Stadtteilserie

Nienstedten

Eine exzellente Verbindung zwischen Landliebe und diskreter Bourgeoisie. Wer sich ein feudales Leben leisten kann, findet hier ein kommodes Zuhause.

Etwas Besonderes ist Nienstedten von jeher - nicht nur wegen der erhabenen Lage auf dem Elbhang. Bereits im 17. Jahrhundert erkoren Pfeffersäcke und Adelige aus dem benachbarten Hamburg das schnuckelige Dorf zwischen Altona und Blankenese als Sommersitz und stille Stätte für die gepflegte Geldanlage. Doch ist der Charme der Bourgeoisie damals wie heute diskret. Wer sich ein feudales Leben leisten kann, findet hier ein kommodes Zuhause. Aldi, Lidl & Co. indes muss er anderswo suchen. Es passt ins Bild, dass der lokale Supermarkt "Hofladen" heißt. Und die Post macht mittags noch zu.

Das Kneipensterben

"Wirtschaftlichen" Schaden nahm Nienstedtens Nimbus als autarkes Dorf durch ein konzentriertes Versiegen lokaler Bierquellen: Binnen kurzer Zeit machten die drei Schankwirtschaften vor Ort die Zapfhähne dicht. Auf Deutsch: Es gibt keine bürgerliche Kneipe mehr vor Ort. Als größten Verlust werten kultivierte Schluckspechte das Aus der traditionsreichen Lokals Schlag an der Rupertistraße, nachdem die Wirtsleute Lissi und Manni Schlag mitsamt Hund Hein in den Ruhestand traten. Nach dem Ratsherrn-Eck schloss zum Jahreswechsel nun auch noch der Krug am Marktplatz.

+++ Kurz & knapp +++

+++ Töchter & Söhne +++

+++ Zahlen & Fakten +++

+++ Der Stadtteil-Pate: Jens Meyer-Odewald +++

Kleiner Trost: Die gastronomische Versorgung ist unverändert erstklassig. Einige Beispiele für lohnende Einkehr, denn alle können hier leider nicht genannt werden: das Hotel Louis C. Jacob mitsamt Lindenterrasse sowie dem Kleinen Jacob gegenüber, Marlies Monesis exzellentes Il Sole an der Nienstedtener Straße, die Flottbeker Schmiede abseits des Derbyplatzes, das Quellental an der gleichnamigen Straße, das Witthüs im Hirschpark, das Engel am Anleger Teufelsbrück, aber auch die beiden Rastplätze am Elbuferweg.

Als Geheimtipps der Anwohner gelten zudem Kai Bartoluccis Fischgeschäft an der Rupertistraße (Bouillabaisse!) sowie der seit Jahrzehnten angestammte Schlachter Hübenbecker direkt nebenan mit einem sagenhaften Roastbeef. Im Stadtteil wird das Eck "Kap Hoorn" genannt. Mit den Gebrüdern Lorenz des örtlichen Mercedes-Autohauses, dem Optikermeister Hans-Werner "HaWe" Jaeger sowie Marion Wulf mit ihrem Kosmetiksalon zählt Rolf Hübenbecker zu den grauen Eminenzen am Elbhang. In Treue zur Raute wird die HSV-Fahne trotz allem hochgehalten ...

"To't Leben hört de Dood"

Dass praktisch jeder jeden kennt und Dorftratsch zum guten Ton gehört, war schon immer so. Unvergessen sind die Zeiten, in denen die legendäre Volksschauspielerin Heidi Kabel beim Einkaufsbummel Klönschnack übern Gartenzaun hielt. Ihr früheres, gelb angestrichenes Einzelhaus an der Langelohstraße, an der Grenze zu Osdorf, wurde vor Jahren verkauft. In ihren Grabstein auf dem Nienstedtener Friedhof ist gemeißelt: "To't Leben hört de Dood". Das versteht auch, wer nicht Platt snackt.

Die gut zehn Hektar umfassende und anno 1814 eingerichtete letzte Ruhestätte abseits der Elbchaussee ist ein Park mit historischen Dimensionen. Verstorbene namhafter hanseatischer Dynastien wie Reemtsma, Parish, de la Camp, Wesselhoeft, Hagenbeck oder Godeffroy sind dort begraben, aber auch Reichskanzler Bernhard von Bülow, der Dichter und Orgelbauer Hans Henny Jahnn sowie der Schriftsteller Hubert Fichte.


Ganz in Weiß

Der Nienstedtener hört den Begriff "Hochzeitskirche" für das dörfliche Gotteshaus gar nicht gerne - dennoch stimmt die Bezeichnung: Wem Eppendorf und St. Johannis zu großstädtisch erscheinen, zieht es zur Trauung gern in die wunderschöne, 1751 errichtete evangelische Kirche ohne Namen. Markenzeichen: Fachwerk, hellblaue Balken, roter Backstein, himmlisch schönes Türmchen. Auch die Adresse ist vom Feinsten: Elbchaussee 410. Der Komponist Georg Philipp Telemann, seinerzeit Musikdirektor der fünf Hamburger Hauptkirchen, schrieb zur Eröffnung eine Kantate mit dem Titel: "Zerschmettert die Götzen!"

Passend dazu ließ Pastor Johann Gottfried Witt Anfang des 19. Jahrhunderts die barocke Ausstattung der Kirche versteigern. Vergoldete Fresken und wertvoller Schmuck, so meinte der Geistliche, lenkten von der Andacht ab. Sein Nachfolger indes ließ 1983 sogar den dunkel bebrillten Barden Heino im Kirchenschiff Lieder singen. "Seitdem", sagt der Stadtteil-Chronist Wolfgang Cords augenzwinkernd, "fürchten die Nienstedtener weder Tod noch Teufel." Jurist Cords weiß, wovon er spricht: Seine Familie ist seit gut drei Jahrhunderten im Quartier verwurzelt.

Auf gute Nachbarschaft

Den guten Ruf eines Stadtteils mit außerordentlicher Lebensqualität, einem gemütlichen Ortskern, imposanten Villen im Grünen (von Gärten zu sprechen, wäre eine Untertreibung ...) und einer meist intakten Nachbarschaft nähren Institutionen wie die Führungsakademie der Bundeswehr und der 2000 am Elbufer etablierte Internationale Seegerichtshof auf einem 36 053 Quadratmeter großen Parkgrundstück.

Noch bekannter, auch weil älter, ist das "Elbschlösschen" an der Elbchaussee 352, eine von Baumeister Christian F. Hansen geschaffene Villa mit Kuppel und einer Art Tempelfassade. Einst residierte hier der Kaufmann Heinrich Baur, später war die Elbschloss-Brauerei auf dem gut fünf Hektar großen Areal ansässig. Heute bietet eine Seniorenresidenz luxuriöse Unterkunft. Dass immer mehr Familien mit Kindern auf Nienstedtens Straßen gesichtet werden, zeugt von der Attraktivität für jüngere Leute. Jung wie Alt freuen sich über einen ganz speziellen Hingucker: Am Dach der freiwilligen Feuerwehr an der Georg-Bonne-Straße turnt eine lebensgroße Kuh - in Dienstjacke. Die 1886 gegründete Feuerwehr spielt eine große Rolle im gesellschaftlichen Leben des 1297 erstmals urkundlich erwähnten Dorfes. "Bei uns ist immer was los", weiß der ehrenamtliche Retter Peter Stüve-Bernklau. Er ist Co-Initiator diverser Festivitäten auf der Hauptstraße.

Wohnen wie auf dem Dorfe

Stil kann man nicht kaufen, aber man kann stilvoll wohnen. Ein exzellentes Beispiel hanseatischer Lebensart bieten die uralten, zum Teil reetgedeckten Bauernhäuser im Umfeld des Nienstedtener Marktes. Seit 1742 und über rund zehn Generationen ist die Familie Ladiges im Haus Nummer 1 ansässig. Noch nach dem Zweiten Weltkrieg wurde auf dem Hof Vieh gehalten. Heute birgt das liebevoll restaurierte Gebäude ein kleines Privatmuseum. Ein bisschen scheint die Zeit hier stillgestanden zu haben. Und im Garten steht ein wunderbarer Pfirsichbaum.

Von jeher rühmen sich die ortsansässigen Nienstedtener ihrer Fremdsprachenkenntnisse: Sie sprechen Hochdeutsch, Plattdeutsch - "un over anner lüüd".

In der nächsten Folge: Lurup