26. Hamburg-Marathon am Sonntag

So begann ihre Lauf-Leidenschaft

Foto: Andreas Laible

Die 19-jährige Fußball-Schiedsrichterin Jacqueline Herrmann und der 67-jährige Rentner Peter Kluth erzählen, wie alles bei ihnen begann.

Hamburg. Ein Sonntag im Mai vor 25 Jahren. Peter Kluth tritt vor sein Haus in Ohlsdorf und sieht plötzlich eine größere Gruppe Menschen in kurzen Hemden und Hosen an ihm vorbeilaufen. Irgendjemand am Wegesrand erzählt ihm, dass hier ein Marathon stattfinde. Es sei der erste in Hamburg. Kluth bleibt stehen, beobacht die Szene eine Weile und entdeckt im Pulk der Sportler Kollegen. Was die können, denkt sich der Filialleiter einer Sparkasse, "kann ich auch".

Zwei Jahre später rennt Kluth in Hamburg seinen ersten Marathon, in respektablen drei Stunden und 40 Minuten. Am Sonntag nimmt der heute 67-Jährige zum 56. Mal die 42,195 Kilometer in Angriff, zum 24. Mal in Hamburg. Der Lauf, der 1986 als Hanse-Marathon gestartet wird, heißt bei seiner 26. Austragung Haspa-Marathon. Der neue Sponsor ist 36 Jahre lang sein Arbeitgeber. Als er vor sechs Jahren aufhört, geht er als Prokurist in Rente. Laufen will er, solange ihn die Füße tragen. "Ich bin süchtig", sagt Kluth.

Jacqueline Herrmann ist 19 Jahre alt, selbstbewusst in ihrem Auftreten, eine ehrgeizige junge Frau, die als Fußball-Schiedsrichterin vor einer großen Karriere steht. In Hamburg pfeift sie bereits die zweithöchste Spielklasse der Männer, die Landesliga. Wenn sie von Fußballern, die sich besonders männlich fühlen, angebaggert wird, weiß sie wegzuhören oder sich mit flotten Sprüchen Respekt zu verschaffen: "Spart eure Kräfte fürs Spiel!" Bei den Frauen darf sie sich berechtigte Hoffnungen machen, in der nächsten Saison Begegnungen der Zweiten Bundesliga leiten zu dürfen. Diese Vorstellung treibt ihr ein Leuchten in die blauen Augen.

Herrmann hat vor einem Jahr am Lise-Meitner-Gymnasium in Osdorf Abitur gemacht und danach eine Ausbildung zur Bankkauffrau begonnen. Am Sonntag läuft sie ihren zweiten Marathon. Ihr erster vor einem Jahr dauerte viereinhalb Stunden. Ihre Vorfreude ist riesengroß: "Irgendwie sehne ich mich nach dieser einzigartigen Atmosphäre. Wenn die Zuschauer meinen Vornamen rufen, der vorne auf dem Trikot steht, wenn sie klatschen, mich anfeuern, dass ich durchhalten soll. Das ist voll schräg! Einfach grandios! Das ist der Hauptgrund, warum ich wieder antrete." Ich wünsche mir, sagt sie, dass viel mehr junge Leute Marathon laufen. Die es nicht tun, die sich nicht trauen, "obwohl sie es doch könnten", und das ist die überwiegende Mehrheit, wüssten nicht, "was sie versäumen". Das sei ein Erlebnis fürs Leben.

16.210 Läufer haben diesmal für das Rennen an Elbe und Alster gemeldet. Mehr als eine halbe Million Schaulustige werden wieder die abgesperrten Straßen säumen. Der Marathon, sagen viele, ist die größte Party der Stadt. Ein Ärgernis für Autofahrer, ein bewegendes Fest für Nachtschwärmer, Frühaufsteher und Feierbiester.

Jacqueline Herrmann und Peter Kluth sind zwei Darsteller dieses Spektakels. Ihre Geschichten sind typisch für die längste olympische Laufdistanz, die dem Andenken jenes Eilboten gewidmet ist, der 490 v. Chr. der Legende nach den Sieg der Athener in der Schlacht von Marathon in seiner Heimatstadt verkündet und anschließend tot zusammenbricht. Von Marathon bis nach Athen sind es rund 40 Kilometer.

Als Kluth erfährt, dass man eine Strecke dieser atemraubenden Länge auch im Laufschritt bewältigen kann, ist er 42 Jahre alt. Mit Sport hat er wenig im Sinn, mit dessen Ausübung erst recht nichts. Als Zehnjähriger haben seine Eltern aus ihm einen Turner machen wollen, "doch ich bin am Reck schon am Aufschwung gescheitert". Danach bleibt Gartenarbeit über Jahre seine einzige körperliche Betätigung.

Jetzt also Marathon. Die Anfänge sind mühsam, manchmal qualvoll. Nach 300, 400 Metern im gemächlichen Trab geht ihm die Luft aus, er fängt zu japsen an. Damit niemand seiner Nachbarn seine heimlichen Bemühungen sieht, trainiert er, wenn es dunkel wird, meist nach 22 Uhr. "Die ersten Erfolge stellten sich schnell ein. Das machte mir Mut, der Ehrgeiz packte mich", erzählt Kluth. Seine Ernährung stellt er um. Weniger Fleisch, mehr Fisch, Getreideprodukte, Obst und Gemüse. Das geliebte Brötchen mit Fleischsalat, das früher oft in seinem Büro auf dem Tisch steht, rührt er fortan nicht mehr an.

Kluth geht bei seinem Aufbautraining systematisch vor. Er liest einschlägige Bücher, holt sich Tipps von jenen Kollegen, die er einst vor seinem Haus laufen sah, und er steigert sein Pensum kontinuierlich, macht die ersten Crossläufe. Irgendwann schafft er 14 Kilometer am Stück, als Strecke lang genug, um einen Marathon zu planen. "Es heißt, wenn man im Training ein Drittel der 42 Kilometer problemlos schafft, schafft man die anderen zwei Drittel im Rennen auch", sagt Kluth.

Die Formel stimmt bei ihm. Kluth kommt 1988 wieder bei Start und Ziel am Fernsehturm an, mit einem Lächeln auf den Lippen. Das ist wichtig, weil sich seine Familie große Sorgen um ihn und seine Gesundheit macht. Die Mutter steht bei Kilometer 38 am Klosterstern. "Ich habe ihr diesen Platz empfohlen, weil, wenn ich so weit komme, auch ins Ziel gelange." Einen Kilometer vorher, erzählt Kluth schmunzelnd, habe er sich einen Becher Wasser über seinen Kopf gegossen, seine Haare glatt gestrichen, "damit sie einen guten Eindruck von mir hat, dass ich halbwegs frisch aussehe". Sie winkt ihm entspannt zu. Die Erleichterung, dass es ihrem Sohn gut geht, sieht er ihr an. Das motiviert ihn für die letzten vier Kilometer. Seine Bestzeit läuft er 1993 mit 49 Jahren: 3:05 Stunden. Inzwischen, mit 67, braucht er vier.

Jacqueline Herrmann hört aufmerksam zu, wenn Kluth von seinen Anfängen berichtet. Es sind faszinierende Erzählungen aus einer für sie fremden Welt. Sport ist für sie immer ein Teil ihres Lebens gewesen. Sie spielt früh Fußball beim TuS Osdorf, beginnt mit 13 Jahren zu schiedsrichtern, weil Vater und Bruder es tun. Die Gemeinschaft reizt sie, die Lust auf Bewegung spürt sie von Kindesbeinen an. Auch ihr Freund Stefan Meyer kickt, ebenfalls in Osdorf. Auf die Idee aber, Marathon zu laufen, sagt sie, "wäre ich nie gekommen, hätte nicht unser Sportlehrer Andreas Kaiser zwei Punkte in der Abiturnote für Sport in Aussicht gestellt für jeden, der einen Marathon schafft."

Das geschieht im Jahr 2009. Sie ist 17. Starten darf sie in diesem Alter beim Hamburg-Marathon nicht, ein Jahr später schon. Speziell vorbereitet habe sie sich nicht für das Rennen. Das Fußballtraining im Verein und bei den Schiedsrichtern, das Schnelligkeit und Ausdauer fördert, glaubt sie, reiche. Ein paar Mal läuft sie um die Außenalster, vom Sportplatz an der Sternschanze sind das hin und zurück "so um die zehn Kilometer". Sie isst mehr Salat, Paprika und Gurken, wegen der Vitamine. Sie fühlt sich fit genug für die Herausforderung. Das ist, stellt sich später heraus, kein Trugschluss, aber auch nicht die ganze Wahrheit.

Das Einzige, was sie vorher fürchtet, ist mögliche Langeweile. Sie hat sich ihren iPod eingesteckt, mit Technomusik von David Guetta. "Da stehe ich total drauf." Die schnellen Rhythmen sollen ihr Beine machen - wie beim Training, wenn sie manchmal einsam ihre Runden dreht. "Ich dachte, ein bisschen Ablenkung kann nicht schaden." Die Kopfhörer bleiben am 25. April 2010 in ihren Hosentaschen. "Von wegen Langeweile. Ich wurde von den Zuschauern getragen. Ich habe die Begeisterung in mich wie ein Schwamm aufgesogen. Da blieb kein Platz für irgendwelche Gedanken. Ich habe nur genossen, genossen, genossen. Kilometer für Kilometer, selbst wenn mir am Ende das Laufen schwerfiel." Bei Kilometer 30, als die Kohlenhydratspeicher leer sind und ihr Körper auf Fettverbrennung umstellen muss, wenn der berüchtigte "Mann mit dem Hammer" kommt, bleibt sie kurz stehen, geht einige Hundert Meter und findet danach nur schwer wieder in ihren Laufrhythmus. 4:15 Stunden will sie laufen, 15 Minuten mehr werden es. Am Ende kehren die Kräfte zurück. Die lange Zielgerade in der Glacischaussee sprintet sie, weil sie in der Ferne Johannes B. Kerner, den TV-Moderator, erkennt. "Das hat mich angespornt, ihm im Ziel begegnen zu können."

Die Tage danach, klagt Jacqueline Herrmann, sind grausam. "Ich konnte keine Treppen steigen, ich hatte fast zwei Wochen lang höllischen Muskelkater." Alles tut ihr weh. "Das war für zwei Punkte im Sport-Abitur ein hoher Preis." Nie wieder Marathon nimmt sie sich in diesen Momenten vor, als sie größte Schwierigkeiten hat, morgens aus dem Bett zu klettern. Doch irgendwann verschwinden die Schmerzen. Die Erinnerungen kehren zurück, wie immer vor allem die schönen. "Ich war Teil von etwas ganz Großem. Das wollte ich unbedingt noch einmal erleben."

Wenn Jacqueline Herrmann, die junge Marathon-Novizin, und Peter Kluth, der erfahrene Marathon-Mann, ihre Erfahrungen austauschen, fallen immer wieder Worte wie Leidenschaft, Stolz, Genuss, Spaß; ganz selten Qual. Die verdrängen beide. "Allen Leuten, denen ich erzähle, dass ich Marathon gelaufen bin, bezeugen mir ihren größten Respekt. Das ist eine tolle Erfahrung", sagt Herrmann. Peter Kluth weiß, wovon sie spricht. Die Anerkennung der anderen aber spielt für ihn längst keine Rolle mehr: "Laufen ist für mich zu einem Stück Lebensqualität geworden, das ich nicht missen möchte. Ich freue mich darauf wie auf ein schönes Essen. Und habe ich mal Probleme, habe ich sie beim Laufen meistens gelöst. Ich spüre im Kopf dann eine unglaubliche Klarheit der Gedanken." Und bei welchem anderen Ereignis, fragt Kluth, können sie hinterher sagen, "dass sie mit den Weltbesten im selben Wettbewerb gestartet sind". Als der Äthiopier Haile Gebrselassie in Berlin zweimal einen neuen Marathon-Weltrekord aufstellt, läuft Kluth mit. "Das war ein erhabenes Gefühl."