Glosse

Durchgenudelt: Warum wir auch sinnlose Rankings brauchen

Am Weltnudeltag darf einem bei diesem Anblick schon mal das Wasser im Mund zusammenlaufe: Spaghetti Carbonara

Am Weltnudeltag darf einem bei diesem Anblick schon mal das Wasser im Mund zusammenlaufe: Spaghetti Carbonara

Foto: Marcelo Hernandez

Düsseldorf hat die längste Theke, Hamburg die beste Wurst-Theke. Von Touri-Studien und Eleganz-Rankings. Eine Glosse.

Hamburg. Fühlen Sie sich heute vielleicht besonders glücklich, müde oder wie durch eine Form gepresst? Wenn ja, wäre das kein Wunder, denn heute ist Weltnudeltag, und die erwähnten Eigenschaften haben allesamt etwas mit der Herstellung und den Effekten der Teigwaren zu tun. Zwar können wir nicht mit den Italienern mithalten – die Pasta-Primasse verzehren pro Jahr nach Angaben des Portals meinbauch.net 600 Kilometer Spaghetti pro Jahr, während die immer noch auf Kartoffeln geeichten Teutonen im gleichen Zeitraum nur acht Kilogramm Nudeln schaffen – aber immerhin.

Der Deutschen liebste Nudeln sind Spaghetti vor Fussili und Penne

Die Hartweizenprodukte sind für 38 Prozent unserer Landsleute das Lieblingsgericht. In unseren Pasta-Charts, es gibt immerhin 600 verschiedene Sorten, führen Spaghetti vor Fussili/Spirelli, Penne, Tagliatelle, Makkaroni und Farfalle. Um die abbauen zu können, schüttet der Körper Insulin aus, damit gelangt mehr Tryptophan ins Gehirn, das man wiederum braucht, um das Glückshormon Serotonin zu produzieren. Man kann sich also glücklich schätzen, äh, essen – wenn man es nicht übertreibt. Bei zu viel Nudelgenuss fällt der Blutzuckerspiegel und man wird müde. Das Phänomen ist auch als „Fressnarkose“ bekannt.

In Hamburg steht zurzeit die „beste Wursttheke Deutschlands“

Aber erst einmal genug genudelt. Die Liste der beliebtesten Teigwaren ist ja nicht die einzige, die uns in diesen Tagen um die Ohren gewickelt wird. Um gleich mal im Genusssektor zu bleiben: In Hamburg steht die „beste Wursttheke Deutschlands“. Die Zeitschrift „Essen & trinken für jeden Tag“ verlieh diesen sehr speziellen Titel an den Edeka-Markt Niemerszein in St. Georg in der Langen Reihe mit seiner 16 Meter langen Theke.

Was soll dieses ständige Ranking überhaupt?

Bei Ihnen macht sich so langsam ein Völlegefühl breit, oder sind Sie Vegetarier? Wie wäre es mit etwas weniger materiellen Kriterien? Gastfreundschaft zum Beispiel. Da steht Hamburg, wo der HSV gern wäre, nämlich ganz oben in der Tabelle. Oder Eleganz. Auch hier hat es ein Städte-Ranking gegeben. Paris gewann vor London, Hamburg landete auf Rang 20. München war wieder mal besser, aber, ein nicht unwichtiger Trost: Berlin landete nur auf Platz 68. Ob hier auch die spielerische Eleganz von Bundes- und Zweitliga-Fußballvereinen mit eingepreist wurde, ist nicht bekannt.

Aber was soll dieses ständige Ranking überhaupt? Abgesehen davon, dass kaum eine dieser Listen, auch diese nicht, wissenschaftlichen Kriterien genügen würde, sind sie wohl Ausdruck des verzweifelten Versuchs von Menschen, einem chaotischen oder zumindest unsystematischen Leben irgendwie Ordnung und eine Hierarchie abzuringen.

Dafür brauchen wir die Dax-Liste und die Bundesligatabelle genauso wie die Schiffsmeldungen im Abendblatt. Dass ein Leben ohne Listen beinahe sinnlos ist, hat schon der britische Autor Nick Hornby in seinem Roman „High Fidelity“ anschaulich und unterhaltsam beschrieben. Aber jetzt muss ich los, irgendwie verspüre ich gerade einen Heißhunger auf Spaghetti. Die stehen auf meiner Liste ganz oben, und das nicht nur wegen ihrer zeitlosen Eleganz.