„Elbgut“

Hamburg-Krimi: So gefährlich kann Blankenese sein

Die Lehrerin und Buchautorin Linda Schultz im Blankeneser Treppenviertel, wo ihr Krimi spielt

Die Lehrerin und Buchautorin Linda Schultz im Blankeneser Treppenviertel, wo ihr Krimi spielt

Foto: Michael Rauhe

33-Jährige unterrichtet als Lehrerin in den Elbvororten. Dort spielt auch ihr Debütroman um eine vermeintliche Entführung.

Blankenese. Dieser gewisse Ruf, der von hanseatischem Chic und Kapitänshausromantik, haftet Blankenese an. Dass er sich hartnäckig hält, ist wohl hauptsächlich den Bewohnern dieses Stadtteils zu verdanken, die von „ihrem Dorf“ sprechen und allesamt mit ihren flauschigen Katzen in efeubewachsenen Häuschen im Treppenviertel wohnen. Soweit zumindest die Vorstellung der meisten Außenstehenden, für die Blankenese mit dem Rest Hamburgs ungefähr so viel gemeinsam hat wie ein Kurort an der Ostsee.

Eine Schule ist ein ähnlicher Mi­krokosmos, mit seinen Akteuren verhält es sich meist so: Lehrer genießen durchaus eine bescheidene Prominenz, die in der grob geschätzten Mehrzahl allerdings nicht über bisweilen gehässige Kommentare in der Abizeitung hin­ausgeht. Ein geheimnisvolles „Hinter der Fassade“ gibt es eher nicht, auch nicht am Gymnasium Blankenese. Vielleicht interessiert er Linda Schultz deshalb so, der Grad zwischen Schein und Wirklichkeit, um den es in ihrem Krimi „Elbgut“ geht. Ein Mädchen verschwindet spurlos, die Therapeutin Clara Grimaldi gerät unter Verdacht ... Die Lehrerin will mit ihrem Debüt, das beim Oldenburger Schardt-Verlag erschienen ist, zeigen, dass im Treppenviertel nicht alles hanseatisch-romantisch ist.

Die Idee für „Elbgut“ hatte Linda Schultz schon vor langer Zeit, nur ein passender Schauplatz fehlte ihr noch. Dann wurde sie Lehrerin für Deutsch, Kunst und Geografie im Treppenviertel. „Die Diskrepanz zwischen Schein und Wirklichkeit ist hier im vermeintlich beschaulichen Blankenese größer als anderswo. Das fand ich passend“, sagt die 33-Jährige, die optisch selbst hierher passen würde, im beigen Trenchcoat und pastellfarbenem Schal. Aber wenn alles so einfach wäre, hätte Linda Schultz wohl nicht ihren Krimi schreiben können. „Es geht um die Grenze zwischen Wahrheit und Wahrnehmung.“ Ähnlich übrigens wie bei Kafka, fügt sie hinzu, der passsenderweise gerade Abithema gewesen sei.

Und da eben auch eine Autorin nicht einfach in eine Schublade gesteckt werden kann, streicht Linda Schultz nun nicht etwa ihren Trenchcoat glatt, sondern lacht ausgelassen über ihr vom Wind am Fähranleger zerzaustes Haar, das nicht so recht zu ihrem sonstigen Auftreten passen will. „Das entspricht eben der Lokalität.“

Schultz wohnt in Winterhude, sie ist in Hamburg geboren, dort lebt ihre Familie „in mindestens dritter Generation“. Nach Stationen in Zürich und London machte sie ihr Referendariat in Köln. „Danach habe ich mich an zehn Hamburger Schulen beworben. Blankenese hat zuerst ein Angebot gemacht.“ Selbst im „Dorf“ wohnen, will sie nicht. „Dann trifft man die Schüler im Supermarkt und es heißt: ,Guck mal, Frau Schultz kauft schon wieder eine Flasche Wein.‘ Lieber nicht.“

Für die Recherche zu ihrem Buch hat sie ihre Schüler zu Hause besucht, sie hat sich alte Kapitänshäuser angeguckt und erfahren, mit welchem Aufwand diese instand gehalten werden. Details aus dem Treppenviertel, die sie in „Elbgut“ aufgenommen hat. Dort ist die Lebenswelt ihrer Schüler beschrieben – die sich natürlich wiederzuerkennen glaubten. Zu Unrecht, meint die Autorin: „Meine Figuren sind eher ein Konglomerat aus Schülern“, sagt die Lehrerin, die sich über das Interesse freut. „Immerhin weiß ich, dass Schüler selbst bei Büchern, die wir im Unterricht behandeln, teils nur Zusammenfassungen auf Wikipedia lesen.“

Es soll weitergehen mit ihrer Autorenkarriere. Zu Hause im Schreibtisch hat Linda Schultz nach eigener Aussage noch stapelweise Manuskripte liegen. Das nächste Buch soll im Herbst erscheinen, ein Psychothriller, der am Feenteich spielt, „in der gehobenen Gesellschaft“. Obwohl ihr Debüt gut ankam, sieht Linda Schultz Verbesserungsbedarf. „Teilweise geht ,Elbgut‘ vielleicht noch nicht sehr in die Tiefe“, sagt sie. „Richtig hochtrabende Literatur schreibe ich dann, wenn ich 60 bin.“ Solange arbeitet sie neben der Schule und ihren Büchern an einem weiteren großen Projekt: ihrer Doktorarbeit. Auch darin geht es um Literatur, allerdings sind Pixi-Bücher wohl noch nicht die hochtrabende Form, von der Linda Schultz gesprochen hatte.