Internet-Auktion: 130 000 Euro Schaden

Hamburgs größter Ebay-Betrug aufgedeckt

Der Verdacht: Eimsbüttler Wirtin prellte Firmen um Luxusartikel, um sie als Schnäppchen zu versteigern.

Alisa A. (43) ist sich kaum einer Schuld bewusst: "Wenn ich so viel Geld gemacht hätte, dann hätte ich das ganze Haus gekauft und nicht nur eine kleine Kneipe", sagt die Mutter eines Kleinkindes. Worte, die den von ihr geprellten Kunden des Internet-Auktionshauses Ebay wie Hohn vorkommen müssen. Alisa A. ist dringend verdächtig, mehr als 100 000 Euro durch betrügerische Geschäfte auf der Auktions-Plattform ergaunert zu haben. Polizei und Staatsanwaltschaft ermitteln, haben umfangreiche Beweise sichergestellt. Die Laune der mutmaßlichen Betrügerin scheint das kaum zu trüben.

Dabei haben Alisa A. und ihr mutmaßlicher Komplize Abgar M. (28), glaubt man den Ermittlern, einen der größten Ebay-Betrugsfälle zu verantworten, die jemals in Hamburg aufgeflogen sind. Und: Sie sollen höchst planmäßig vorgegangen sein.

Nach den bisherigen Ermittlungsergebnissen verkauften Alisa A. und ihr Komplize zunächst lauter Dinge des täglichen Bedarfs - die sie auch korrekt und schnell lieferten. So erwarben sie sich das für größere Transaktionen bei Ebay nötige positive Bewertungsprofil. Für Zahlungen gaben sie verschiedene Konten an, die sie zuvor mit ausländischen Dokumenten bei diversen Bankhäusern eröffnet hatten. Als Adressen dienten den mutmaßlichen Betrügern "tote Briefkästen" - ungenutzte Postkästen an Hochhäusern, unter anderem an der Stresemannstraße.

In einem zweiten Schritt sollen die fleißigen Händler - sie benutzten diverse Online-Händlernamen wie arkitgmbh, vytau48 oder marius8080 - teure technische Geräte angeboten haben. Sie verkauften Notebooks, iPhones oder teure Nikon-Spiegelreflexkameras. Die Ware wurde auch tatsächlich zu Schnäppchenpreisen an Kunden geliefert.

Nur: Sie gehörte den Verkäufern gar nicht. Laut Ermittlern hatten die Hauptverdächtige Alisa A. und ihr Komplize die Geräte in rauen Mengen bei Versandhäusern bestellt, ohne zu bezahlen. In der Kreide stehen die Verdächtigen demnach bei diversen Technik-Kaufhäusern. Zudem bei den Versand-Services von Heine, Ikea, Baby-Walz, Max Bahr und weiteren. Doch auch damit hatten die Netztäter laut Ermittlern noch nicht genug. Stufe drei des Betrugsplans zündeten die mutmaßlichen Ebay-Abzocker, nachdem erste positive Bewertungen für den Verkauf hochwertiger Artikel eingegangen waren. Nun priesen Alisa A. und Abgar M. im Internet immer mehr Nikon-Kameras an, dazu Rolex-Uhren und ähnlich hochpreisige Luxusgüter, ohne noch Ware zu liefern.

Das eingehende Geld hoben die Eimsbüttlerin und ihr Wandsbeker Freund umgehend ab. Laut Polizei sollen sie in weniger als einem Monat bei 235 Abhebungen 108 240 Euro aus den Automaten gezogen haben. Selbst an die Überwachungskameras an den Automaten hatten "vytau48" und "marius8080" gedacht: Sie gingen verkleidet zum Geldholen.

Den Schaden schätzen Ermittler auf rund 130 000 Euro. Rund 60 000 Euro zahlte Ebays Treuhand-Partner paypal an geprellte Kunden zurück. Im Internet kursieren derweil Rundbriefe zahlreicher Nutzer, die sich über die ehemaligen Ebay-Händler beschweren oder Kontakt zu anderen arkitgmbh-Geschädigten suchen. Die Profile der Anbieter sind lange nicht mehr aktiv. Glaubt man Alisa A., die im Hauptberuf eine Kneipe in Eimsbüttel betreibt, könne der Schaden so hoch gar nicht sein: "Warten wir mal ab", sagt sie.

Von der Verhängung einer Untersuchungshaft hat der zuständige Richter sowohl bei Abgar M. als auch bei Alisa A. abgesehen. Die Frau wertet das offenbar als gutes Zeichen. Möglicherweise hält sie es aber auch wie die drei Affen, die das Fenster ihrer Kneipe zieren: Nichts sehen, nichts sagen, nichts hören.