100 Jahre Helmut Schmidt

Helmut Schmidt – ein großer Denker in Zitaten

Der Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion und frühere Hamburger Innensenator, Helmut Schmidt, am 11. September 1969 als Wahlredner für die bevorstehende Bundestagswahl in einer Hochburg bayerischer Geselligkeit, dem großen Festsaal von Heide Volm in Planegg vor den Toren Münchens.

Der Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion und frühere Hamburger Innensenator, Helmut Schmidt, am 11. September 1969 als Wahlredner für die bevorstehende Bundestagswahl in einer Hochburg bayerischer Geselligkeit, dem großen Festsaal von Heide Volm in Planegg vor den Toren Münchens.

Foto: dpa Picture-Alliance / / picture-alliance / dpa

Was der Altkanzler zu Hamburg, zur SPD, Demokratie und multikulturellen Gesellschaft dachte – und was seine Aussagen heute bedeuten.

Für viele Deutsche wird Altkanzler Helmut Schmidt immer Welterklärer und Geschichte-Erzähler zugleich bleiben. Geboren wurde der Barmbeker Jung, als der Erste Weltkrieg wenige Tage vorbei war. Er heiratete 1942, als der Zweite Weltkrieg tobte. Er wurde 1961 Polizeisenator im Wirtschaftswunderland, später Finanzminister (1972–1974) in der Ölkrise und erlebte als Kanzler den Deutschen Herbst 1977. 1982 scheiterte er im Konflikt um die Nachrüstung. Als Publizist begleitete er die Wiedervereinigung 1990, die Terroranschläge vom 11. September 2001, die Eurokrise. Welcher Deutsche hatte den Deutschen so viel zu sagen? Und wer durfte es – abseits aller Diskursbehinderungen einer politischen Korrektheit – auch frank und frei tun? Sein Alter, seine Lebenserfahrung, seine Selbstgewissheit und nicht zuletzt seine schreiberische Begabung verliehen ihm die Freiheit. Auch drei Jahre nach seinem Tod lohnt es, über Sätze und Gedanken des Sozialdemokraten zu diskutieren.

Schmidt über Tugend

Die sogenannten Kardinaltugenden – Klugheit (heute würde ich stattdessen Vernunft sagen), Tapferkeit, Mäßigung, Gerechtigkeit – stammen von Aristoteles, und der lebte vor 2300 und mehr Jahren.
Interview mit der „Zeit“ vom 22. April 2004

Wer Helmut Schmidt verstehen will, sollte mit den Tugenden beginnen. Sein ganzes Leben und Wirken ist nicht zu verstehen ohne die Wertmaßstäbe, die den Hamburger prägten. Schmidt ist ein Kind seiner Zeit, seine Schullaufbahn an der reformpädagogischen Lichtwark-Schule hinterließ ebenso ihre Spuren wie die Jahre als Soldat im Zweiten Weltkrieg. Er nahm sich selbst weniger wichtig, Selbstverwirklichung war ihm fremd. Er verstand sich als „leitender Angestellter der Bundesrepublik“. Disziplin, Pflichterfüllung waren ihm wichtig. Umso brutaler traf ihn 1982 der Satz des damaligen SPD-Hoffnungsträgers Oskar Lafontaine, der höhnte, mit den von Schmidt gelobten Sekundärtugenden „Pflichtgefühl, Berechenbarkeit, Machbarkeit“ könne man „auch ein KZ betreiben“. Eine solche Beleidigung, schrieb Schmidt daraufhin an seinen Parteifreund, habe er in über 36 Jahren der Zugehörigkeit zur SPD „bisher weder innerhalb der Partei noch von einem politischen Gegner erlebt“. Das Verhältnis der beiden blieb für immer zerrüttet. Ihr Streit wirft ein erstes Licht auf das Zerwürfnis in der SPD zwischen den Generationen und den Lagern. Hier deutete sich die spätere Spaltung der Partei schlaglichtartig an. Die Linken und Rechten in der Partei haben sich nur noch wenig zu sagen – wenn man ehrlich ist schon seit Jahrzehnten.

Über Krieg

„Wir kamen aus dem Kriege, wir haben viel Elend und Scheiße erlebt im Kriege, und wir waren alle entschlossen, einen Beitrag dazu zu leisten, dass all diese grauenhaften Dinge sich niemals wiederholen sollten in Deutschland. Das war die eigentliche Antriebskraft.“
Interview in der „Welt“ vom 20.12.2008

Nie wieder Krieg! Helmut Schmidt war der letzte Bundeskanzler, der als Frontkämpfer in die Völkerschlachten, das Menschenschlachten eingezogen wurde. Diese Erfahrungen haben ihn politisch wie persönlich geprägt. Daraus leitete er eine besondere Befähigung und Stärke für den politischen Alltag ab. Mehr aber noch zog er daraus die Verpflichtung zum Frieden: Zeit seines Lebens warb er für die europäische Einigung – wie sein Nachfolger Helmut Kohl, ein weißer Jahrgang. Es ist eine bittere Ironie der Geschichte, dass Europa – dieses großartige Friedensprojekt – immer weniger wertgeschätzt wird, je länger der Friede währt. Anders als Schmidt halten viele europäischen Politiker Frieden längst für eine Selbstverständlichkeit. Nur: Ist er das wirklich?

Schmidt über Bildung

„In mir erwachte (nach Kriegsende) ein riesenhafter Bildungshunger. Es dürstete mich nach positiven Vorstellungen von Staat, Gesellschaft und Wirtschaft; was musste man nicht alles nachholen! Ich war jetzt fast 27 Jahre alt und hatte noch keinerlei Berufsbildung“
Aus dem Buch: Kindheit und Jugend unter Hitler (München 1998); S. 260

Helmut Schmidt war kein Arbeiterkind, sondern eher der Sohn eines Bildungsbürgers. Es gab Zeiten, da war Bildung mehr als ein Talkshowthema, sie war eine Verheißung. Arbeiterbildungsvereine im 19. Jahrhundert bildeten eine Keimzelle für den Aufstieg der Sozialdemokratie. Und es ist ein bleibendes Verdienst der SPD, in den 70er-Jahren Gymnasien und Hochschulen für alle sozialen Schichten geöffnet zu haben. „Aufstieg durch Bildung“ lautete das Motto, das sich wie ein roter Faden durch Politik und Politikerkarrieren zog. Was ist davon geblieben?

Über Hamburg

Es bleibt Hamburg, diese großartige Synthese einer Stadt aus Atlantic und Alster, aus Buddenbrooks und Bebel, aus Leben und Lebenlassen. Ich liebe diese Stadt mit ihren kaum verhüllten Anglizismen in Form und Gebärden, mit ihrem zeremoniellen Traditionsstolz, ihrem kaufmännischen Pragmatismus und ihrer zugleich liebenswerten Provinzialität.

Aber ich liebe sie mit Wehmut, denn sie schläft, meine Schöne, sie träumt; sie ist eitel mit ihren Tugenden, ohne sie recht zu nutzen; sie genießt den heutigen Tag und scheint den morgigen für selbstverständlich zu halten – sie sonnt sich ein wenig zu selbstgefällig und lässt den lieben Gott einen guten Mann sein.

‚Hamburg – das ist unser Wille zu sein‘, so schrieb ein Sohn dieser Stadt. Aber ist Hamburg wirklich der Wille zu sein? – Die Hanseaten scheinen müde geworden. Albert Ballin, Sloman, Laeisz: Wer sind ihre Nachfolger?

Zwar ist immer noch ganz Hamburg stolz auf seine Schiffe; die aus Eimsbüttel genauso wie die von der Elbchaussee, Sozialdemokraten und Konservative gleichermaßen.

Aber in Wahrheit neigt sich die große Zeit des Primats von Hafen und Überseehandel ...

Es ist nicht getan mit Gründgens und Strawinsky, mit den neuen Schulen, Jugendheimen, den neuen Häusern für die Universität und mit der internationalen Gartenbauausstellung. Es ist nicht getan mit dem weit getriebenen Versuch zum Grünflächenidyll in jedem Stadtteil, mit neuen U-Bahn-Strecken, mit Stadtautobahn und neuer City am Stadtpark.

Zwar ist dies alles gut, es ist sogar auch viel. Aber es ist weniger, als zu ihrer Zeit Lichtwark und Höger und Schumacher bewirkt haben. Es ist weniger als das großartige Vorbild der hamburgischen Schule in den ersten Jahrzehnten dieses Jahrhunderts. Es mag genug sein für die Stadt Hamburg – es ist zu wenig für das Land, zu dem wir alle gehören.

Der ganze Artikel erschien am 28. Juli 1962 in der „Welt“ mit drei Sternen in der Autorenzeile. 1965 enthüllte Schmidt, der Verfasser zu sein.

Der Text von der „schlafenden Schönen“ hat es zum Evergreen gebracht, immer wieder zitiert, kommentiert, nachgedruckt. Verändert hat er wenig. Helmut Schmidt, damals Vorsitzender des Bezirks Nord, galt als Reformer und wollte mit dem „Brief an Hamburger Freunde“ seine Vaterstadt auf neue Wege zwingen. Hamburg als Modell für das Land – zumindest Olaf Scholz hat in seinen Regierungsjahren daran gearbeitet. Viele Punkte von Schmidt – etwa die Hinwendung zu einer Stadt der Wissenschaft und zu mehr Ehrgeiz im Wettstreit der Metropolen – sind bis heute aktuell, andere, wie der Vorschlag eines Nordstaats, bleiben auch mehr als fünf Jahrzehnte später noch Utopie. Und mit 56 Jahren Abstand stellt sich die Frage, ob Selbstgefälligkeit und Eitelkeit vielleicht ein Teil der Hamburger DNA sind.

Über Parteiarbeit

In den Fünfziger- und frühen Sechzigerjahren war ich acht Jahre lang Vorsitzender eines großstädtischen Kreisverbandes der SPD. Mein Kreisverband Hamburg-Nord hatte 10.000 Mitglieder, so viel hat die ganze hamburgische SPD heute ungefähr. Warum waren wir damals so attraktiv? Erstens: Es gab noch kein Fernsehen. Diese Abendunterhaltung für jedermann gab es nicht, sondern die Leute gingen in die Kneipe und spielten Skat – die Männer. Aber wichtig war, zweitens, dass wir thematisch weit über die Parteipolitik der SPD hinausgriffen. Der Kreis Nord machte öffentliche Veranstaltungen im Winterhuder Fährhaus – das ist inzwischen abgerissen und durch einen Theaterbau ersetzt worden – mit Rednern von anderen Parteien oder mit Rednern aus der katholischen Kirche oder mit Rednern aus der evangelischen Kirche.
Zug um Zug, Hamburg 2011, Seite 90f

Vielleicht sollten sich die Parteien besinnen und zu den Erfolgsstrategien des vergangenen Jahrhunderts zurückkehren. Zwar laden die Parteien noch immer zu Debatten, stets aber nach dem Motto „vier Stühle, eine Meinung“. Das Kon­troverse, das Schärfen der eigenen Meinung an der des Andersdenkenden kommt zu kurz. Dementsprechend erwartbar und langweilig wirkt oftmals die Parteiarbeit vor Ort.

Über die Wiedervereinigung

Und als die Parteiführung im folgenden Jahr 1990 während des ersten gesamtdeutschen Wahlkampfes seit dem Ende der Weimarer Republik den irreführenden Eindruck zuließ, als ob der SPD-Führung die Vereinigung nicht sonderlich am Herzen läge, war ich nur noch traurig.
Aus: Helmut Schmidt: Weggefährten (München 1996), S.521

Die Wiedervereinigung verfolgte Helmut Schmidt als Publizist der „Zeit“ – schon damals mit Sympathie für Helmut Kohl, seinen Nachfolger als Kanzler, und mit deutlicher Distanz zu „Parteifreund“ und SPD-Kanzlerkandidat Oskar Lafontaine. Im Gespräch mit dem Abendblatt sagte er 20 Jahre nach dem Mauerfall, jeder halbwegs ernst zu nehmende deutsche Politiker hätte es gerne gesehen, wenn unter seiner Führung der Prozess der Wiedervereinigung vonstatten gegangen wäre. „Die bis dahin im Amt gewesenen Kanzler – Adenauer, Erhard, Kiesinger, Brandt, Schmidt – hätten sich ähnlich verhalten wie Kohl. Da bin ich ziemlich sicher“, sagte Schmidt. „Ob sie alle mit derselben Zähigkeit agiert hätten, ist eine andere Frage.“ Für die SPD endeten die ersten freien Volkskammerwahlen am 20. Februar 1990 in einem Desaster: Die favorisierte Partei erlitt mit einem Anteil von 21,9 Prozent ein Debakel, die alte Blockpartei CDU obsiegte mit 40,8 Prozent. Von diesem Schock hat sich die Sozialdemokratie im Osten bis heute kaum erholt.

Über die Nation

Es gibt wenige, die glauben, ohne Verankerung in einer Nation leben zu können. Meist sind dies Intellektuelle, aber nicht nur. Die Masse der Menschen braucht die Geborgenheit, ihrer Nation zugehörig zu sein.Auf allen möglichen Feldern bildeten sich viele Deutsche ein, besser zu sein als ihre Nachbarn. Dieses Bewusstsein ist Gott sei Dank verschwunden.
Interview mit der „Zeit“ vom 22.4.2004

Helmut Schmidt verstand sich stets als Deutscher – das wurde nicht nur in seiner Politik, sondern beispielsweise auch in der Gründung der Nationalstiftung deutlich. Die Entwicklungen in den vergangenen Jahren zeigen, dass die Frage nach der Identität einen breiteren Raum in den Nationen einnimmt als lange geglaubt. Die weit verbreitete Flucht der Deutschen in eine europäische Identität könnte ein deutscher Sonderweg sein - denn Briten, das zeigte zuletzt der Brexit, verstehen sich zuerst als Briten, Franzosen als Franzosen und Italiener als Italiener.

Über die Nachrüstung

Der damalige Nato-Doppelbeschluss hat eine Massenhysterie ausgelöst. Ich habe sie vorausgesehen, habe sie aber unterschätzt. Es war völlig verrückt. Der Alternative ,Lieber rot als tot‘ haben Hunderttausende angehangen damals, und sie hatten unrecht. Die hatten alle Angst vor dem Tod. Ich habe nie Angst gehabt, auch nicht vor dem Tod.
2013 im Gespräch mit Siegfried Lenz

Der Nato-Doppelbeschluss bewegte und spaltete die Republik Anfang der 80er- Jahre. Helmut Schmidt war einer der Väter des Abkommens, das als Fernziel die atomare Abrüstung der Mittelstreckenraketen vorsah, auf dem Weg dahin aber das atomare Wettrüsten forcierte: Sollten die Russen nicht ihre SS-20 abbauen, werde die Nato mit Pershing II und Marschflugkörpern nachrüsten. Die Angst vor dem Atomkrieg trieb Hunderttausende auf die Straße, die Friedensbewegung wurde stark wie nie – auch in der SPD. Der Kölner Parteitag im November 1983 wurde zum Waterloo für Schmidt: Rund 400 Delegierten stimmten gegen den Nato-Doppelbeschluss, nur ein paar dafür. Es ist eine Ironie des Schicksals, dass dann die Regierung unter Kohl Schmidts Politik fortgesetzt hat.

Zugleich zeigt sich hier, wie wenig Schmidt in der Lage oder willens war, den Wertewandel mitzugehen. Er hielt an der Atomkraft fest. „Natürlich hat Kernkraft ihre Risiken. Es gibt aber keine Energie und nichts auf der Welt ohne Risiken, nicht einmal die Liebe“, sagte er 2008. Die Sorge um die Umwelt blieb ihm lange fremd. Völlig unverständlich war ihm, dem nüchternen Pragmatiker, das wachsende emotionale Element in der Politik. Seine Haltung dürfte mit dazu beigetragen haben, dass die Grünen zu einer parlamentarischen Kraft wurden. Jürgen Trittin schrieb zum Tod des Altkanzlers: „So wurde Helmut Schmidt mit seiner Politik unfreiwillig zu einem der Väter der grünen Partei, die aus der Anti-AKW- und der Friedensbewegung hervorging.“

Über Sarrazin

Irgendwann in den Neunzigerjahren fiel mir der Berliner Finanzsenator Sarrazin auf, der als Einziger dafür sorgte, dass die Berliner Verwaltung wenigstens schrittweise ein wenig rationaler wurde, als sie bis dahin war. Ich fand den Mann interessant und habe ihn eingeladen ... Übrigens, bei dieser Gelegenheit muss man das Lob für den Berliner Finanzsenator Sarrazin mal dick unterstreichen. Der hat seine Sache anständig gemacht, soweit ich das gesehen habe.
Zug um Zug, Hamburg 2011, Seite 81

In dem gemeinsamen Buch mit Peer Steinbrück schwärmt Schmidt geradezu von Thilo Sarrazin, dem er zu seinem Buch „Kritischer Rationalismus und Sozialdemokratie“ in den 70er-Jahren sogar ein Vorwort spendierte. Auffällig ist das Lob durch Auslassen: Über Sarrazins Bestseller „Deutschland schafft sich ab“ sprechen die beiden SPD-Politiker kaum. Viele hielten das Buch für rassistisch – deshalb lief schon ein zweites Parteiordnungsverfahren gegen Sarrazin; der damalige Parteichef Sigmar Ga­briel setzte sich sogar öffentlich für den Rauswurf ein. Deutlich weniger umstritten ist Sarrazins Zeit als Berliner Finanzsenator – zwar polarisierte er auch hier mit manchen Aussagen –, doch auch seine Gegner loben heute seinen mutigen Sparkurs.

Über Integration

Die SPD muss immer noch dafür sorgen, dass es den Arbeitern gut geht und dass sie eine anständige Rente kriegen, wenn sie alt sind. Aber heute stehen andere Fragen im Zentrum als die der Arbeiterbewegung. Etwa die Frage, ob wir es hinbekommen, die sieben Millionen Migranten in Deutschland zu integrieren. Es gibt keine politische Partei in Deutschland, die die Integration als zentrales Thema begriffen hat - auch nicht die SPD.“
Interview mit dem Hamburger Abendblatt am 14.11.2009

Daran hat sich bis heute wenig verändert. Integration bleibt ein Spielball der Radikalen: Die klassischen Volksparteien wagen sich an das Thema nur ungern heran, weil das Schlagwort von „Fordern und Fördern“ im politischen Diskurs oft missverstanden wird. So bestimmen die Parteien am Rand die Debatte – die einen fordern von den Deutschen, Mi­gration gefälligst anzunehmen, die anderen überfordern Zuwanderer mit unrealistischen Forderungen.

Über Multikulti

Wir haben heute in Deutschland einen so hohen Prozentsatz an zugewanderten Ausländern wie nie zuvor, insgesamt acht Millionen. Wenn es 18 Millionen wären, würde die Anpassung nicht mehr stattfinden. Manche der heute bei uns lebenden Ausländer wollen jedoch keine Deutschen werden. Ich habe zum Beispiel in Bezug auf manche islamische Gläubige, die nach Deutschland gekommen sind, um hier zu bleiben, meine Zweifel, ob ein Austausch mit der deutschen Kultur im Gange ist. Nein, der Ausdruck „Zweifel“ ist eine Untertreibung. Der Austausch findet kaum statt.
Interview in der „Zeit“ vom 22.2.2004

Mit einer demokratischen Gesellschaft ist das Konzept von Multikulti schwer vereinbar. Vielleicht auf ganz lange Sicht. Aber wenn man fragt, wo denn multikulturelle Gesellschaften bislang funktioniert haben, kommt man sehr schnell zum Ergebnis, dass sie nur dort friedlich funktionieren, wo es einen starken Obrigkeitsstaat gibt. Insofern war es ein Fehler, dass wir zu Beginn der 60er-Jahre Gastarbeiter aus fremden Kulturen ins Land geholt haben.
Interview im Abendblatt vom 24.11.2004

Schmidt war ein Migrationsskeptiker. Er hielt das Konzept von Multikulti für einen Traum von Intellektuellen, das in der Wirklichkeit viele Probleme schaffe. Deutschland habe sich übernommen und müsse Zuwanderung aus fremden Kulturkreisen unterbinden, sagte er 2005 dem „Focus“: „Die Zuwanderung von Menschen aus dem Osten Anatoliens oder aus Schwarzafrika löst das Problem nicht, sie schafft nur ein zusätzliches dickes Problem.“ Angesichts seiner zu Recht gerühmten Weitsicht überrascht die fast durchgehend negative Bewertung der Migration. Allerdings war diese Sichtweise bis ins neue Jahrtausend politischer Mainstream in Deutschland – was heute Empörung erregt, war noch vor einem Vierteljahrhundert normaler Diskurs.

Insgesamt hat die Republik von den Zuwanderern unter dem Strich trotz aller Probleme eher profitiert – ökonomisch wie kulturell. Die verdruckste Debatte aber schürt auf der einen Seite Ängste und auf der anderen Seite Illusionen. Skeptiker überhöhen die Gefahren, Migrationsfreunde die Chancen. Zu kurz kommt dabei die Steuerung – Deutschland muss nicht nur Verfolgte schützen, sondern darf sich auch Arbeitskräfte aussuchen. Ab 2015 hat hingegen jede Steuerung versagt. Der irrationale Überschwang erfasste übrigens auch Helmut Schmidt.

Über den Irak-Krieg

Ein Krieg gegen den Irak kann zwar die beiden Risiken der Unberechenbarkeit des Machthabers Saddam Hussein und der irakischen Verfügung über Massenvernichtungswaffen beseitigen. Der Krieg kann aber nicht den vielfältigen islamistischen Terrorismus auslöschen, dieser würde vermutlich im Gegenteil von einem amerikanisch-irakischen Krieg eher noch angestachelt werden.
Helmut Schmidt: Europa braucht keinen Vormund. „Zeit“, 32/2002

Diese Sätze von fast seherischer Qualität zeigen den weltpolitischen Ansatz des Langenhorners. Verhindern konnte Schmidt den unseligen Waffengang so wenig wie der damals regierende Kanzler Gerhard Schröder. Die Folgen für den Nahen und Mittleren Osten sind bis heute verheerend und wirken sich etwa in den Flüchtlingsströmen auch auf Deutschland aus.

Über Europa

Ich bin seit 1948 ein überzeugter Anhänger der europäischen Integration gewesen und immer geblieben, nicht aus idealistischen Motiven, sondern überwiegend aus deutschen, national-egoistischen Motiven. Ich habe immer gewusst: Unsere deutsche Nation, im Zentrum Europas liegend, mit mehr Nachbarn als alle anderen Europäer, mit fast allen im Krieg gelegen, wir stehen vor der Wahl, entweder das fortzusetzen, was wir in den letzten eintausend Jahren gemacht haben - nämlich in die Peripherie vorzustoßen, wenn wir stark waren, und wenn wir schwach waren, von den anderen zurückgestoßen zu werden –, oder uns in eine europäische Gemeinschaft einzubinden.
Zug um Zug, Hamburg 2011, Seite 57

Gern rechnete Helmut Schmidt auf Podien und in Büchern vor, wie sich der Anteil der Deutschen an der Weltbevölkerung und dem Wohlstand immer weiter reduzieren würde und damit sein Einfluss schwände. Stets lautete seine Botschaft, dass das nationale Klein-Klein in einer sich rasant wandelnden Welt zum Scheitern verurteilt ist. Die Deutschen würden nur als Teil eines starken Europas Gehör finden. Gerade aus der Historie heraus suchte er den Schulterschluss mit Frankreich, um die Schützengräben zu überwinden, in denen er als junger Soldat noch zu kämpfen gezwungen war.

Über die Wirtschaft

Es ist eine große Gefahr, dass die Regierungen und die Parlamente in dieser prekären Lage in die Versuchung kommen, ihre eigene Industrie zu unterstützen. Ich stelle mit Sorge fest, dass alle zum Protektionismus tendieren. Das kann zu weltweiten Wirtschaftskämpfen zwischen Staaten oder Staatengruppen führen.
Abendblatt-Interview vom 14.11.2009

Es ist bald zehn Jahre her, dass Helmut Schmidt vor wachsendem Protektionismus und Wirtschaftskriegen warnte – weit vor Donald Trump und dem Brexit. Ging es vor wenigen Monaten noch um das Freihandelsabkommen TTIP mit den USA, sind heute gegenseitige Zölle und Zwangsmaßnahmen im Gespräch. Im Wirtschaftsstreit mit China ist die USA noch weiter. Schmidts Warnung haben alle in den Wind geschlagen. Der mitunter halb spöttisch, halb anerkennend als Weltökonom titulierte Schmidt brachte die größte wirtschaftspolitische Expertise aller Kanzler ins Amt mit. Der Diplom-Volkswirt musste sich in einer krisenhaften Zeit bewähren, der Ölschock hatte 1973 eine Weltwirtschaftskrise ausgelöst. Schmidt steuerte mit massiven Ausgabensteigerungen gegen, sodass sich die Konjunktur bald wieder fing. Zugleich aber vervierfachte sich die Staatsverschuldung bis 1982 auf rund 40 Milliarden Mark. Es war auch die ökonomische Bilanz, die Schmidt sein Amt kostete.

Über Menschenrechte

Das Prinzip der Menschenrechte kommt in der ganzen christlichen Theologie überhaupt nicht vor bis ins 20. Jahrhundert. Es ist ein Instrument geworden, eine Badehose, die verbirgt, was verborgen werden soll, nämlich den Expansionsdrang der westlichen Macht.
Zug um Zug, Hamburg 2011, Seite 39

Schmidt ist ein Kind des 20. Jahrhunderts, vom Krieg geprägt und deshalb extrem vorsichtig und skeptisch gegenüber imperialer Einflussnahme. Das Prinzip der Nichteinmischung, das bis in die 90er-Jahre in der deutschen Außenpolitik galt, hielt er immer für richtig. Anders als die rot-grüne Regierung nannte er den Balkan-Einsatz der Bundeswehr einen Fehler und die Intervention einen „Bruch des Völkerrechts“. Er plädierte stets für die Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten anderer Staaten. Diese Radikalität wirkt in der heutigen politischen Weltlage und den Bündniszusammenhängen fast schon weltfremd – aber ein Punkt der Kritik trifft. Geht es bei Interventionen wirklich um die hehren Werte der Aufklärung und die Menschenrechte – oder doch um politische und wirtschaftliche Interessen? Und haben die vielen Einsätze - im Irak, in Libyen, in Afghanistan – die Welt wirklich sicherer gemacht?

Über China

Was den angeblich drohenden Nationalismus der Chinesen angeht, würde ich mich konzen­trieren auf das deutsche Interesse. Vom deutschen Standpunkt aus muss uns das alles gar nicht beunruhigen. Vom amerikanischen Standpunkt aus ist die Entwicklung in China geeignet, die Leute zu beunruhigen. Aber es muss weder die Deutschen beunruhigen noch die Franzosen, noch die Polen.
Zug um Zug, Hamburg 2011, Seite 36

Helmut Schmidt war immer ein China-Versteher – sein Urteil über das Reich der Mitte war milde, er verteidigte die Einparteienherrschaft „im Lichte der chinesischen Geschichte als zweckmäßig“ und warnte stets vor westlicher Überheblichkeit, auch in Menschenrechtsfragen. Der von ihm vorausgesehene unaufhaltsame Aufstieg aber verschärft den Wettbewerb zwischen Europa, den USA und China. In den Vereinigten Staaten ist bereits von einem Kalten Krieg die Rede, den US-Präsident Donald Trump noch anheizt. Auch in der Bundesrepublik sieht man die wachsende Konkurrenz und die imperialistische Strategie der „Neuen Seidenstraße“ kritisch. China ist längst keine verlängerte Werkbank mehr, sondern Wettbewerber auf Augenhöhe. Deshalb setzt die Bundesregierung zunehmend auf Protektionismus und den Schutz des eigenen geistigen Eigentums. Die große China-Begeisterung schlägt um in eine Sino-Phobie. In dieser schwierigen Gemengelage wären ein paar China-Versteher in Deutschland wie Schmidt vielleicht hilfreich.

Über Theater

Lange Zeit hat es in Hamburg überhaupt keine finanzielle Förderung durch den Staat gegeben. Oper oder Schauspielhaus etwa wurden durch Mäzene und auf private Initiative hin gegründet. Ich warne vor einer Selbstbedienungsmentalität im Kulturbereich. Das ewige Verlangen nach dem Staat ist ein Verlangen nach dem Steuerzahler. Ich halte es für fragwürdig, Experimentaltheater vor leeren Rängen mit Steuergeldern zu subventionieren.
Helmut Schmidt bei der Hamburger Runde am 26.9.2003

Das waren andere Zeiten und andere Debatten: Als 2003 Deutschland als „kranker Mann“ Europas gefühlt der Pleite entgegenwankte, gab es keine Tabus. In einer Debatte im Hotel Le Royal Méridien an der Alster zeigte Schmidt klare Kante: Der begabte Pianist und große Theaterfreund schlüpfte in die Rolle des Advocatus Diaboli – mit Thesen, die man lange nicht mehr gehört hat. Die man aber trotzdem diskutieren kann. Schmidt war kein Populist, sondern ein Freund der Kultur. Die Uraufführung von Borcherts „Draußen vor der Tür“ etwa hatte Loki und ihn tief beeindruckt, wie die beiden immer wieder erzählten. Schmidt verband eine lange Freundschaft mit der Theaterprinzipalin Ida Ehre und war bis ins hohe Alter ein begeisterter Theatergänger. Die großen Debatten über Experimental- oder Regietheater sind inzwischen verstummt – aber warum: Sind beide heute längst akzeptiert? Oder interessieren sich in Wahrheit immer weniger Menschen für das Theater?

Über das Regieren

In einer Zeit weltweit wachsender Probleme konzentrieren wir uns in Realismus und Nüchternheit auf das Wesentliche, auf das, was jetzt notwendig ist, und lassen anderes beiseite.
Schmidts Regierungserklärung vom 17.5.1974

Seine Nüchternheit wirkt heute fast aus der Zeit gefallen - in einer Mediendemokratie ist sie ungleich schwerer durchzuhalten. Viele verlangen nach Visionen, wünschen sich Wolkenkuckucksheime. Andererseits zeigt Bundeskanzlerin Angela Merkel, eine gebürtige Hamburgerin wie Schmidt, dass Nüchternheit im Amt in Deutschland noch immer gut ankommt.

Über Talkshows

Es kommt hinzu, dass die Medien sich angewöhnt haben, das Parlament für unwichtig zu halten - ihre ewigen Talkshows halten sie für wichtiger. Sie veranstalten eine nach der anderen, an jedem Wochentag außer Samstag, und was hier geredet wird, wird zur Quelle der politischen Information für die Öffentlichkeit. In Wirklichkeit ist es eine Quelle der Desinformation, weil jeder nur drei Minuten redet, dann kommt der andere und am meisten redet der Talkmeister. das läuft hinaus auf eine vollkommene Entpolitisierung des Publikums.
Zug um Zug, Hamburg 2011, Seite 92

Früher übertrug das öffentlich-rechtliche Fernsehen Bundestagsdebatten in voller Länge. Lang, lang ist’s her. Heute dominieren die Dampfplauderer: Politik verkommt zur Parole, argumentativer Streit zum komödiantischen Radau, Oberflächlichkeit ersetzt Tiefgang, Häppchen vertreiben Hintergründe. Statt der Themen dominieren die Köpfe. Und je radikaler, desto bester die Quote. Flüchtlingsintegration, Dieseldesaster, Schuldenkrise oder Energiewende verkümmern zur thematische Tapete, vor der sich Politiker allabendlich zusammenfinden. Kein Problem wird gelöst, es wird zerredet und in der nächsten Talkshow wiedergekäut. Und die politische Berichterstattung im Internet recycelt dann das Gesagte zur großen Talk-Kritik ...

Ein Schlusswort

Politiker und Journalisten teilen sich das traurige Schicksal, dass sie oft heute schon über Dinge reden, die sie erst morgen ganz verstehen.
Zitiert nach Meik Wojke: Helmut Schmidt, Seite 65