Hamburg

Neuer Fernbahnhof Altona – Ärger um bedrohte Pflanzen

Auf dem Gelände in Diebsteich wachsen gefährdete Arten. Zudem kann sich die Jury nicht auf einen Siegerentwurf einigen.

Hamburg.  Während die Stadt eine Entscheidung über die Architektur des künftigen neuen Fernbahnhofs Altona jetzt um ein paar Wochen vertagt hat, steht das Projekt weiter in der Kritik.

In einem Rechtsstreit konnten die Gegner um die Altonaer Initiative „Prellbock“ nun sogar einen Etappensieg verbuchen: Bei der Klage gegen das Eisenbahn-Bundesamt hatten Kläger unter anderem bemängelt, dass in der Genehmigung für die Verlegung des Fernbahnhofs von Altona zur zwei Kilometer entfernten­ S-Bahn-Station Diebsteich keine eigene Umweltverträglichkeitsprüfung aufgeführt wurde – wie sie bei Großprojekten in der Regel üblich sei. Nun hat das Eisenbahn-Bundesamt offenbar kalte Füße bekommen und eine solche Ökostudie nachgereicht.

Stark gefährdete Pflanzen auf dem Gelände

„Planergänzungsbeschluss“ heißt so etwas im Juristendeutsch. Und darin kommen die Bahngutachter tatsächlich zu dem Ergebnis, dass in dem von Gewerbe und Bahngleisen geprägten Gebiet Pflanzen vorkommen, die auf der Roten Liste Hamburgs stehen und als gefährdet oder sogar stark gefährdet gelten. Unter anderem die Nelken-Haferschmiele oder auch Silbergras.

Allerdings sind diese Arten nicht bundesweit gefährdet, und die Pläne des Bundesamts sehen auch Ausgleichsmaßnahmen vor – etwa Neuanpflanzungen oder auch ein Ersatzgewässer für den sogenannten Posttrog. Dabei handelt es sich um einen Tümpel, in dem neben alten Plastikbechern auch Erdkröten und Teichfrösche schwimmen sollen, die in Hamburg ebenfalls gefährdet sind.

Oberbaudirektor rechnet nicht mit Auswirkungen

Wie weit nun diese Ergebnisse das Projekt verzögern oder gar gefährden können, ist offen. Eine Gerichtsentscheidung steht noch aus, und das Eisenbahn-Bundesamt wollte wegen des laufenden Verfahrens keine Stellungnahme abgeben. Hamburgs Oberbaudirektor Franz-Josef Höing rechnet unterdessen nicht mit einer Auswirkung auf den Zeitplan. „Wir planen so weiter“, sagte er dem Abendblatt.

Und auch die Naturschutzorganisation Nabu geht derzeit davon aus, dass „das rechtlich so durchgehen wird“, wie eine Sprecherin sagte. Allerdings bemängele der Nabu, dass Ausgleichs­flächen wie in Rissen sich zu weit weg befänden. „Wir behalten das im Auge“, so die Sprecherin. Die Umweltbehörde sieht unterdessen keine Probleme bei dem Projekt. Schon im Verfahren zur Planfeststellung habe die Behörde eine Stellungnahme abgegeben, sagte Behördensprecher Jan Dube. „Eine spezielle Problematik zu Gräsern ist dort nicht aufgetaucht.“

Geplant ist bisher, dass der neue Fernbahnhof zum Jahreswechsel 2023/ 2024 in Betrieb gehen wird. Der weitaus mehr genutzte S-Bahn-Bereich verbleibt aber im bisherigen Altonaer Gebäude, das damit weiter ein Nahverkehrs­knotenpunkt bleibt. Die Bahn verspricht durch die Verlagerung eine Entlastung des Hauptbahnhofs, die Stadt will indes auf dem Gelände der bisherigen Gleisanlagen zwischen Diebsteich und Altona den zweiten Abschnitt der Neuen Mitte Altona mit rund 1900 Wohnungen bauen und hat das Gelände bereits für 38 Millionen Euro von der Bahn gekauft.

Kein „Hundehütten-Komplex“ in Diebsteich

Gekauft hat Hamburg aber auch ein Areal, wo einmal das neue Empfangs­gebäude für den Fernbahnhof stehen soll. Ursprünglich wollte die Bahn dort nur einen relativ schlichten Bau realiseren, den Höing-Vorgänger Jörn Walter als „Hundehütten-Komplex“ bezeichnet hatte. Kürzlich hat die Stadt nun dieses Gelände an ein Investoren-Konsortium weiterverkauft: Mit der Maßgabe, dort zwei Hochhäuser und das eigentliche Bahnhofsgebäude mit Hotel, Büros und Einzelhandelsflächen zu bauen. Das Ensemble solle den Auftakt bilden und Maßstäbe setzen, wie das gesamte Umfeld des Bahnhofs einmal aussehen könnte.

13 Architekturbüros waren dazu zu einem Wettbewerb eingeladen worden, am Dienstag wollte eine Jury um Oberbaudirektor Höing nun eine Entscheidung fällen. Am ges­trigen Mittwoch überraschte der Oberbaudirektor allerdings mit der Ankündigung, dass eine finale Entscheidung um ein paar Wochen bis zu den Sommerferien vertagt worden sei. „Wir wollen uns für einen solchen markanten Ort Zeit lassen“, sagte er. Der Zeitplan zur Ver­legung sei dadurch aber nicht gefährdet, so Höing.

Drei Entwürfe in der engeren Auswahl

In die engere Auswahl nahm die Jury nun drei verschiedene Entwürfe, deren Verfasser noch einige Details nacharbeiten sollen. Zum einen ein Entwurf des Hamburger Büros gmp, das auch die S- und U-Bahn-Station Elbbrücken geplant hat. Der gmp-Entwurf ist laut Höing „sehr raumgreifend“ und lässt deshalb nur einen vergleichsweise kleinen Vorplatz zu.

Die beiden bis zu 20 Stockwerke hohen Hochhäuser und das Empfangsgebäude haben eine einheitliche Gelbklinker-Fassade als prägendes Element. Ein zweiter ausgewählter Entwurf des Büros Baumschlager Eberle Architekten sieht „feingliedrige Formen“ und unterschiedliche Gebäude vor, wie der Oberbaudirektor sagte. Eher organisch wirkt der dritte Entwurf des dänischen Büros C.F. Möller. Besonderheit ist dort ein riesiges, begehbares Grasdach.