Buchkritik

"Der Nachtwächter": Ein schlicht grandioser Erzählwirbel

| Lesedauer: 6 Minuten
Louise Erdrich hat ein lehrreiches und unterhaltsames Buch vorgelegt.

Louise Erdrich hat ein lehrreiches und unterhaltsames Buch vorgelegt.

Foto: Aufbau Verlag/Paul Emmel

Für das Buch bekam Louise Erdrich den Pulitzer-Preis. Jetzt ist der starke Roman auf Deutsch erschienen.

Hamburg. Ruhm hat diese Autorin verdient, Ruhm und Ehre und Triumphe. Und, natürlicherweise, wie man zu sagen geneigt ist, hat sie diese bislang zuvorderst in ihrem Heimatland eingefahren. Im deutschsprachigen Raum gebühren Louise Erdrich, geboren 1954 in Little Falls, Minnesota, jedoch auch ganz, ganz viele Leserinnen und Leser. Allerspätestens im Hinblick auf Erdrichs nun auf Deutsch vorliegenden neuen Roman „Der Nachtwächter“ (2020 unter dem Titel „The Night Watchman“ im Original erschienen). Für den erhielt Erdrich unlängst den Pulitzer-Preis.

„Der Nachtwächter“ könnte Erdrichs persönlichster Roman sein

Erdrich, die väterlicherseits deutscher Abstammung und mütterlicherseits auch indianischer Herkunft ist, hat mehr als einmal über Amerikas Ureinwohner geschrieben. Zuletzt erschien auf Deutsch „Die Wunder von Little No Horse“, und jetzt dieser unter anderem ihrem Großvater Patrick Gourneau gewidmete Titel: „Der Nachtwächter“ könnte ihr persönlichster Roman sein.

In einem hinreißend leichten Ton, der über das Gewicht der Themen, die er bespricht, nie hinwegtäuschen will, erzählt Erdrich von Thomas Wazhashk, dem Vorsitzenden des Stammesrats im Turtle-Montain-Reservat in North Dakota. Thomas ist außerdem Wachmann einer Fabrik. Die Nachtwachen nutzt er, um sich für die Belange seines Stammes, der Turtle Mountain Band of Chippewa, mit Schreiben und Eingaben an hochrangige Regierungsvertreter einzusetzen. In der Erzählgegenwart des Jahres 1953 ist das bitter nötig. Auf Betreiben von Senator Arthur V. Watkins sollen die in Reservaten lebenden Indianer „terminiert“ oder, wie es noch weitaus euphemistischer heißt, „emanzipiert“ werden.

Es geht um ein wahres Kapitel der amerikanischen Geschichte

Ein wahres Kapitel der amerikanischen Geschichte: Gegen bestehende Verträge sollten die Reservate aufgelöst und die Indianer vollständig assimiliert werden. Anders ausgedrückt, wollte man den Indianern auch noch ihr letztes Land wegnehmen. Mit allen damit verbundenen Tatsachen; der Entlassung der Indigenen in ungesicherte, prekäre Lebensumstände und dem drohenden Verlust der indianischen Identität.

Erdrichs Großvater wehrte sich im Namen seines Volkes gegen die folgenschweren Pläne der Mächtigen. Aus den Unterlagen in seiner Hinterlassenschaft, zu denen Erdrich Zugang hatte, formte die Schriftstellerin mit viel Liebe für die auftretenden Personen eine aufwendige Geschichte, die die realen Vorgänge mit den Mitteln der Literatur veredelt. Und was ist das für eine Vielzahl an Personen, die hier auftritt! Man braucht zwei, drei Kapitel zur Orientierung.

Der zweite große Erzählstrang ist der Nichte Patrice gewidmet

Dann ist man aber unversehens mittendrin in einem grandiosen Erzählwirbel aus Familiendrama, existenzialistischer Komödie, Coming-of-Age-Geschichte, Geisterstory, indianischem Milieureport und mystischem Surrealismus. Während Thomas, der Unbeugsame, seine Truppen sammelt, um der Obrigkeit im Kongress in Washington D.C. direkt und mit Geschick die Stirn zu bieten, wächst seine Nichte Patrice, die zu ihrem Leidwesen von allen nur Pixie genannt wird, im Reservat zur Frau heran.

Patrice arbeitet in der Lagersteinfabrik, die Thomas nachts bewacht, ihr ist der zweite große Erzählstrang gewidmet. Ein kluger Zug der gewieften Erzählerin Erdrich, mit Patrices Familie, der die Schattenseiten des Lebens nicht fremd sind, nimmt sie die von Beschwernissen gekennzeichneten Alltagsschicksale der Indianer der 1950er-Jahre in den Blick. Der Vater ist ein Säufer, der monatelang auf Tour ist, um nach einem gelegentlichen Ausnüchtern wieder unterwegs zu sein. Auch Vera, Patrices Schwester, ist verschwunden. Im Sündenpfuhl Minneapolis, wie Patrice weiß. Sie bricht auf, um die Ältere zu suchen.

Patrice ist ein starker, sturer Charakter

Die Beschreibung von Patrices Stadttrip – mit speziellem Twist: Unschuld vom Lande wird für kurze Zeit die abendliche Attraktion einer feucht-erotischen Bar-Darbietung – gehört zu den stärksten Kapiteln dieses Romans. Louise Erdrich beherrscht Dialog und Szene, und sie ist eine Meisterin der Erzählcollage, die sich auch die Freiheit nimmt, Figuren-Hopping zu betreiben. Im Fortgang der Handlung werden die Schlaglichter, die sie auf ihr Personal wirft, durchaus flüchtiger. Das sind die Romanstellen, in denen sie den Plot cinephil rafft, man fühlt sich glatt an eine hochkalibrige HBO-Serie erinnert.

Patrice ist ein starker, sturer Charakter, der Idealtypus der eigensinnigen, unabhängigen Frau, die sich nicht auf vorbestimmte Lebenswege lenken lässt. Es kann nicht ausbleiben, dass man ihr als Leser die größte Sympathie entgegenbringt; insbesondere auch hinsichtlich ihrer herausragend störrischen Art, sich den Gunsterweisungen und Liebeshandlungen ihrer Verehrer zu entziehen. Patrice ist eine schöne Frau, die Männer liegen ihr zu Füßen. Barnes, der amourentrottelige Mathe- und Boxlehrer. Wood Mountain, der anständige Junge aus dem Reservat, der unerfahren genug ist, um noch als niedlich in seiner Anhänglichkeit gelten zu dürfen. Louise Erdrich hat Humor, das ist nicht die schlechteste Zutat eines literarischen Programms.

Der Roman porträtiert ein Kapitel indianischen Lebens in Nordamerika

In „Der Nachtwächter“, einem immerhin 500 Seiten dicken Buch, porträtiert sie ein Kapitel indianischen Lebens in Nordamerika. Am Ende der gegen die perfiden Pläne der Regierung gerichteten Kampagne ist auch Patrice an Bord derselben. Erdrichs Ambition besteht erkennbar darin, das Lebensgefühl der Reservatbewohner zur Mitte des vergangenen Jahrhunderts darzustellen. Es ist deshalb Bitterkeit, die ihren Protagonistinnen und Protagonisten mitunter zwischen die Zeilen gerät. Bitterkeit und Ironie.

„Der Nachtwächter“ ist ein lehrreiches und unterhaltsames Buch. Erdrichs Interesse für das Wurzelwerk der eigenen Biografie ist übrigens umfassend: Die deutsch-amerikanische Linie ihres Stammbaums rückte sie 2003 in dem Roman „The Master Butcher’s Singing Club“ (dt. „Der Club der singenden Metzger“, 2019 von Uli Edel verfilmt) in den Mittelpunkt.