Kneipen

Woher haben Hamburgs Kneipen ihre Namen?

Ina Müller mit Liam Gallagher im Schellfischposten

Ina Müller mit Liam Gallagher im Schellfischposten

Foto: imago/Lars Berg

800 Schankbetriebe gibt es in der Stadt, oft firmieren sie unter originellen, zuweilen unter verstörenden Titeln. Einige Erklärungen.

Das Dorf

Hamburg. Früher wussten nur Eingeweihte, dass sich im Keller unter der Apotheke Zum Ritter St. Georg die inoffizielle Kantine vom Deutschen Schauspielhaus befand. Heute weist ein Schild auf das Restaurant Das Dorf hin, ein Fenster gibt den Blick frei auf einen gedeckten Tisch. Der feinen deutschen Küche mit Pfiff hat sich Betreiber Axel Strehlitz verschrieben, Rouladen und Pannfisch, Labskaus, Wiener Schnitzel und Frikadellen stehen auf der Karte. Das Gewölbe aus dem Jahr 1848 mit 15 Tischen in vier verschiedenen Räumen ist eng und gemütlich, viel Holz, an die 200 Bilder, Drucke und Zeichnungen an den Wänden, zwei alte Kachelöfen, Kerzen auf den Tischen. Und weil St. Georg ein Dorf ist und die Gerichte auch so schmecken, heißt das Restaurant eben Das Dorf.

Lange Reihe 39, täglich ab 18 Uhr,
Tel. 24 56 14, www.restaurant-dorf.de

Vümpf

Der Name des Vümpf, seit mehr als vier Jahrzehnten eine Institution, entsprang einer studentischen Laune. Drei Nachwuchsakademiker beschlossen 1977 die Gründung einer eigenen Kneipe in Hoheluft-Ost. Ziel war es, diese originell zu benennen. Die Zahl Fünf, meinten die Chefs am Zapfhahn, könne man vielfältig aussprechen. Daraus hat sich eine Menge entwickelt. Das urgemütliche Raucherlokal mit der dunklen Holzvertäfelung, der gediegenen Theke (mit Blumenstrauß!) und den zwei Dartscheiben im Nebenraum gehört zu einer in Hamburg fast ausgestorbenen Spezies klassischer, solider Schankwirtschaften. Vor „vümpf“ Jahren übernahm Jessica Kettner die Pinte. „Jessi“ entstammt dem Viertel. Ihre Eltern betrieben früher fast nebenan, am Lehmweg, die Eppendorfer Grillkate.

Vümpf, Eppendorfer Weg 276, 20251 Hamburg Tel. 84 89 28 73‬, Mo–Fr ab 17.00 Uhr,
Wochenende ab 18 Uhr (bei Fußball früher)
bis in die Puppen

Altes Mädchen

Hä? Altes Mädchen? Ab wann ist man das? Bevor man zur jungen Frau wird? Oder kurz danach? Fragen, die sich nach dem fünften Craft Bier stellen. Und davon, also vom Craft Bier, gibt es reichlich im Gastronomiebetrieb Altes Mädchen in der Schanze. Die Idee der beiden Freunde Oliver Nordmann und Patrick Rüther, aus dem Bier den Star zu machen, kommt offenbar an. Dabei halten in dieses moderne, fleischbeilagenlastige Brauhaus nicht nur die benachbarten Ratsherren-Leckereien Einzug, sondern die erlesensten Craft-Biere der Welt. Und der Name? Der unverwüstliche Freddy Quinn besang „Hamburg, altes Mädchen, ich mag dich wie du bist.“ Dem kann man sich nur anschließen.

Altes Mädchen, Lagerstraße 28b, Montag bis Sonnabend ab 12 Uhr, sonntags ab 10 Uhr,
Tel. 8000 777 50, de.altes-maedchen.com

Berliner Betrüger

Klingt zwielichtig, ist es aber nicht. Die Cafébar Berliner Betrüger ist zum Kaffee genauso geeignet wie für das Feierabendbier. Alles schön entspannt. Im Dunstkreis des Schulterblatts ist die Touristendichte nicht so hoch, und bei der Gründung hatten die Brüder Axel und Arne Röhrs nichts Tückisches im Sinn. Im Gegenteil, hin und wieder sind Kleinkunst und Lesungen zu Gast. Und der Legende nach bezieht sich der Name auf nichts anderes als einen Knobelbecher, den Berliner Betrüger, der in vielen Kneipen zur Grundausstattung für das Amüsement der Gäste gehört.

Berliner Betrüger, Juliusstr. 15, Tel. 40135735, Öffnungszeiten: Mo–Fr ab 11 Uhr, Sa/So ab 10, www.berlinerbetrueger.de

Frau Möller

Schräg gegenüber vom Café Gnosa eine weitere Konstante in der Langen Reihe: Frau Möller. Zwei Tage vor der Eröffnung vor 35 Jahren in dem ehemaligen Teppichladen war alles fertig, nur ein Name für die Kneipe fehlte. Die Belegschaft beschloss einstimmig, die Hündin des Besitzers zu würdigen. Und so kam das Lokal zu seinem Namen. Das Ambiente ist rustikal, das viele braune Holz hat schon ein bisschen Patina angesetzt. „Aber die Gäste wollen nichts Modernes“, sagt Betriebsleiter Mathias Kiesler. Zusammen mit 45 Mitarbeitern bewirtschaftet er gut 100 Plätze, serviert Brötchen, Bratkartoffeln, Schnitzel, Frikadellen und Bauernfrühstück – von früh am Vormittag bis tief in die Nacht.

Lange Reihe 96, Mo–Do 8–4 Uhr, Fr/Sa 8–6 Uhr (Küche bis 3 Uhr), So 8–4 Uhr (Küche bis 1 Uhr), Tel. 25 32 88 17, www.fraumoeller.com

Galopper des Jahres

Ein Dutzend Biere vom Fass sind außergewöhnlich, der Name „Galopper des Jahres“ ebenfalls. Als Wirt Gerrit mit der urigen Kneipe backbords der Roten Flora im Schanzenviertel im „Haus 73“ an den Start ging, wollte er daraus „das Toprennpferd unter den Bars“ im Stadtteil machen. Der Name des zünftig eingerichteten Lokals ergibt eigentlich keinen richtigen Sinn. Genau das ist beabsichtigt. Sportsfreund Gerrit erinnerte sich an die Wahlen zum Galopper des Jahres früher in der ARD-Sportschau. Und er freut sich heute wie ein kleines Kind, wenn Gäste und Passanten erstaunt gucken und nach der Bedeutung fragen. Darüber kommt man prima ins Gespräch – auch über alternative Braukultur, Zapfkunst und Craftbier.

Galopper des Jahres, Schulterblatt 73, 20357 Hamburg, Mo–Mi 17–1, Do 17–2, Frei & Sa
17 bis open end, So 17–0 Uhr, Tel. 430 939 75, www.dreiundsiebzig.de

Schellfischposten

Für Fans von Ina Müller ist die älteste Seemannskneipe von Altona längst kein Geheimtipp mehr. Für die ARD-Sendung „Inas Nacht“ verwandelt sich der Schellfischposten viermal im Jahr in ein TV-Studio. Wer die Kneipe am Fischmarkt besucht, fragt sich, wie man aus einem so kleinen Raum überhaupt Fernsehen senden kann. Und nein, es gibt keine Karten für die Show. Die Wirtin nervt ohnehin, wenn Ina-Müller-Fans durch ihre Kneipe latschen, um „nur mal zu gucken“. Wie alt die Kneipe ist, weiß niemand, mehr als 100 Jahre wird hier aber schon Bier ausgeschenkt. Eindeutig ist dagegen die Herkunft des Namens. Einst wurde der Fisch mit der sogenannten „Schellfischbahn“ vom Fischmarkt zum Altonaer Bahnhof transportiert. Die Haltestelle am Fischmarkt nannte sich ,Schellfischposten‘. Zu trinken gibt es reichlich, dazu kleine Snacks.

Carsten-Rehder-Str. 62, Telefon 38 34 22, Geschäftszeiten: Mo bis Sa: 12 bis 1 Uhr, So
8 bis 23 Uhr, www.schellfischposten.de

Krameramtsstuben

Das Restaurant am Fuße des Michels ist eine echte Hamburgensie – und so steckt auch in dem Namen ein Stück Hamburger Geschichte. 1676 ließ das wohlhabende Kramer-Amt, eine zunftartige Vereinigung von Kleinhändlern, also Krämern, am Krayenkamp auf dem von ihm erworbenen Gelände zwei Reihen mit gleichgeschnittenen Wohnungen für 20 Witwen von verstorbenen Mitgliedern erbauen. Eine der Wohnungen kann heute noch besichtigt werden. Im Zunfthof bietet das Restaurant entsprechend hanseatische Kost – von Aal über Labskaus bis zur roten Grütze.

Krayenkamp 10, Tel. 365800. Die Öffnungszeiten sind täglich 12 bis 24 Uhr, die Küche hat von 12 bis 22 Uhr geöffnet, Krameramtsstuben.de

439

Geiler Laden! Sagen viele. Aber wenn sogar die Hamburg Tourismus GmbH von einer „Institution unter den Bars und Kneipen zwischen Schanze und Eimsbüttel“ schwärmt, kann man ihn eigentlich vergessen. Bei der 439-Bar ist das erstaunlicherweise anders. Schön schummrig-rötlich ist es da, meistens mit gut aussehendem Publikum, das eben nicht vom letzten Junggesellenabschied hereingestolpert kommt, sondern ehrlich und ernsthaft abstürzen will oder bei sehr okayer Musik einen unaufgeregten Abend mit einem Glas Alkohol verbringen möchte.

Die gut bestückte Bar lässt auch für Rum-Freunde keine Wünsche offen. Das wussten früher schon Künstler und Nachbarn, die sich nahe dem Schanzenviertel eine Vorwahl teilten: Die da wäre? 439.

IV III IX, Vereinsstraße 38, Tel. 439 15 50, Öffnungszeiten täglich ab 20 Uhr, www.bar439.de

Familien-Eck

Downtown Ottensen, Kneipen- und Cornerhochburg Alma-Wartenberg-Platz, pardon, Friedensallee. Seit den 80ern kantet sich hier die Traditionskneipe Familien-Eck um die Häuserwand. Heute ein enger, orientalisch beleuchteter, teilweise gekachelter Cocktail- und Longdrinkladen, in dem gern und viel geraucht wird. Eine klassische, hüstel, Szene-Bar, die ganz am Anfang mal eine Schlachterei war. Danach, also Anfang der 80er-Jahre, machte das Familien-Eck als Treffpunkt für ältere, jüngere und andere Anwohner seinem Namen alle Ehre. Zumal das Eck der Eckkneipe nicht gelogen ist. Ein niedlicher roter Gnubbel thront noch über dem herrlich altmodischen Schriftzug an der Hauswand. Heute aber nur noch für Familien über 18 Jahren.

Familien-Eck, Friedensallee 2, Tel. 9823 78 96, öffnet täglich ab 16 Uhr, www.familieneck.de

Zum Goldenen Handschuh

Immer offen, Fanta-Korn, zweites Zuhause von Frauenmörder Fritz Honka, ziemlich übel, aber eben auch Stoff, den das Leben schreibt. Oder Heinz Strunk. Seit 1953 heißt die Kaschemme auf dem Hamburger Berg Zum goldenen Handschuh. Und das hat mit seinem Gründer zu tun: Herbert Nürnberg war ein passabler Boxer, der der Legende nach in den 30er-Jahren die „Goldenen Handschuhe“ gewonnen hatte, die inoffizielle Weltmeisterschaft der Amateur-Boxer (Golden Gloves).

Seither heißt die Kneipe eben so und rekrutiert ihr Publikum aus den abseitigen Lebensbereichen. Ob Hafenarbeiter, Gewohnheitstrinker oder Schaulustige. Es ist, wie Heinz Strunk schrieb, ein – durchaus interessanter – „Laufsteg der Entstellten“.

Zum Goldenen Handschuh, Hamburger Berg 2, Tel. 31 06 90, Öffnungszeiten: 24 Stunden, www.goldener-handschuh.de

Freundlich + Kompetent

Als namentliche Gegenspieler des Musikclubs Uebel & Gefährlich im Bunker auf dem Heiligengeistfeld macht seit mehr als zehn Jahren das Freundlich + Kompetent in Barmbek auf. 2007 an der Gertigstraße in Winterhude gestartet, öffnet die Bar inzwischen unterhalb der Mundsburg-Türme ihre Türen. Livekonzerte, DJ-Sets oder Kickerturniere gibt es regelmäßig, für einen guten Drink oder einen netten Abend ist das F+K immer zu haben. Der Name ist dabei übrigens gar nicht als Gegenpol zum Bunkerclub gedacht. Er ist dem Song „Deutsche Bank“ von Schriftsteller und Liedermachen Funny van Dannen („Neues von Gott“) entliehen, in dem es heißt: „Ich will wie die Deutsche Bank sein, freundlich und kompetent.“

Freundlich + Kompetent, Hamburger Straße 13, Montag bis Sonnabend ab 17 Uhr,
www.freundlichundkompetent.de

Zwick

Der Mythos schlechthin: das Zwick. Sagenumwoben, legendenumrankt und mit guten Steaks. Dazu jede Menge Prominenz. Von Otto Walkes über Udo Lindenberg bis Hugh Grant. Und das alles im heute eigentlich als unrockbar geltenden Pöseldorf. Aber damals war damals, und da ging noch was an der Alster. Den Namen verlieh dem durchaus urigen Pub mit angeschlossener Rock ’n’ Roll-Bühne das ehemalige Betreiberehepaar Zwick. Zuvor war aus einem alten Gemüseladen in der Villa die Kneipe geworden, die von den Pöseldorfern fortan lange „Offie“ gerufen wurde. Bis Familie Zwick kam. Heute hat das Zwick auch einen Ableger auf St. Pauli.

Zwick Pöseldorf, Mittelweg 121b, 443267, täglich ab 19 Uhr, www.zwick4u.com

Kajüte SB12

Das geht immer: Am Blankeneser Strandweg ein Bierchen trinken, Fischsuppe löffeln und dabei „Pötte gucken“. Vor der Kajüte SB 12, Hausnummer 79, kann man sich dabei dann auch noch wie auf Sylt fühlen, denn die Tische stehen zum Teil im Sand. Viele Besucher der urigen Kneipe werden sich schon gefragt haben, woher der Name stammt. Britta Hiemer vom Kajüten-Team liefert die Erklärung: „Einst war das Haus am Strandweg 79 das Fischerhaus von Hinrich von Helms, einem Vorfahren des jetzigen Inhabers Bernd Geercken. Hinrich fuhr einen Segelkutter. Damals gehörte Blankenese noch zu Dänemark und die Fischerflotte war durchnummeriert: „Schleswig-Blankenese 12“ war das Boot von Hinrich – mit entsprechender Abkürzung. Nachdem der Strandpavillon, Nummer 79, bei der Sturmflut 1962 zerstört worden war, baute Bernd Geercken die Kneipe wieder auf. Und im Gedenken an die Ahnen erhielt sie ihren Namen.

Kajüte SB12, Strandweg 79, Tel. 86 64 86 40, Öffnungszeiten: ab März täglich ab 11 Uhr,
ab November Donnerstag bis Sonntag ab 11 Uhr, www.kajuetesb12.de