen brauchen in bestimmten Lebensphasen den Vater als Identifikationsfigur"

Jahrelang waren die Mädchen dran. Jetzt setzen sich CDU und GAL in Hamburg für eine bessere Förderung von Jungen in Schulen und Jugendhilfe ein.

Doch warum leiden männliche Jugendliche heute oft unter mangelnder Anerkennung? Das Abendblatt sprach mit dem Kinder- und Jugendpsychiater Prof. Michael Schulte-Markwort, Direktor der Kinder- und Jugendpsychosomatik am Uniklinikum Eppendorf.

Warum geraten Jungen gegenüber Mädchen ins Hintertreffen?

Die Folgen der Emanzipation zeigen sich darin, dass Mädchen mit mehr Selbstbewusstsein an der Leistungsgesellschaft teilhaben. Da Mädchen anpassungsbereiter sind, sind sie disziplinierter und bringen bessere Leistungen. Jungen sind nicht so flexibel und diszipliniert. Sie denken auch manchmal, es sei besonders männlich, sich zu verweigern, und merken dabei gar nicht, dass sie sich damit selbst schaden.

Was löst geschlechtstypisches Verhalten aus - Gene oder Erziehung?

Der Einfluss der Gene und der geschlechtsspezifischen Hormone ist nicht zu unterschätzen. Darüber wird auch geschlechtstypisches Verhalten geprägt und durch Erziehung verstärkt.

Wie wichtig sind für Jungen männliche Vorbilder?

Jungen brauchen in bestimmten Phasen den Vater als Identifikationsfigur. Besonders Väter sind in der Pflicht, ihren Söhnen beizubringen, wie man Konflikte ohne Gewalt löst, erfolgreich wird, ohne andere zu unterdrücken und Spaß an Leistung haben kann. Besonders wichtig sind solche Vorbilder ab der Vorpubertät, also ab einem Alter von acht bis zehn Jahren.

Warum hat das männliche Rollenbild an Attraktivität verloren?

Immer mehr Menschen verstehen, mit welcher Destruktivität "Macho-Gehabe" einhergeht. Wir brauchen keine neuen Generale, sondern einfühlsame Väter und Chefs.

Werden umgekehrt Mädchen immer männlicher?

Nein. Die Stärke der Mädchen liegt darin, Emanzipation nicht durch Vermännlichung, sondern durch eigene weibliche Rollen umzusetzen.

Welche Folgen hat es, wenn an Schulen immer weniger Männer unterrichten?

Es fehlen damit Vorbilder für Jungen und Mädchen, die ihnen schon an den Grundschulen vorleben, dass Lernen auch männlich ist.

Wie sollten Pädagogen auf Geschlechtsunterschiede eingehen?

Bei geschlechtsspezifischen Themen macht es Sinn, die Klasse in Jungen und Mädchengruppen aufzuteilen, zum Beispiel im Sexualkundeunterricht oder im Sport.

Was kann langfristig die Folge sein, wenn auf die Situation der Jungen nicht reagiert wird?

Ich glaube nicht, dass es jetzt einen Knick in der Entwicklung gibt. Die Jungen werden schon wieder aufschließen, mit Ausnahme derjenigen, die sozial, ökonomisch oder in ihrer Intelligenz benachteiligt oder aggressiv sind. Um die müssen wir uns besonders kümmern.

Was heißt das?

Sie brauchen Förderprogramme in kleinen Gruppen, sowohl in der Schule als auch im sozialen Kompetenztraining. (cw)