Interview

Bitte nur das Beste für Designerin Iris von Arnim

Foto: Thomas Leidig

Wir trafen die Cashmere-Queen in ihrem Atelier. Ein Gespräch über zeitlose Eleganz, ihren Neuanfang mit Sohn Valentin und alte Kollegen.

Es ist nicht leicht, eine Audienz bei der Kaschmir-Königin zu bekommen. Dann klappt es aber doch zwischen zwei Reisen – nach Italien (beruflich) und Sylt (privat). Iris von Arnim empfängt im Garten ihrer Stadtvilla: 1,75 Meter, gertenschlank, glatte silbrige Haare, große blaue Augen. Schmale Jeans und High Heels. Eine grazile Erscheinung. Umso überraschender ist die tiefe, von vielen Zigaretten rauchige Stimme, die das Gezwitscher der Vögel übertönt. Vieles klingt selbstverständlich, so, als hätte Iris von Arnim ihre Geschichte schon hundertmal erzählt. 1976 eröffnete sie ihre erste Boutique in Hamburg, 1979 feierte ihre Strick-Kollektion auf der „Igedo“ Premiere. Jetzt, 30 Jahre später, ist die Anspannung wieder da: Im Parterre ihres mehrstöckigen Hauses in Harvestehude hängt bereits die Sommer-Kollektion 2011 für die Präsentation in Düsseldorf, darunter grob gestrickte Westen in Rosé, zarte Kaschmirschals und – Pullover mit Schrift und Herzchen. Herzchen? „Ein Liebesbrief eines Verehrers aus den 70er-Jahre, erklärt sie den kunstvollen Druck. Die beiden Originalbriefe stehen gerahmt daneben. Mehr wird jedoch nicht verraten – Privatsphäre ist ihr heilig. Iris von Arnim hat das Schneiderhandwerk nie gelernt. Dafür das Stricken: aus Langeweile im Krankenbett nach einem Autounfall. Sie verliebte sich in ihren damaligen Arzt, die Liebe zerbrach, die Leidenschaft für Strick aber ist bis heute geblieben. Die 65-Jährige gehört zu den deutschen Top-Designern. „Bild“ verlieh ihr den Spitznamen „Cashmere-Queen“, weil sie die erste war, die dieses Material populär machte. Und „weil die mal wieder eine Schlagzeile brauchten“, so Iris von Arnim. Wie auch immer: Es ist ein Titel, der ihrer Karriere nicht geschadet hat. Und der sie bis heute noch sehr amüsiert.

Abendblatt:

Bei Strick denke ich automatisch an Brigitte-Anleitungen und weniger an Trendmode. Wie gelingt es Ihnen, sich nach 30 Jahren noch zu inspirieren?

Iris von Arnim:

Meine Mitarbeiter kennen das schon. Vor jeder Präsentation jammere ich: „Das war die beste Kollektion, die ich je entworfen habe. Was soll mir jetzt noch einfallen?“ Aber eine Kollektion entwickelt sich immer aus der vorhergehenden. Mir fällt immer etwas ein. Und ich mache immer noch Mode für die Frau, die ich am besten kenne: für mich.

Und diese Frau ist …

… unauffällig, schlicht, zurückhaltend, mit einem leichten Hang zur Extravaganz. Und sie fühlt sich neuerdings pudelwohl in Kleidern. Aus Strick versteht sich.

Wie kommt’s?

Das hat mit meiner Laune zu tun. Und mit der Figur. Manchmal hat man ja eher das Bedürfnis, sich in Kleidung zu verstecken. Im Moment zeige ich mich eben gern.

Spielen Modetrends denn gar keine Rolle?

Sie meinen diese schnelllebigen Trends, auch genannt Fashion? Seitdem mein Sohn Valentin ins Geschäft eingestiegen ist und den internationalen Markt gewinnt, wir in New York und Paris ausstellen, kommt Fashion überhaupt erst dazu. Aber ich interpretiere sie auf meine Art: Sie ist einzigartig und eben auch sehr teuer.

Der Gegenentwurf zur Wegwerfmode, bei der ein Teil nur noch zehn Euro kosten darf.

Die Trendmode von H&M und Zara, das sind Einstiegskleider zu günstigen Preisen für junge Mädchen, die noch viel ausprobieren wollen. In ein Teil von mir muss man sich verlieben, es sammeln, es genießen, und dann muss es ein Lieblingsstück werden. Ich möchte dazu verführen, dass man ein Teil sofort anziehen möchte.

Einen Strickpullover im Sommer?

In einem Sommer wie diesem muss es natürlich ein Spitzenstrick sein: schmückend, aber auch sportlich-lässig. Der Iris von Arnim-Stil ist grobmaschig, haptisch und fotogen. Für den Winter habe ich mir ein Detail überlegt: ein Kaschmirbändchen, das mit 20er-Stricknadeln gearbeitet wird – das sagt auch Hausfrauen etwas – und daraus wird in 15 Stunden Handarbeit ein Bändchengarn-Pullover. Mit Seide ergibt das einen interessanten neuen Look.

Interessant, das ist auch der Aufdruck eines alten Liebesbriefs …

Ein paar Spielereien muss man wagen, aber sie dürfen nicht zu kompliziert sein. Würden Sie das Shirt tragen?

Ja, sofort. Nur: Kann ich es mir leisten?

Es stimmt, ich bin an der oberen Grenze. Kaschmir ist das teuerste Material der Welt. Und in den Pullovern steckt eine Menge Manpower – vom Kämmen der Ziegen über das Garnspinnen bis zur Färbung. Dann die Fertigung in Italien, wo man das Kaschmirstricken als wahre Kunst versteht. Jedes Modell ist noch ein Design, da passt die Spitze genau zum Strickmuster. Aber ich führe auch Basics ab 280 Euro. Ein aufwendigeres Bändchenmodell kostet natürlich mehr, bis zu 2000 Euro.

Sie leben und arbeiten in einer Stadtvilla an der Alster, haben ein Haus auf Sylt – empfinden Sie das überhaupt noch als Luxus?

Luxus, dieses Wort gefällt mir nicht. Ich würde es eher so formulieren: Wo fühle ich mich reich? Vor kurzem war ich zu Gast auf der Hochzeit meiner besten Freundin in der Uckermark. 60 Gäste, dazu viele Kinder, feierten zwei Tage lang bei schönstem Wetter in einem Rosengarten. Ein einfaches Ambiente. 200 Jahre alten Eichen. Es ging um die Menschen, um das Miteinander. Es gab solides, aber richtig gutes italienisches Essen. Es stimmte einfach alles. Was das Materielle betrifft: Natürlich ist es auch sehr angenehm, nicht jeden Pfennig umdrehen zu müssen. Das ist schon eine große Freiheit.

Zumal es ja nicht immer so rosig bei Ihnen lief. Als alleinerziehende Mutter in den 70ern – das stelle ich mir sehr schwierig vor.

Als mein Sohn 1979 zur Welt kam, war ich bereits eine erfolgreiche Designerin – und alleinerziehend. Es war natürlich nicht ideal. Dazu gehört schon Souveränität. Ich hatte mich gegen die Heirat entschieden, musste also selbst für Geld sorgen, unter anderem, um ein Au-pair zu bezahlen. Mir blieb gar keine Wahl zwischen Kind oder Karriere.

Da kommt schnell jemand zu kurz ...

Von Arnim: Ich muss sagen, dass die Arbeit damals noch nicht so aufwendig war. In den 70ern bestand eine Kollektion aus 50 Teilen, heute sind es 200. Hinzu kommt, dass meine Kundinnen damals eine große Lust auf meine Modelle hatten, weil sie einfach anders waren. Heute sind sie alle gut versorgt. Und ich muss sehr viel intensiver nachdenken, wie ich sie verführen kann. Dieser Leistungsdruck hat überall zugenommen, nicht nur in der Mode.

Vor allem in der Kindererziehung!

Stimmt. Der Ehrgeiz, aus den Kindern das Beste herauszuholen, ist enorm. Diesen Stress haben wir uns damals nicht so gemacht. Mal hat man zum Einschlafen was vorgelesen, mal nicht. Wenn ich zu müde war, haben wir einfach zusammen ferngesehen. Valentin konnte häufig bei Schulfreunden übernachten, wenn ich auf Reisen war.

Und? Hat es ihm geschadet?

Ich denke nicht. Man muss in sich ruhen, darf die Leichtigkeit nicht verlieren. Ich war nie eine Hundert-Prozent-Mutter, sondern zu gleichen Teilen Mutter, Geschäftsfrau und Privatperson. Ein eigenes Leben zu haben, ist extrem wichtig. Sonst fällt man nach der Erziehung in ein Loch und hofft, dass der Sohn zumindest einmal in der Woche anruft.

Valentin und Sie sind Geschäftspartner, Sie sehen sich täglich. Das spricht für eine gute Beziehung.

Mittlerweile ist sie gut. Es gab eine Menge Kabbeleien. Schließlich treffen bei uns auch zwei Generationen aufeinander: die junge, positive und die ältere, skeptische. Außerdem mussten wir uns an die Nähe gewöhnen. Mein Sohn war jahrelang als Banker in New York tätig. Jetzt entscheidet er über meine Firma mit 20 Angestellten mit, beurteilt meine Designs. Das ist wichtig, denn er wird ja in Zukunft auch mit anderen Designern arbeiten müssen.

Wolfgang Joop und Jil Sander haben ihre Marken an Investoren verkauft. Ist das für Sie auch vorstellbar: Iris von Arnim made in China?

Zugegeben: Ich habe mit dem Gedanken gespielt. Aber seitdem Valentin in der Firma ist, ist das Thema vom Tisch. Iris von Arnim ist zu 100 Prozent in Familienbesitz, und so soll es auch bleiben. Erst jetzt beginnt es richtig Spaß zu bringen. Die Firma ist wie ein Diamant, den man noch schleifen kann. Ich habe die Marke Iris von Arnim aufgebaut und in Deutschland etabliert. Valentin führt sie in die nächste Generation.

Wie verstehen Sie sich mit Ihren Hamburger Designer-Kollegen?

Sehr respektvoll. Wolfgang Joop ist ja ein genialer Modedesigner. Das sage ich ihm auch jedes Mal, wenn ich ihn auf Sylt treffe – ein Dorf, in dem man sich ständig über den Weg läuft. Als ich Jil Sander das letzte Mal bei einer Veranstaltung in Hamburg traf, war jegliche Traurigkeit von ihr gewichen. Sie hat sich für den richtigen Schritt entschieden, auch wenn japanische Billigmode nicht so recht zu ihr passt. Was Jil Sander anpackt, daraus wird auch was! Leider sehen wir uns nur sehr selten. Ich gehe ja auch nicht mehr so häufig auf Partys.

Das war aber mal anders. Haben Sie sich geändert oder die Partys?

Da geht es ohnehin nur noch um das Knüpfen von Kontakten. Das überlasse ich jetzt meinem Sohn. Früher habe ich so viel gefeiert, habe hier in meinem Garten Theater spielen lassen. Und plötzlich bringt mir das keinen Spaß mehr. Jetzt freue ich mich, wenn ich bereits am Donnerstagabend auf die Insel fahren kann.

Dort gehen Sie spazieren, lesen unendlich viel und überlegen, wo und mit wem Sie abends essen?

Nein, ich lerne zu kochen. Etwas, das ich früher nie gemocht habe. Ich weiß jetzt, dass man als erstes eine Küchenwaage braucht. Und dass es Spaß bringt, Menschen mit selbst gebackenen Kuchen zu überraschen – die mir mehr oder weniger gut gelingen. Ab und zu lade ich Freunde zum Essen ein, für größere Gesellschaften habe ich zum Glück eine liebe Freundin, die mir hilft. Wahrscheinlich benötige ich fünf Mal so lange wie andere Hobby-Köche. Aber es entspannt mich, stundenlang in der Küche zu stehen und zu experimentieren. Von meinem Fenster aus sehe ich direkt auf die Heide. Sie fragten vorhin nach Luxus – das ist Luxus!