TV-Projekt

Michel Abdollahi: „Das ist mein Corona-Hilfsfonds“

| Lesedauer: 4 Minuten
Stefan Reckziegel
Michel Abdollahi (39) kam als Fünfjähriger aus Teheran nach Hamburg. Er führt auf St. Pauli nun einen Onlinesender.

Michel Abdollahi (39) kam als Fünfjähriger aus Teheran nach Hamburg. Er führt auf St. Pauli nun einen Onlinesender.

Foto: Marcelo Hernandez

TV-Preisträger Michel Abdollahi hat jetzt seinen eigenen Sender, das „Vierte Deutsche Fernsehen“. Er schafft in der Krise neue Jobs.

Hamburg. „Das Vierte“ nannte sich vor einigen Jahren ein privates Vollprogramm, zu empfangen über Kabel und digital. Es wurde Ende 2013 eingestellt, ohne dass es jemand vermisst hätte. „Viertes Deutsches Fernsehen“ (VDF) heißt seit Kurzem ein TV-Projekt, das so gar nichts mit „Das Vierte“ zu tun hat. Das VDF kommt zeitgemäß via Internet und über die sozialen Kanäle daher - und ist eine Hamburger Erfindung. Dahinter steckt ein Kopf, der weiß, wie das „Erste“ und das „Dritte“ arbeiten: Michel Abdollahi, 2016 für seine Reportage „Im Nazidorf“ (Panorama - die Reporter) und seine unkonventionellen Straßenaktionen im NDR-„Kulturjournal“ mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet.

Der Journalist und Moderator dreht mit seiner eigenen Produktionsgesellschaft Telemichel auch zu Corona-Zeiten wenn immer möglich im Gruenspan auf St. Pauli für den NDR seine Late-Night-Show „Der deutsche Michel“ und im U-Boot am Altonaer Fischmarkt den Talk „Käpt’ns Dinner“ - an diesem Freitag zu sehen mit Schauspieler Peter Heinrich Brix. Dank der Erlöse aus seiner Telemichel-Arbeit für das öffentlich-rechtliche Fernsehen ist Abdollahi inzwischen selbst zum Programmchef geworden. Mit Geschäftspartner Robert Oschatz führt er als Gesellschafter seinen eigenen Non-Profit-Onlinesender. Beide haben trotz Pandemie sieben Vollzeit-Arbeitsplätze geschaffen.

„Viertes Deutsches Fernsehen“ mit Beiträgen zu Rassismus und Sexismus

Das freut Abdollahi. Als 2020 während des ersten Lockdowns auf dem Dach eines Bürogebäudes auf St. Pauli einige Leute aus der Medien- und Kulturbranche, „alle unter 30“, um ihn herumsaßen, blickte er in verzweifelte Gesichter: „All ihre Aufträge waren verschoben oder storniert, die Konten fast leer“, erzählt Abdollahi. Er erinnerte sich daran, wie er vor 15 Jahren mit Schulfreund Jan-Oliver Lange und wenig Geld als Poetry-Slammer angefangen hatte, ehe sie mit der Marke Kampf der Künste Deutschlands erfolgreichstes Label für junge und jung gebliebene Wettdichter etablierten.

„Ich sehe es als Verpflichtung, den jungen Leuten etwas zurückzugeben“, sagt Abdollahi, der Ende April seinen 40. Geburtstag feiert. Er sammelte Ideen für Beiträge, die insbesondere Menschen unter 35 bewegten. Mit den sieben jungen Kreativen aus Hamburg und Schleswig-Holstein baute er innerhalb kurzer Zeit das „Vierte Deutsche Fernsehen“ auf. Sie produzierten Beiträge zu Themen die beim alles überlagerndem Dauerkomplex Corona oft zu kurz kamen und kommen: Rassismus, Sexismus, Probleme beim Studium. Allles unter dem Motto: Unterhaltung mit Haltung, verpackt in durchaus anspruchsvollen Journalismus mit Augenzwinkern.

Rollentausch beim „Catcalling“ – ein viraler Hit

Am Originellsten sicher der Rollentausch beim „Catcalling“, der obszönen Anmache von Frauen mit lautem Hinterherrufen. Im Beitrag dreht Reporterin Daphne Ivana Sagner den Spieß um, pfeift Männern auf der Straße hinterher, belabert sie („Geiler Arsch!“), sodass mancher irritiert reagiert oder sich hinterfragt. Das Ganze ergänzt von Aussagen junger Frauen. Das Experiment erzielte innerhalb weniger Stunden 1,3 Millionen Aufrufe – ein viraler Hit.

Die wichtigsten Corona-Themen im Überblick

Mit einer von Autor Robert Weitkamp sarkastisch kommentierten Bestandsaufnahme der dubiosen Partykultur auf dem Hamburger Berg, als Betrunkene und Feierwütige im Spätsommer frank und frei erzählten, wie gleichgültig ihnen Covid-19 sei, schaffte es das „Vierte Deutsche Fernsehen“ sogar ins Erste, zu „Extra 3“.

Im „Alman-Taxi“ mit Linda Zervakis

Auch das macht Senderchef Abdollahi glücklich. Am meisten jedoch, dass er mit seinem Team weiterarbeiten kann: „Das ist mein Corona-Hilfsfonds.“ Nachdem Abdollahi von der Kulturbehörde knapp 100.000 Euro Fördergeld bewilligt bekommen hat, sind die innovativen sieben erst mal bis Jahresende beschäftigt. Taxifahren wäre für die jungen Kreativen keine Alternative gewesen – bei der mauen Auftragslage.

Außerdem macht das bereits Abdollahi: Für die VDF-Rubrik „Alman-Taxi“ interviewt der Hamburger Michel, der als Kind in der Hansestadt landete, Gäste mit Migrationsgeschichte, etwa Ex-Boxweltmeisterin Susi Kentikian oder „Tagesschau“-Sprecherin Linda Zervakis. Es ist für Abdollahi ein unbezahlter Nebenjob.

„Viertes Deutsches Fernsehen“ Infos und Beiträge unter www.viertes.tv

Käpt’ns Dinner Fr, 24 Uhr, NDR

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