Wohnen in Hamburg

Projekt "Nachverdichtung": Wie eng können Menschen leben?

Die Bewohner des Wohnblocks am Moorkamp in Eimsbüttel wollen nicht, dass vier neue Häuser mit 50 Wohnungen in ihrem grünen Hinterhof gebaut werden

Die Bewohner des Wohnblocks am Moorkamp in Eimsbüttel wollen nicht, dass vier neue Häuser mit 50 Wohnungen in ihrem grünen Hinterhof gebaut werden

Foto: Roland Magunia

So wie in Eimsbüttel wehren sich Anwohner in ganz Hamburg gegen die nachträgliche Bebauung von Grünflächen und Hinterhöfen.

Hamburg.  Gegen die Nachverdichtung, die mit der Umsetzung des vom Senat beschlossenen Wohnungsbauprogramms einhergeht, regt sich Widerstand. Der Mieterverein zu Hamburg registriert seit vier Jahren eine Steigerung der Beschwerden seiner Mitglieder gegen Neubauten in ihrem Umfeld um mehr als das Dreifache: Statt 800 bis 900 Beschwerden im Jahr ist diese Zahl auf 3000 angestiegen. Auch beim Hamburger Mieterverein haben die Klagen gegen Aufstockung und Verdichtung „drastisch“ zugenommen. Die Betroffenen fürchten um ihre Lebensqualität, es wird ihnen zu eng im Viertel.

Kommentar: Enger Wohnungsbau: Das geht auch cleverer!

So auch den 350 Anwohnern aus dem Häuserblock rund um den Moorkamp, die Hohe Weide, Gorch-Fock- und Felix-Dahn-Straße. Noch spielen Fitz, Anton, Konrad und die anderen 72 Kinder aus dem Block fast täglich in dem grünen Innenhof. Sie treffen sich zum Bolzen, spielen verstecken, klettern auf Bäume. Mitten im dicht besiedelten Eimsbüttel. Ihre Eltern genießen diese grüne Oase als Rückzugsort.

1200 Quadratmeter Grünfläche zum Spielen sollen auf 400 schrumpfen

Wegen dieser Bullerbü-Idylle sind viele von ihnen auch hergezogen. Petra Burmann schon vor 30 Jahren. Nun ist ihr kleines Paradies in Gefahr. Die Wohnungsbaugesellschaft Rebien plant vier neue Häuser im Hof sowie eine Tiefgarage. Außerdem sollen Außenfahrstühle und Balkone angebracht und die Dachgeschosse aufgestockt und zu Maisonettes umgebaut werden. 50 neue Wohnungen sind nach Angaben von Rebien-Geschäftsführer Thomas Niemuth geplant, darunter möblierte Ein-Zimmer-Apartments für Studenten oder Pendler. Als Ausgleich für den Verlust der jetzigen 1200 Qua­dratmeter großen Grünfläche sollen zwei Spielplätze errichtet werden. Den Mietern stünden dann noch 400 Quadratmeter Grün zur Verfügung.

Haben Sie Verständnis für Anwohner, die gegen Wohnungsbau in ihrem Innenhof protestieren?

Merle Wuttke und die anderen Anwohner sind in Sorge. Nicht nur, dass die Bauarbeiten mindestens vier Jahre dauern sollen – die Veränderungen bringen den jetzigen Mietern nur Nachteile, finden sie. „Auf den Plänen ist unsere Wohnung gar nicht mehr verzeichnet. Stattdessen sind dort Maisonette-Wohnungen geplant“, sagt Merle Wuttke, die mit ihren drei Kindern und ihrem Mann in der vierten Etage wohnt. Gespräche, was aus ihrer Wohnung wird, wo sie während der Bauphase wohnen soll und ob sie überhaupt wieder zurückkann, gab es bislang nicht. „Das macht einem Angst“, sagt sie. Eine neue, bezahlbare Wohnung im Viertel zu finden ist eher unwahrscheinlich. Zu groß ist die Nachfrage nach Wohnraum in Eimsbüttel.

Und das ist auch der Grund für die Wohnungsbauoffensive: hamburgweit, nicht nur in Eimsbüttel. „Dort, wo es rechtlich möglich ist, versuchen wir alles zu ermöglichen“, sagt Eimsbüttels Bezirksamtsleiter Torsten Sevecke (SPD). Eine generelle Linie, wie viel wo und an welcher Stelle gebaut werden darf, gebe es nicht. „Entscheidend ist, ob eine Bebauung rechtlich zugelassen ist.“ Auch der Bezirkschef hält die Pläne von Rebien für überdimensioniert. Er sagt: „Es wird dort gebaut, aber nicht in dem Maße, wie der Investor sich das vorstellt.“ Die Bezirkspolitik wird sich mit den Bauplänen demnächst beschäftigen. Der FDP-Abgeordnete Burkhardt Müller-Sönksen sieht das Vorhaben kritisch: „An dieser empfindlichen Stelle die ohnehin dichteste Wohnbebauung in Hamburg noch weiter zu verdichten ist eine Bausünde.“

Viele sind entsetzt über die Dreistigkeit der Eigentümer

Dabei seien die meisten Mieter nicht grundsätzlich gegen Nachverdichtung, so Eve Raatschen vom Hamburger Mieterverein. „Viele haben selbst eine schwierige Wohnraumsuche erlebt und wissen um die Notwendigkeit des Wohnungsneubaus.“ Was viele jedoch entsetze, sei die Dreistigkeit, mit der Eigentümer ihre Mieter vor vollendete Tatsachen stellten.

Merle Wuttke und ihren Nachbarn geht es um die Dimension der Baumaßnahmen. „Das hier ist Gentrifizierung“, sagt Alexander Lünenschloß (41). „Das sind Wohnungen, die sich normale Familien später gar nicht leisten können.“ Im Gespräch sind Eingangsmieten von zwölf bis 13 Euro. Und sie sorgen sich generell um den sozialen Frieden: „Wie sollen all diese Menschen auf so engem Raum gut miteinander leben?“, fragt sich Merle Wuttke.

Stadtsoziologe warnt vor Folgen für bisherige Bewohner

Mit der Bebauung von grünen Hinterhöfen gehe aber nicht nur Lebensqualität verloren, sagt Manfred Braasch vom BUND Hamburg. „Die Grünflächen dort können auch erheblich zur biologischen Vielfalt in der Stadt beitragen.“ Bevor immer mehr dieser Flächen bebaut werden dürften, sollte die Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen das Aufstockungspotenzial in Hamburg ermitteln. „Die TU Darmstadt spricht von bis zu 80.000 Wohnungen, die so in Hamburg geschaffen werden könnten“, so Braasch. „Selbst wenn nur die Hälfte realisiert werden kann, wäre das ein echter Fortschritt.“

In jedem Bezirk wehren sich Anwohner gegen Nachverdichtung. Beispiel Grindelhof 87: In der Terrassenhaus-Gasse sollen etwa zehn Stadthäuser entstehen – dicht an den dort bereits bestehenden Gebäuden. Auch hier gibt es Grünflächen, in denen Kinder spielen. Beispiel Ottensen: In dem Quartier zwischen Friedensallee, Großer Brunnenstraße und Hohenzollernring wehren sich Anwohner schon seit 2009 gegen Pläne, ihren Hinterhof zu bebauen. „Hier gibt es Gärten, Gemeinschaftsgrünflächen, einen Spielplatz, Kleingewerbe, ein paar Garagen, viele hohe Bäume, 36 Singvogelarten, Fledermäuse, Eichhörnchen, Marder“, so die Anwohnerinitiative Otte 60. Sie fordert eine maßvolle Nachverdichtung mit Sozialwohnungen; der Investor will aber mehrere, bis zu sechsgeschossige Gebäude mit 120 frei finanzierten Wohnungen errichten. Ursprünglich geplant waren 70 Wohneinheiten.

Nachverdichtung mit Augenmaß fordert auch Harald Rösler, Bezirksamtsleiter von Hamburg-Nord. Auch dort gibt es Proteste. Die Verdichtung müsse planungs- und baurechtlich zulässig sein. Das werde von Bauprüfern und Bauausschüssen überwacht. „Bei jedem Abwägungsprozess gilt es allerdings zu unterscheiden nach sachlich begründeten Einwänden und dem bloßem Pochen auf gewohnte Zustände.“

Der Stadtsoziologe Joachim Häfele von der Leibniz-Universität Hannover warnt, dass Nachverdichtungen in Stadtteilen wie Eimsbüttel und Ottensen nicht ohne Folgen für die Bewohner blieben. „Die Angst vor steigenden Mieten löst bei ihnen eine große ökonomische Verunsicherung aus, die sich auf ihre Lebensqualität und Wohnzufriedenheit auswirkt.“ Mit seinen ehemaligen Bewohnern büße der Stadtteil auch seine soziale Vielfalt ein und damit das, was Urbanität eigentlich ausmache.