Die Stadtteilserie

Iserbrook: Der Stadtteil mit dem "Kaviar-Äquator"

Viele Bewohner des vergleichsweise jungen Stadtteils nennen sich gern Blankeneser, je südlicher sie von der Osdorfer Landstraße wohnen.

Der Name Iserbrook hat sich schon so manchem Ortsunkundigen dauerhaft ins Gedächtnis gebrannt. Dann nämlich, wenn er mit dem Wagen auf der Osdorfer Landstraße in Richtung Westen zu schnell unterwegs war. Gegenüber der Reichspräsident-Ebert-Kaserne steht seit den 90er-Jahren ein Blitzkasten. Die Iserbrooker kennen ihn natürlich und bremsen rechtzeitig ab. Auf dem Weg "aus der Stadt", in der sie arbeiten, fahren sie dann gemächlichen Tempos nach Hause in ihren Stadtteil, in dem sie leben und in dem hohe Geschwindigkeit keine große Rolle spielt.

Das kann sie angesichts der zahlreichen Tempo-30-Zonen, die sich durch die zahlreichen Wohngebiete mit Einzel-, Mehrfamilienhäusern ziehen, ohnehin nicht. Es scheint fast so, als ob der Blitzkasten die Menschen daran hindern soll, Iserbrook als Durchgangsstraße anzusehen. Und manch ein Bewohner wählt durchaus zugespitzte Begriffe für seinen Stadtteil.

Angela Heine etwa: "Iserbrook ist eine Kreuzung." Immerhin, eine Kreuzung ist schon mehr als eine Straße. Angela Heine ist Pastorin in der Martin-Luther-Kirche. Deren 28 Meter hoher Turm an der Ecke Osdorfer Landstraße/Schenefelder Landstraße ist das Wahrzeichen des Stadtteils. Der Ausspruch Heines ist keine Kritik. Sie mag den Stadtteil, der ebenso unprätentiös und gradlinig daherkommt wie dessen Pastorin. Und ihre Gemeinde ist das Zentrum, hier, wo es keinen Marktplatz, keinen natürlich gewachsenen Ortskern gibt.

Waldhotel ohne Wald

Dass das so ist, liegt an der vergleichsweise jungen Geschichte des Stadtteils. Das erste Gebäude wurde um das Jahr 1882 gebaut. Es war das Haus des Bahnwärters und stand an der Sülldorfer Landstraße am Bahndamm. Vorher bestand die heutige Wohngegend nur aus Heidelandschaften, Äckern und Wäldern. Sie gehörten zu den Dörfern Dockenhuden, Osdorf und Sülldorf. Zehn Jahre später entstand an der "Kreuzung" das Waldhotel Iserbrook, welches schnell ein beliebtes Ausflugsziel wurde. Das Gebäude steht dort noch immer, nur der Wald ist verschwunden. Heute beherbergt es einen Bäcker und erlebt gewissermaßen eine Renaissance. Zwar ist der Bau kein Anziehungspunkt mehr für Ausflügler von außerhalb. Aber an schönen Tagen sitzen dort die Iserbrooker bei einem Kaffee in der Sonne und ignorieren den Lärm der Bundesstraße 431. Es ist, als ob sie sich ihren fehlenden Ortskern ertrotzen.

Gut möglich, dass das Rauschen der Osdorfer Landstraße deshalb nicht stört, weil der Iserbrooker ihm nicht auf Dauer ausgesetzt ist. In den verkehrsberuhigten Wohngebieten gibt es so gut wie keinen Autolärm. Das war auch ein Grund, weshalb Jan Simon hierhergezogen ist, nachdem er Vater geworden war. Der Schlagzeuglehrer und Gastronom hat in den 90er-Jahren auf dem Kiez gearbeitet. Gun Club, Marquee und Sorgenrecher hießen die Läden. "Aber als meine Tochter zur Welt kam, wollte ich ans Tageslicht." Über Umwege fand er schließlich in den Hamburger Westen, das komplette Gegenteil des lauten und schrillen St. Pauli.

Verdichtung mit Mehrfamilienhäusern

Ruhe findet sich in den Siedlungen nördlich der Sülldorfer Landstraße, die Mitte der 30er-Jahre von den Nazis erschlossen wurden. Passenderweise wurde eine davon damals "Frontkämpfersiedlung" genannt. Auf den rund 1000 Quadratmeter großen Grundstücken entstanden Einfamilienhäuser. Die Idee: Die Bewohner sollten sich selbst versorgen. Im Preis von 5000 Reichsmark waren deshalb auch Gartengeräte, Obstbäume, Schweine oder Hühner inbegriffen. Letztere werden dort auch noch heute gehalten. Inzwischen heißen die Wohngebiete Traunsche oder Senator-Paul-Neumann-Siedlung.

In Letzterer wohnt Marlies Wordtmann, die nach dem Zweiten Weltkrieg als Mädchen dort hingezogen ist. "Man kennt sich hier und passt aufeinander auf." Dorfcharakter. Noch vor wenigen Jahren drohte die Gegend zu vergreisen. Mittlerweile ist sie bei jungen Familien beliebt. So kehren viele, die dort als Kinder aufgewachsen sind, aus der Stadt zurück. "Das merkt man auch an den Grundstückspreisen, die immer höher werden", sagt Wordtmann. Und so verändert sich der Siedlungscharakter allmählich. Dort, wo früher Einzelhäuser standen, entstehen nun Wohnhäuser mit mehreren Stockwerken. Verdichtung nennt man das.

"Iserbrook ist kein Ausflugsziel. Hier wohnt man", sagt Marlies Wordtmann. Wenn sie an die Elbe will, fährt sie nach Rissen, zum Spazieren geht es in den Hirschpark nach Blankenese, obwohl sie gerade zu dessen Bewohnern eine klare Meinung hat. "Wir Iserbrooker sind einfacher, in Blankenese sind die Leute manchmal versnobt", sagt sie.

Lakritzschuhe bei Tante Emma

Und dabei nennen sich viele Iserbrooker gern Blankeneser, je südlicher sie von der Osdorfer Landstraße, dem sogenannten "Kaviar-Äquator", wohnen. So heißt etwa der Sportverein Komet Blankenese, das Schwimmbad an der Simrockstraße wird auf seinem Eingangsschild fälschlicherweise ebenfalls dem reichen Nachbarstadtteil zugeordnet.

Norbert Prenzlin ist mittendrin im Blankeneser Iserbrook. An der Schenefelder Landstraße betreibt er einen Tante-Emma-Laden. Seit 35 Jahren verkauft er in seinem kleinen Geschäft nicht nur Zeitungen, Zeitschriften und Zigaretten, sondern auch Kartoffeln, Eier, Brötchen, Mundwasser, Spirituosen, Rouladen in der Dose und Katzenfutter. Besonders beliebt ist sein Laden bei Kindern, die sich Süßigkeiten in die Tüte abzählen lassen. "Ein davon, zwei davon und drei Lakritzschuhe." Die kosten übrigens nur fünf Cent das Stück. Auch Makler kommen hin und wieder vorbei. Sie haben es aber weniger auf Brausetabletten abgesehen als vielmehr auf frei werdende Grundstücke und Häuser, nach denen sie Prenzlin kumpelhaft fragen. Sie kaufen aber nichts ein bei ihm. "Die lassen dann eher ihre Visitenkarten hier, damit ich denen Bescheid gebe", sagt der Tante-Emma-Mann und grinst. Angerufen hat er nämlich noch keinen.

Eine Manege für Hunderte Kinder

Bei so viel Bodenständigkeit kommt der Circus Mignon an der Osdorfer Landstraße geradezu als Farbtupfer für Iserbrook daher. Auf dem Gelände der ehemaligen japanischen Schule residiert Zirkusdirektor Martin Kliewer in der Traunschen Villa von 1913. Vor sechs Jahren hat er von der Stadt einen langjährigen Mietvertrag bekommen und ermöglicht Kindern, sich als Artisten zu versuchen.

Der studierte Sonderpädagoge hat Zirkusprojekte bereits in der Jugendtherapie angeboten. Mittlerweile steigt er in Frack und Zylinder selbst in die Manege. Das Angebot ist für viele Kinder eine willkommene Alternative zu Tennis oder Hockey. Bis zu 300 von ihnen kommen zu den Trainingsstunden und den Abschlussvorführungen des Circus Mignon. Er ist übrigens ganz leicht zu finden: Wenn man aus der Stadt kommt, rechts ab, gleich hinter dem Blitzkasten.

In der nächsten Folge am 31.10.: Billwerder

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