Missbrauch in Ahrensburger Kirchengemeinde

Bischöfin Kirsten Fehrs: "Ja, wir sind traumatisiert"

Die Hamburger Bischöfin Kirsten Fehrs kritisiert Verhalten der Kirche im Missbrauchsskandal - und erntet Lob von der Opferinitiative.

Innenstadt. Eine traumatisierte Kirche versucht, zurück zur Normalität zu finden: Dieses Bild zeichnete gestern nicht etwa ein Kirchenkritiker, sondern die Hamburger Bischöfin Kirsten Fehrs höchstselbst. "Ja, wir sind traumatisiert", sagte sie vor rund 90 Teilnehmern einer Fachtagung im Hotel Baseler Hof an der Esplanade. "Wir sind in Ahrensburg an unsere Grenzen gekommen, und das hat dazu geführt, dass man desaströs verharmlost hat."

Die Veranstaltung trug das Motto "Missbrauch in Institutionen" - und handelte doch vom Missbrauch in der evangelisch-lutherischen Kirche, genauer gesagt vom Missbrauch in der Ahrensburger Kirchengemeinde Kirchsaal Hagen. Pastor Dieter K. hatte sich dort zumindest in den 70er- und 80er-Jahren, möglicherweise auch noch später, an mindestens 13 Jugendlichen vergangen. Im Frühjahr 2010 wurde der Missbrauchsskandal durch den Brief einer Betroffenen an die damalige Bischöfin Maria Jepsen publik. Kurz darauf trat Jepsen zurück, seitdem ist die Kirche in der Defensive. Mit der Fachtagung will sie da heraus. Und bekam Lob dafür.

"Diese Veranstaltung ist eine Form der Verantwortungsübernahme", sagte Ursula Enders, die Leiterin des renommierten Kölner Vereins Zartbitter, der gegen sexuellen Missbrauch von Mädchen und Jungen kämpft. Enders hatte den Tag mit einem Vortrag über traumatisierte Institutionen begonnen. Sie hatte darin exakt die besonderen Bedingungen beschrieben, die dazu geführt haben, dass Pastor Dieter K. in Ahrensburg über Jahre hinweg ungestört Jugendliche missbrauchen konnte. Vereinfacht gesagt: Je größer die Fallhöhe, desto ausgeprägter ist die Neigung, den Missbrauch zu vertuschen. Und die Fallhöhe ist bei der Kirche nun einmal besonders hoch.

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"Eine Institution wird zum Beispiel dann besonders stark gelähmt oder traumatisiert, wenn der Ruf besonders gut ist", sagte Enders, die ihre Ausführungen ausdrücklich nicht nur auf religiöse Gemeinschaften beziehen wollte. "Noch schlimmer wird es, wenn es viele Opfer gibt, wenn die Taten geleugnet werden und der Täter ein Seelsorger ist."

Das positive Selbstbild einer Institution werde durch einen Missbrauchsfall stark erschüttert. Die Folge seien Ohnmacht, Erstarrung und Leugnung der Fakten. "Dann wird versucht, das Problem intern zu regeln", sagte die Missbrauchsexpertin. "Aber das funktioniert nicht, das funktioniert nie." Auch zwei weitere Strategien würden nicht weiterhelfen, aber gleichwohl häufig angewendet werden. "Es wird behauptet, dass es ein einmaliger Vorfall gewesen sei. Und dann wird irgendwann versucht, das Problem zu lösen, indem man den Mitarbeiter versetzt", sagte Enders. "Aber auch das funktioniert nicht, denn die Kinder bleiben zurück, die vielleicht alles miterlebt haben. Und die geschockten Kollegen bleiben zurück."

Eindringlich schilderte Enders einen besonders perfiden Aspekt des Missbrauchs. Kollegen und Freunde des Täters trennten sich in verschiedene Gruppen, es gebe Sympathisanten und Kritiker. "Die Sympathisanten überhöhen den Täter, sie setzen ihm gewissermaßen eine Krone auf, um auf diese Weise deutlich zu machen, dass der Vorwurf auf keinen Fall zutreffen kann", sagte Enders.

Mit anderen Worten: Der Missbrauchsvorwurf kann dazu führen, dass das Ansehen des Täters zumindest in einer bestimmten Gruppe von Menschen steigt. Nicht wenige Zuhörer begleiteten den Vortrag von Ursula Enders mit heftigem Nicken. Ja, so ist es gewesen. Ahrensburger Pastoren nickten, Mitglieder des Vereins Missbrauch in Ahrensburg nickten. Dessen Vorsitzender Anselm Kohn, der Stiefsohn von Dieter K., sagte: "Ich bin begeistert von der Veranstaltung. Jetzt ist es bei der Kirche wirklich angekommen, dass etwas passieren muss."

Zu dem, was gestern passierte, gehörte auch eine Podiumsdiskussion. "Hat die Kirche aufgrund ihrer Strukturen ein erhöhtes Risiko für Missbrauch durch eigene Mitarbeiter?", lautete die mutige, weil selbstkritische Frage. Fazit der Runde: Ja, das Risiko ist erhöht, aber das gilt in ähnlicher Weise auch für Sportvereine oder für andere Jugendgruppen. "Kirche arbeitet mit Nähe, und dadurch entstehen Gefahren", sagte Ursula Enders. Zum zweiten und neben dem ersten eigentlich nicht geplanten Tagesordnungspunkt der Debatte entwickelte sich die Frage nach der Verantwortung der Medien. Warum die über Missbrauchsfälle in der Kirche besonders ausführlich berichten würden, wollte Moderator Frank Düchting (Evangelische Akademie der Nordkirche) von Abendblatt-Chefredakteur Lars Haider wissen.

"Es ist normal, dass derjenige, über den berichtet wird, das Gefühl hat, es sei immer nur negativ oder es sei zu viel", sagte Haider. "Kirche will Menschen beschützen. Wenn es dort nicht Schutz, sondern Missbrauch gibt, dann ist das natürlich ein Thema für uns."

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Die Bischöfin Kirsten Fehrs gestand, sich über die Berichterstattung zu den Ahrensburger Missbrauchsfällen manchmal geärgert zu haben. Anselm Kohn gestand, diese Berichterstattung ausgezeichnet gefunden zu haben. "Ohne Medien wären wir heute nicht so weit", sagte er.

Ansonsten gab es viel Einigkeit im Gartensaal des Baseler Hofs. Fehrs versprach, den Betroffenen nun helfen zu wollen. "Entschädigung" sei aber das falsche Wort dafür. "Es muss eine Individualleistung sein, die den Betroffenen nicht in Nöte bringt", sagte sie. In diesem Punkt sei man noch am Anfang. Enders unterstützte sie dabei. "Die Taten, über die wir sprechen, sind ja verjährt. Das heißt auch, dass sich kein Gericht je damit befasst hat. Also bekommen die Opfer kein Geld. Das ist noch mal eine Verletzung."

Folgen muss auch noch eine Festlegung für die Zukunft. Wie reagiert die Kirche, falls es irgendwann einen zweiten Fall Dieter K. geben sollte? Ursula Enders vom Kölner Verein Zartbitter sagte dazu ganz klar: "Es gibt keine fertigen Konzepte. Es gibt nur individuelle Lösungen." Die könnten nicht intern, innerhalb der Institution, sondern nur extern gefunden werden. Eine Möglichkeit sei, sich eine Krisenintervention ins Haus zu holen. "Das ist dann eine Intensivbehandlung, das braucht 300 Arbeitsstunden."

Anselm Kohn, der lange dafür gekämpft hat, dass die Kirche die Opfer und ihre Probleme ernst nimmt, sieht die Kirche weiter in der Pflicht. "Die katholische Kirche hat schon viel früher angefangen, offen gegen Missbrauch vorzugehen und Strukturen zu schaffen, die ihn verhindern", sagt er. "Die evangelische Kirche muss jetzt Maßstäbe setzen."