Baustopp am Diebsteich

Fernbahnhof Altona verzögert Hamburgs größtes Wohnprojekt

Diebsteich: Die Bahnhofshalle des neuen Fernbahnhofs ist vom Baustopp nicht betroffen – doch ergibt der Bau ohne Bahnen kaum Sinn

Diebsteich: Die Bahnhofshalle des neuen Fernbahnhofs ist vom Baustopp nicht betroffen – doch ergibt der Bau ohne Bahnen kaum Sinn

Foto: C.F. Møller, Aarhus/DK (1183)

Was die Verzögerungen bei der Verlagerung des Bahnhofs für die Neue Mitte Altona bedeuten – und wie lange es noch dauert.

Hamburg. Das ist keine gute Nachricht für die Deutsche Bahn – und auch keine für Tausende Hamburger, die eine bezahlbare Wohnung suchen: Nach Abendblatt-Informationen wird sich die Verlegung des Fernbahnhofs Altona an den neuen Standort am Diebsteich um zwei Jahre verzögern.

Die Inbetriebnahme könnte dann erst zum Fahrplanwechsel im Dezember 2025 erfolgen. Dies bedeutet zugleich, dass das aktuell größte Bauvorhaben Hamburgs entsprechend später fertig wird. Denn auf den frei werdenden Flächen am heutigen Altonaer Fernbahnhof soll der zweite Bauabschnitt der Neuen Mitte Altona realisiert werden. Geplant sind dort bis zu 1900 Wohnungen.

Bahn bestätigt Verzögerung von etwa zwei Jahren

„Die Bahn hat uns zugesagt, dass noch in diesem Herbst ein neuer Zeitplan vorgelegt werden soll“, sagte SPD-Fraktionschef Dirk Kienscherf dem Abendblatt. „Natürlich ist es ärgerlich, dass nun mit dem Bau des neuen Quartiers erst deutlich später gestartet werden kann. Hier soll auch dringend benötigter bezahlbarer Wohnraum entstehen.“

Ein Sprecher der Bahn wollte sich auf keinen genauen Zeitpunkt festlegen, wann der neue Bahnhof am Diebsteich eröffnet wird. Er bestätigte aber, dass die Verzögerung „mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht weniger als zwei Jahre betragen wird“.

Kostenplan wird vermutlich nicht eingehalten

Am geplanten neuen Bahnhof sind drei neue Bahnsteige mit sechs Gleisen für den Regional- und Fernverkehr geplant. Außerdem ein Bahnsteig mit zwei Gleisen für die S-Bahn. Diese sollten die bisherige Haltestelle Diebsteich ersetzen und bereits 2020 in Betrieb gehen. Doch auch dieses Vorhaben wird sich dem Vernehmen nach um zwei Jahre verzögern.

Für die DB bedeutet die Verzögerung vor allem auch, dass die geplanten Kosten in Höhe von 360 Millionen Euro wohl nicht eingehalten werden können. Jetzt hat es das Oberverwaltungsgericht Hamburg (OVG) in der Hand, wie es mit dem neuen Fernbahnhof Altona weitergeht. Denn die Richter hatten Ende August einem Eilantrag des Verkehrsclubs Deutschland, Landesverband Nord, gegen den Planfeststellungsbeschluss des Eisenbahnbundesamtes stattgegeben und einen Baustopp für das Prestigeprojekt verhängt. Die Richter hatten bemängelt, dass der Bahnhof keine Verladeeinrichtungen für Autoreisezüge mehr aufweist, wie es sie am bisherigen Standort gibt.

Nun wartet vor allem die DB auf den Termin für das Hauptsacheverfahren in dieser Angelegenheit vor dem OVG. Doch den gibt es immer noch nicht: „Wir gehen nach wie vor davon aus, dass es einen Termin im Jahr 2019 geben wird. Das Gericht wartet unter anderen noch auf Unterlagen von den Prozessbeteiligten, die angefordert wurden“, sagte ein Gerichtssprecher.

Eine neue Bahnhofshalle – ohne Bahnen?

Hinter den Kulissen dürfte vor allem der Senat Druck auf die DB ausüben. Denn auch das derzeit größte Hamburger Wohnungsbauvorhaben verzögert sich um zwei Jahre. Auf den nach der Verlegung frei werdenden Areal am heutigen Fernbahnhof Altona – es ist von rund 138.000 Quadratmeter Fläche die Rede – soll der zweite Abschnitt der Neuen Mitte Altona entstehen. „Es ist schon schwer nachvollziehbar, dass das Eisenbahnbundesamt die Bedeutung der Autoverladestation falsch eingeschätzt hat und dieses nun zur Verzögerung führt. Und leider müssen darunter jetzt die Wohnungssuchenden in Hamburg leiden“, sagte Kienscherf.

Auch CDU-Vizefraktionschef Dennis Thering äußerte sich kritisch: „Erneut verzögert sich in Hamburg ein wichtiges Infrastrukturprojekt. Die Details zur Verlagerung der Autoverladung hätten nicht vernachlässigt werden dürfen.“ Thering „bedauert vor allem, dass sich nun auch die Entwicklung der Neuen Mitte Altona verzögert und so der Wohnungsbau hier nicht plangemäß umgesetzt werden kann.“

Von dem Baustopp nicht betroffen ist das Empfangsgebäude des neuen Fernbahnhofs Altona mit Reisezentrum und zwei Hochhäusern. In diese Gebäude soll ein Hotel mit Dachterrasse und Büros einziehen. Das Ensemble wurde entworfen vom dänischen Architekturbüro C.F. Møller. Für die Umsetzung dieses Bauvorhabens ist der Hamburger Projektentwickler ProHa verantwortlich: „Wir befinden uns zurzeit in Gesprächen mit der Stadt und der DB, welche Auswirkungen die durch den Baustopp zu erwartenden Verzögerungen auf die Umsetzung unserer Planungen haben werden“, sagte Geschäftsführer Dennis Barth dem Abendblatt. Natürlich habe es nur Sinn, das Gebäudeensemble parallel zum neuen Fernbahnhof Altona fertigzustellen.

Auto-Verladestation an drei Stellen in Harburg?

Nach Abendblatt-Informationen favorisiert die DB den Bau einer neuen Verladestation für Autoreisezüge im Bereich Eidelstedt. Sollte das nicht funktionieren, gäbe es noch eine Möglichkeit in Harburg. Die SPD in der Bezirksversammlung signalisiert bereits Unterstützung. Die SPD-Abgeordneten sehen im Bezirk Harburg drei mögliche Standorte für eine Verladeeinrichtung: die Gleisanlagen des alten Harburger Rangierbahnhofs, die Güterbahngleise an der Seehafenstraße und die Hafenbahngleise nördlich des Containerterminals Altenwerder. „Die Voraussetzungen sind an allen drei Orten gegeben“, sagte der Harburger SPD-Verkehrsexperte Frank Wiesner, „am besten eignet sich wohl die Seehafenstraße.“

Um Autos zu verladen, ist laut Wiesner – er ist hauptberuflich Verkehrsplaner – ein 400 Meter langes, möglichst elektrifiziertes Gleis notwendig. Außerdem rund 1000 Quadratmeter Aufstellfläche für wartende Fahrzeuge und einige kleine Gebäude für die Abfertigung und Versorgung der Reisenden. Der Verladebahnhof sollte möglichst nah an einer Autobahn liegen, „denn die Autoreisezüge haben ein sehr großes Einzugsgebiet“, sagt Wiesner.