Zwischenruf

Geflunker um die Elbphilharmonie

Wenn Historiker in 200 Jahren etwas Glück haben, werden sie am Kaiserkai auf eine Inschrift stoßen. "An der westlichen Spitze der HafenCity entsteht bis 2010 die Elbphilharmonie", steht dort in diesen Tagen. Das ist natürlich Quatsch, wie zeitgenössische Besucher wissen. Sie müssen schließlich nur ihren Blick heben und sehen eine Riesenbaustelle, die erst 2013 ein Konzerthaus sein wird.

Über diesen klaren Blick werden die Forscher aus der Zukunft nicht verfügen. Sie wittern deshalb wohl einen Widerspruch, und so was wird die Wissenschaft auch künftig systematisch angehen.

Welchen Sinn ergibt diese Inschrift, wenn andere Quellen doch eindeutig belegen, dass die Einweihung der Philharmonie später stattfand? Bei solchen Problemen macht es sich, auch für den Autor dieser Zeilen, immer gut, den französischen Poststrukturalisten Michel Foucault ins Spiel zu bringen. Der sagt, man müsse in der Archäologie des Wissens stets die zugrunde liegenden Denkmuster einer Epoche erfassen.

Nun könnten Forscher also in 200 Jahren schlussfolgern, die unwahre Plakette belege, dass es Politiker unserer Zeit mit der Wahrheit nicht so genau nahmen, sogar nicht davor zurückscheuten, ihren Wählern eine Baustelle als fertiges Konzerthaus vorzumachen. Immerhin laufen jetzt auch schon die "Elbphilharmonie-Konzerte", die überall stattfinden, nur eben nicht dort. "Was man mit denen alles machen konnte", lästern dann Geschichtsstudenten der Zukunft. Oder sie beneiden uns um unseren Optimismus.

Vielleicht wird die Inschrift aber auch zum Chiffre einer Geisteshaltung und ist in 200 Jahren als "Kaiserkai-Komplex" in aller Munde. Martin Luther verewigte sich mit seinem Satz: "Hier stehe ich, ich kann nicht anders!" Die Plakette stünde dann für: "Hier stehe ich und meine was anderes." Oder, wenn man die Elbphilharmonie zum Subjekt macht: "Sie steht noch nicht - und kann nicht anders."