Die Stadtteilserie

Bahrenfeld

Großes Grün, große Auftritte und große Hoffnung, dass bald wieder zusammenwächst, was zusammengehört.

"Wenn ein Stadtteil im Radio genannt wird, ist es oft Bahrenfeld." Sagt Hans-Werner Fitz und lacht. Der Mann muss es wissen. Er ist Chef des Bahrenfelder Bürgervereins, und er hat Humor. Denn meist geht es bei den Rundfunkmeldungen wieder mal um einen Stau auf der A 7 vor dem Elbtunnel. Oder um die Sperrung der Auffahrt. Und damit ist man eigentlich auch schon mitten drin in Bahrenfeld. Denn da, wo früher der Bahrenfelder Marktplatz war, ist heute die mehrspurige Autobahnauffahrt Bahrenfeld. Geblieben sind nur einige Stadtvillen und ein Straßenschild. Ein Zentrum, wo das Herz des Stadtteils schlägt, ist das nicht. Und das gibt es auch sonst nirgendwo zwischen dem Volkspark im Norden und der S-Bahn-Trasse im Süden. Bahrenfeld tickt anders.

+++ Zahlen & Fakten +++

+++ Kurz & knapp +++

+++ Name & Geschichte +++

+++ Bekannte Söhne +++

Irgendwie landet man immer wieder bei der Autobahn, die den Stadtteil - unüberhörbar - zerschneidet. 40 Jahre ist der Bau inzwischen her, und viele Bewohner kennen es gar nicht anders. "Es gibt keine Bahrenfeld-Identität, sondern viele kleine Kieze", konstatiert Klaus Peter Wehde. Seit über zwei Jahrzehnten ist er Pastor an der Lutherkirche und von seinem Standort auf der Lutherhöhe aus gleichsam eine Art Mittler zwischen den (Lebens-)Welten. Diverse Versuche habe es gegeben, dem Stadtteil eine neue Mitte zu geben, sagt der Gottesmann. "Bislang ohne Erfolg."

Von einem Ritter, den es nicht gab

Dazu passt eine kleine Geschichte, die viel erzählt über den Stadtteil im Nordwesten des Bezirks Altona. Immer wieder, auch auf Wikipedia, ist zu lesen, dass Bahrenfeld seinen Namen einem Ritter Otto von Bahren zu verdanken habe, der im 13. Jahrhundert in Ottensen gelebt und in Bahrenfeld landwirtschaftliche Flächen besessen haben soll. Hört sich gut an - immerhin nennt auch der Gewerbepark am alten Gaswerk sich seit einiger Zeit Otto von Bahrenpark -, ist aber wohl leider nur ein netter PR-Gag. "Ich habe nie etwas von diesem Ritter gehört", das sagt jedenfalls Stadtteilchronist James Kölle. Belegt sei nur, dass die Keimzelle Bahrenfelds ein Gut in kirchlichem Besitz war samt einigen Hofstellen, und zwar unweit des Straßendreiecks zwischen Von-Sauer-Straße und Bahrenfelder Chaussee, das als Rotlichtviertel für hitzige Debatten sorgt und abgerissen werden soll.

Vielleicht ein Fingerzeig und auch ein Spot auf die wechselvolle Geschichte des einstigen Bauerndorfs, das 1640 dänisch wurde und auch mal von den Schweden belagert war. Anfang des 19. Jahrhunderts zog es die reichen Hamburger in den Nordwesten, wo es sich in großzügigen Landhäusern noch entspannt residieren ließ. 50 Jahre später kam das Volk, die ersten Garten- und Ausflugslokale entstanden. Ein Zeugnis ist das Gebäude Von-Sauer-Straße 22. Wo einst die Bahrenfelder Eiche zur Sommerlust lud, firmiert jetzt als "Erlebnis-Location" die Gecko-Bar. Eine Zäsur brachte das Jahr 1876: Bahrenfeld wurde preußisch. Die Eisenbahnlinie Altona-Blankenese wurde eröffnet, und die vorstädtische Besiedlung begann.


Muster sozialen Wohnens

Noch heute lassen sich die Entwicklungsphasen im Bild des Stadtteils wiederfinden, der 1890 zu Altona kam. Im Grenzgebiet zu Ottensen und Othmarschen entstanden große Fabriken, etwa die Sternwoll-Spinnerei (Baujahr 1891). Parallel wurden Wohnungen für Arbeiter und Angestellte gebaut, und zwar musterhaft sozial. Die Siedlung Bahrenfelder Kirchenweg/Woyrschweg desAltonaer Bau- und Sparvereins ist so ein Beispiel. Und bis heute sehr begehrt. Ähnlich wie die 1914 gebaute Gartenstadtsiedlung am Steenkamp, wo es sich zwischen kleinen Häuschen und Gärten fast anfühlt wie auf dem Dorf. Drum herum wuchs Bahrenfeld rasant, vor allem, als in der Wilhelminischen Zeit das Militär einzog mit Proviantamt, Bekleidungsamt, Artilleriedepot, Kasernen.

Bahrenfeld, da war eben immer auch viel Platz für Neues, der Stadtteil als Ort der Moderne. Der Volkspark, mit 205 Hektar Fläche Hamburgs größter Park, beispielsweise ist entstanden als Gegengewicht zum verdichteten Wohnen - und macht den Stadtteil bis heute zu einem der grünsten Hamburgs. Mit dem Stadion, schon lange Heimstatt des HSV, wurde der Grundstein dafür gelegt, dass Bahrenfeld mit O2-World-Arena, der Eis- und Ballsporthalle Volksbank-Arena und natürlich mit der Trabrennbahn Hamburgs Sport- und Event-Stadtteil Nummer eins ist. Inzwischen ist auch die Wissenschaft mit dem Deutschen Elektronen-Synchrotron (Desy) und dem europäischen Forschungsprojekt XFEL fest verankert und mit knapp 2000 Mitarbeitern größter Arbeitgeber.

Unterschiedliche Lebenswelten

Stolz sind sie darauf, die Bahrenfelder. Und dabei unaufgeregt. Sie treffen sich im Bahrenfelder Sportverein, im Bahrenfelder Turnverein oder im Bahrenfelder Bürgerverein. "Bodenständig", beschreibt Bürgervereins-Chef Fitz die Mentalität. Mehr als 50 Jahre hat er mit seiner Frau den Haushaltswarenladen "Fitz hat's" an der Bahrenfelder Chaussee geführt, in dritter Generation. 2006 gab er auf, wie viele andere Läden und Handwerksbetriebe im Stadtteil. Das hängt auch mit der Zerrissenheit Bahrenfelds zusammen, den unterschiedlichen Lebenswelten im bürgerlichen Norden mit seinen grünen Wohnstraßen und dem Süden mit Mischnutzung aus Industrie, Gewerbe und großen Mietshäusern. Aber es gibt auch gelebte Nachbarschaft. So hat die Lutherkirche in der Hochhaussiedlung an Lyser- und Sibeliusstraße mit 1400 Einwohnern mit dem LutherCampus ein offenes Gemeindezentrum eröffnet, um Familien zu unterstützen. Auch die Paul-Gerhardt-Gemeinde setzt stark auf Stadtteilarbeit ähnlich wie die Schulen.

Die jungen Familien kommen

"Bahrenfeld wird verkannt", sagt Bürgervereins-Chef Fitz. "Es ist ein Stadtteil auf dem Sprung. Da ist viel Potenzial." In den vergangenen Jahren sind alte Industrieanlagen und Kasernen in schicke Wohn- und Gewerbeparks umgewandelt worden, der Phoenixhof zwischen Schützen- und Ruhrstraße (ehemals Ottenser Eisenwerke) zum Beispiel, das Westend Village an der Theodorstraße (früher Bekleidungsamt und BAT-Zigarettenfabrik) oder auch das Gelände der Altonaer Gasanstalt, heute besagter Otto von Bahrenpark. Innovative Unternehmen haben sich angesiedelt. Steinway & Sons baut in Bahrenfeld Klaviere. Kreative zieht es in die Quartiere nördlich der S-Bahn - und immer mehr junge Familien. Der demografische Wandel ist voll im Gange, Grundstückspreise steigen.

+++ Die Stadtteil-Patin: Hanna-Lotte Mikuteit +++

Bahrenfeld erfindet sich - mal wieder - neu und steht vor seiner nächsten Herausforderung. In den kommenden zehn Jahren will die Stadt mehrere Tausend neue Wohnungen bauen. Und das hat auch wieder mit der Autobahn zu tun: Der Deckel über der A 7, eine Forderung so alt wie die Trasse, soll endlich gebaut werden. Nach jetziger Planung könnte er 2020 fertig sein. "Das ist eine Chance", sagt Pastor Wehde. "DerDeckel schafft die Verbindung, die so lange fehlt. Jetzt könnte auch endlich wieder ein echtes Zentrum entstehen."

In der nächsten Folge am 23.7.: Neuallermöhe