EHEC-Erreger:

Bundesumweltamt gibt Entwarnung für die Trinkwasserversorgung

EHEC-Bakterien werden wie andere Keime über zahlreiche Barrieren im Trinkwasser-Versorgungssystemen eliminiert, sagte der Sprecher des Bundesumweltamts.

Hamburg/Berlin/Münster. Eine Quelle der tödlichen EHEC-Infektionen in Deutschland ist zumindest inzwischen gefunden: An drei Salatgurken aus Spanien entdeckte das Hamburger Hygiene-Institut eindeutig den gefährlichen Durchfall-Erreger EHEC. „Es ist nicht auszuschließen, dass auch andere Lebensmittel als Infektionsquelle infrage kommen“, sagte Hamburgs Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks (SPD). Weitere Quellen sind möglich, Analysen laufen. Inzwischen ist ein weiterer EHEC-Todesfall in Deutschland bestätigt.

„Wir ziehen alles aus dem Verkehr, was wir diesen Quellen zuordnen können“, sagte die Senatorin. Die Proben stammten vom Hamburger Großmarkt. Auch eine Bio-Gurke sei betroffen, eine weitere Gurke mit EHEC-Keimen könne derzeit nicht sicher zugeordnet werden. Die Gesundheitsbehörde gehe allen denkbaren Vertriebswegen nach. Prüfer-Storcks riet vom Verzehr von Salatgurken ab.

Auch das Bundesinstitut für Risikobewertung gibt keine Entwarnung für andere Gurken, Tomaten und Blattsalate. Wer hundert Prozent sicher gehen wolle, sollte in ganz Deutschland auf den Verzehr verzichten, sagte ein Sprecher in Berlin. Solange auch die Krankenzahlen stiegen, gebe es keine veränderte Lage.

Das saarländische Gesundheitsministerium stoppte den Verkauf spanischer Salatgurken. Das erklärte Staatssekretär Sebastian Pini. Am Freitag sollen Kontrolleure prüfen, ob Läden noch Gurken aus Spanien verkaufen. Der Handel würde dann gestoppt.

Spaniens Behörden reagierten zurückhaltend. Noch sei das Land nicht offiziell informiert worden, sagte der Direktor der staatlichen Agentur für Lebensmittelsicherheit, Roberto Sabrido, in Madrid. „Wir wissen nicht, was los ist, denn auch von der Europäischen Union, die dafür zuständig wäre, sind wir bislang nicht benachrichtigt worden.“ Der spanische Agrarverband COAG hält es für unwahrscheinlich, dass die belasteten Gurken aus Spanien stammen. „Der Export nach Deutschland ist derzeit gleich null“, sagte ein Sprecher.

Unterdessen breitet sich der Darmkeim in Europa aus. Fälle sind aus Großbritannien, den Niederlanden, Schweden und Dänemark bekannt. Die Erkrankten seien jüngst in Deutschland gewesen, sagte der Sprecher von EU-Gesundheitskommissar John Dalli. Schweden riet seinen Bürgern bei Reisen nach Deutschland bereits zur Vorsicht.

Drei Deutsche starben bislang nachweislich an den Folgen der Infektion: eine 83-Jährige in Niedersachsen, eine 89-Jährige in Schleswig-Holstein sowie eine 24-Jährige in Bremen. Offenbar gibt es bundesweit schon mehr als 700 Verdachts- und bestätigte EHEC-Fälle – die meisten davon in Norddeutschland.

Die Gemüsebauern im Norden zeigten sich nach dem Fund an spanischen Salatgurken erleichtert, fürchten aber weiterhin Einbußen. „Das schafft hoffentlich etwas Entspannung. Es ist ein gutes Zeichen für unsere Branche“, sagte der Geschäftsführer der Fachgruppe Gemüsebau Norddeutschland, Axel Boese, zur Analyse des Hygiene-Instituts.

Das Robert Koch-Institut (RKI) hatte am Mittwochabend – also vor dem Ergebnis der Hamburger Analyse – vor dem Verzehr von Salatgurken, Blattsalaten und rohen Tomaten insbesondere in Norddeutschland gewarnt. EHEC-Erkrankte hätten dieses Gemüse häufiger verzehrt als gesunde Vergleichspersonen. Für eine mutwillige Verbreitung des Erregers gibt es laut RKI-Direktor Reinhard Burger keine Hinweise.

Zahlreiche Restaurants, Kantinen, Krankenhäuser und Kindergärten haben fragliches Gemüse inzwischen vom Speiseplan gestrichen. Auch Köche in der Kantine des Autokonzerns BMW üben Verzicht. Ebenso strichen die Kantinen von RWE und Bayer rohes Gemüse. Martin Müller, Vorsitzender des Bundesverbands der Lebensmittelkontrolleure, sagte: „Schauen Sie in die deutschen Märkte – Sie werden keine Schlangengurken mehr sehen. Das Problem erledigt sich von selbst. So wie der Teufel das Weihwasser, so wird der Verbraucher die Gurken jetzt meiden.“

Deutschlands größter Handelskonzern Metro strich spanische Salatgurken aus dem Gemüseangebot. Die Tochterunternehmen Real und Metro-Großhandel hätten spanische Bio-Salatgurken aus dem Sortiment genommen, teilte ein Sprecher des Düsseldorfer Konzerns mit. Auf dem Hamburger Großmarkt sei der Umsatz mit Salat, Tomaten und Gurken stark zurückgegangen, sagte Geschäftsführer Torsten Berens.

Derweil haben Wissenschaftler der Universität Münster den grassierenden Darmkeim EHEC genau identifiziert. Es handele sich um eine seltene und veränderte Variante des Erregers, die gegen viele Medikamente resistent sei, berichtete der Mikrobiologe Prof. Helge Karch. Er leitet das Konsiliarlabor für das hämolytisch-urämische Syndrom (HUS). Dieses ist die schlimmste Form einer EHEC-Infektion, die unter anderem zu Nierenversagen führen kann.

Der derzeitige Ausbruch ist nach Einschätzung des Experten sehr ungewöhnlich. Der Keim sei zwar bekannt gewesen, habe weltweit aber noch nie einen Ausbruch der Durchfallkrankheit verursacht, sagte Karch. In wenigen Tagen solle ein Test für diese Bakterien-Variante zur Verfügung stehen.

Auch Prof. Georg Peters, der die Patienten am Universitätsklinikum Münster behandelt, verwies auf Besonderheiten: Ungewöhnlich sei, dass viele Erwachsene erkranken und drei Viertel von ihnen Frauen seien, vor allem jüngere. Bei Frauen gebe es auch häufiger Krampfanfälle als bei Männern. Zudem sei bei ihnen die Zeit zwischen dem anfänglichen Durchfall und dem bedrohlichen HUS-Syndrom kürzer als bei Männern.

Das Bundesumweltamt gibt angesichts der EHEC-Bakterien Entwarnung für die Trinkwasserversorgung. Diese Bakterien könnten wie andere Keime auch über zahlreiche Barrieren im Trinkwasser-Versorgungssystemen eliminiert werden, sagte Sprecher Stephan Haufe am Donnerstagabend.

Deutschland erlebt laut RKI derzeit den stärksten je registrierten EHEC-Ausbruch. Seit Einführung der Meldepflicht 2001 wurden jährlich zwischen 800 und 1200 Erkrankungen registriert. Derzeit gebe es so viele Erkrankte pro Woche wie sonst in einem Jahr. Das Bakterium sei hochinfektiös, schon 10 bis 100 Keime genügen für eine Ansteckung. Zwei Drittel der Betroffenen seien Frauen.

EHEC-Keime sind eine besonders gefährliche Form des Darmbakteriums Escherichia coli. Seine Gifte führen bei schweren Verläufen zu Blutarmut, Gefäßschäden und schädigen die Nieren. (dpa)