Glosse

Ein Freund, ein neuer Freund

Eigentlich hatte ich geglaubt, unseren Freundeskreis zu kennen. Dann kam der erste Geburtstag unserer Tochter. Meine Freundin sagte: "Du, ich lad ein paar Leute ein, die wirste mögen, die sind alle nett!" Und dann standen sie vor der Tür: Merle und Heike aus der Rückbildungsgymnastik, Annette vom Babyturnen, Soraya und Julia vom Krabbeltreff. Inklusive Kinder und der dazugehörigen Väter. Ein Paar hatte sogar die Großeltern aus Stuttgart mitgebracht, die gerade zu Besuch waren.

Ihre neuen Freundinnen kannte ich alle nicht. Wie auch? Ich war tagsüber arbeiten, sie ging viel spazieren, traf sich im Park oder auf einen Kaffee in der "Babylounge". Jetzt kamen sie vorbei, mit Kuchen und Geschenken, und das Erste, was ich lernte, war: Man trifft sich nicht mehr mit einem Freund. Man trifft sich mit Familien. Mit größer werdenden Familien. "Wir sind wieder schwanger!", flötete uns Annette noch in der Tür stehend triumphierend entgegen. "Ist nicht wahr! Wir arbeiten ja auch schon dran", rief Julia vom Ende des Flurs zurück, und ihr Freund, der die Figur eines Möbelpackers hat, fasste mir kumpelhaft um die Schultern und fragte: "Und, was ist mit euch?" Bevor ich mit der letzten durchwachten Nacht antworten konnte, hielt uns Annette ihren iPod hin. Darauf waren die Herztöne ihres ungeborenen Kindes als MP3-Datei. Ich sah aufs Display: "Paul, 15. Woche."

Die zweite Erkenntnis: Wenn es um die Erziehung der Kleinen geht, ist größte Vorsicht geboten. Impfungen, Süßigkeiten, darf man gebrauchte Kinderschuhe bei Ebay kaufen? - alles potenzielle Tretminen in der Konversation mit Eltern, die man erst seit zehn Minuten kennt. Ob wir zum Pekip gehen? "Nee, finde ich eh bescheu%u2026 ach, Thomas geht sonnabends zum Väter-Pekip? Ist ja interessant." Und als Joris mit meinem Handy im Mund anfing, unser CD-Regal auszuräumen, und ich ihn mit einem "Raupe Nimmersatt"-Buch ablenken wollte, erklärte Heikes Mann: "Ach, lass ihn doch. Ich habe neulich erst gelesen, dass man Kindern nicht zu früh alles verbieten sollte."

Aber vielleicht habe ich auch einfach zu empfindlich reagiert. Vielleicht hätte ich mich, dritte Einsicht, mehr entspannen müssen. Vorgenommen hab ich's mir jedenfalls. In ein paar Wochen hat unsere Tochter wieder Geburtstag. Dann klappt's hoffentlich besser - mit unseren neuen Freunden.