Verlegung nach Diebsteich?

Entscheidung zu Bahnhof Altona fällt frühestens im April

Die Bahn spielt bei der Frage um die Zukunft des Fernbahnhofs auf Zeit. Denn die Bahnhofsverlegung nach Diebsteich ist längst nicht gesichert. Dennoch geht es mit dem ersten Bauabschnitt der Neuen Mitte Altona voran.

Hamburg. Während ein Intercity scheppernd über das nahe Gleisviadukt ruckelt, macht André Poitiers ein paar große Schritte nach links, dann schreitet er über den aufgewühlten, hellen Sand nach rechts. „Hier“, sagt er, „hier kommt die Schule hin.“ Noch fällt einem schwer, sich das vorzustellen. Noch sieht man dort auf dem ehemaligen Güterbahngelände in Altona alte Backsteinhallen mit zerbrochenen Scheiben, den markanten Wasserturm, Büsche und viel, viel Sand, der bei der systematischen Suche nach Altlasten aufgebuddelt wurde.

2010 hatte der Hamburger Architekt und Stadtplaner mit seinen Mitarbeitern den Masterplan für den Bau der Neuen Mitte abgeliefert: Gut 4000 Wohnungen in zwei Bauabschnitten sollen hier mitten in der Stadt einmal gebaut werden. Vier Jahre später ist der erste Abschnitt mit rund 1600 Wohnungen zwar jetzt auf der Zielgeraden – doch noch immer ist die Realisierung des zweiten Abschnitts hinter dem lauten Gleisviadukt fraglich. Weil sich die Bahn AG mehr Zeit mit ihren Entscheidungen lässt, als Hamburgs Stadtplaner einmal gedacht hatten. Denn Anlass der Planung für das riesige Neubaugebiet waren Überlegungen der Bahn, die Fernbahngleise und Anlagen des Kopfbahnhofs Altona an die S-Bahn-Station Diebsteich zu verlegen. Bei der Auslobung des Masterplan-Wettbewerbs hatte sich die Bahn noch beteiligt, dann wurde es plötzlich ruhig um die Verlegungspläne.

Zuletzt hatte der Konzern angekündigt, dass man erst ein umfangreiches Gutachten abwarten wolle, das die Kosten der Verlegung ermitteln soll. Gut 13 Million Euro sollen angeblich in diese Expertise geflossen sein. Untersucht wurden die Variante Verlegung sowie die Variante Sanierung. Zum Jahreswechsel 2013 auf 2014 werde es dann eine Entscheidung geben, verlautete aus dem staatlichen Eisenbahnunternehmen im vergangenen Jahr. Doch diese Entscheidung verzögert sich erneut – obwohl das teure Gutachten offensichtlich vorliegt. So kündigte die neue Konzernbevollmächtigte der Bahn für Hamburg und Schleswig-Holstein, Manuela Herbort, an, dass man die Zahlen der beiden „gleichberechtigten“ Varianten noch eingehender untersuchen müsse. Mit einem Abschluss dieser „vertiefenden Wirtschaftlichkeitsuntersuchung“ sei nun erst im zweiten Quartal des Jahres zu rechnen, so die Bahnmanagerin.

Genaue Zahlen gibt das Unternehmen aus den offensichtlich vorliegenden Untersuchungen zwar nicht heraus, einige sickerten aber doch durch, werden aber nicht bestätigt: So soll die Verlegung des Fernbahnhofs rund 300 Millionen Euro kosten, hieß es in Bahnkreisen. Allein die umweltgerechte Bereitstellung des Geländes, wo früher Eisenbahnen gewartet wurden, könnte mit rund 25 Millionen Euro zu Buche schlagen. Tief ist dort der Boden mit alten Ölen und Fetten belastet. Aber auch der Ersatz des maroden Viadukts dürfte viel Geld kosten. Zwar muss ein Ersatzbauwerk nicht mehr als Brücke konstruiert werden, weil dort kein Güterzug mehr unter durch rollen muss. Doch ein Neubau ist offensichtlich unumgänglich.

Schon wird bei Planern spekuliert, ob das ständige Verzögern der Bahn den Hintersinn haben könnte, eine Kostenbeteiligung der Hansestadt herauszuhandeln. Immerhin 36.000 Quadratmeter freie Fläche für den dringend benötigten Wohnungsbau in Hamburg würde eine Bahnhofsverlegung bringen. „Ich kann die Bahn aber nur davor warnen, aus spekulativem Gründen die Entwicklung zu verzögern“, empört sich dann auch der Vizefraktionschef der Altonaer SPD-Bezirksfraktion, Mark Classen. Es sei nicht nachvollziehbar, warum die Bahn, die einst selbst den Anlass für die Planungen gegeben habe, nun nicht zu einer Entscheidung komme.

Auch der stadtentwicklungspolitische Sprecher der Grünen-Fraktion in Altona, Christian Trede, zeigt sich verärgert: „Es kann nicht angehen, dass wir von der Bahn AG hier an der langen Leine gehalten werden, obwohl das Gutachten längst auf dem Tisch liegt.“

Nach langer Verhandlung hat sich die Stadt unterdessen kürzlich auf einen städtebaulichen Vertrag mit den drei Investorengruppen für den ersten Abschnitt östlich des maroden Gleisviadukts geeinigt. Um Kostenbeteiligung für Straßen ging es dabei, um die Zahl der Sozialwohnungen, um Stellplatzvorgaben und vieles mehr. Parallel haben die Behörden einen Bebauungsplan aufgestellt, der regelt, wo exakt die Gebäude stehen und wie groß und hoch sie werden. Bis Freitag dieser Woche liegen Plan und Vertrag noch öffentlich aus und sind im Internet (www.mitte-altona.de) zugänglich, um Bürgern Gelegenheit für Stellungnahmen zu geben.

Anschließend, so sagt Architekt Poitiers, wird es dann mit den Architekten-Wettbewerben losgehen. Zehn große Wohnblöcke mit jeweils etwa 160 Wohnungen sind im ersten Abschnitt geplant. Ziel sei, dort das eher kleinteilige Ottensen mit den größeren Gebäuden aus den 30er-Jahren in Altona-Nord zusammenzufügen. Poitiers wählte dazu die Form der Wohnblöcke. „Ein Häuserblock ist eine Stadt im Kleinen“, sagt er.

Drei bis vier Architekten sollen jetzt pro Block die Entwürfe liefern, um ein lebendiges Bild zu erhalten, wie Poitiers sagt, der die Stadt auch nach Abgabe seines Masterplan weiter bei der Entwicklung der Neuen Mitte berät. In drei Jahren, so schätzt er, könnte der erste Abschnitt dieses nach der HafenCity zweitgrößten Neubauprojekts Hamburg fertig sein. Gut möglich, dass dann immer noch Züge auf dem Viadukt vorbeirollen.